Stories

Die Welt als Bühne

Design-Ausstellung über Aldo Rossi in Mailand 

Ganz gleich ob Gebäude, Brunnen, Möbel oder Leuchten: Aldo Rossi hat die Dinge des Alltags als Zeichen verstanden, als Requisiten für ein Schauspiel namens Leben. Der Sprung in den Maßstäben ist gleichermaßen zu seiner Signatur und Arbeitsweise geworden, wie die im Mailänder Museo del Novecento eröffnete Ausstellung Aldo Rossi. Design 1960-1997 zeigt.

von Norman Kietzmann, 11.05.2022

Gleich am Anfang prangt eine Krakelei an der Wand. Fast würde man denken, ein Graffiti-erprobter Teenager hätte sich hier mit dickem Filzstift verewigt. Tatsächlich sind es die zum abstrahierten Logo verbundenen Initialen, die Aldo Rossi (1931-1997) auf seinen Zeichnungen hinterließ. Der Mailänder Architekt hat nicht nur ein breit gefächertes Œuvre an Gebäuden hinterlassen. Er war ebenso ein umtriebiger Designer.

Die Wechselwirkung zwischen beiden Feldern untersucht die noch bis zum 02.Oktober laufende Ausstellung im Museo del Novecento in Mailand. Die zeitliche Zuordnung des Hauses ist übrigens kein Fehler: Weil in Italien die Jahrhunderte rückwärts und nicht vorwärts aufgerundet werden, ist das Museum direkt an der Piazza Duomo nicht dem 19. Jahrhundert, sondern dem 20. Jahrhundert gewidmet. Und genau in dem hat Aldo Rossi deutliche Spuren hinterlassen.

 
Kollektives Gedächtnis
„Ein Möbelstück ist eine Mischung: Form, Funktion, Materialien und so viele schöne Dinge, die der Architektur zuzuschreiben sind. Möbel sind also ‚Objekte der Zuneigung‘ oder zumindest sollten sie das sein“, sagte Aldo Rossi einst. Der Vorreiter der Postmoderne hat Gebäude ebenso zu Symbolen erklärt wie die Dinge des Alltags. Seine Stühle, Schränke oder Kaffeemaschinen wirken wie miniaturisierte Architekturen. Sie wirbeln die Größenverhältnisse durcheinander. Klein ist groß, groß ist klein.

Ein Entwurf kann Brunnen, Denkmal, Wohnhaus, Friedhof oder Küchenutensil sein. Nicht die Form ist entscheidend, sondern ihr Kontext. Die Einordnung in das jeweilige Größenverhältnis bestimmt über Funktion und Bedeutung. Architektur und Möbel sind gleichermaßen auf geometrische Grundkörper reduziert. Sie appellieren an das kollektive Gedächtnis, lassen die Dinge vertraut erscheinen. Damit besitzen sie etwas Ewiges und Flüchtiges zugleich. Sie könnten immer schon existiert haben. Oder sie können verschwinden wie lose übereinander gestapelte Bauklötzchen, die plötzlich wieder eingesammelt werden.
 
Magische Objekte
Die von Chiara Spangaro kuratierte Ausstellung verbindet die Zweidimensionalität mit dem Plastischen. An fast allen Wänden sind gerahmte Zeichnungen zu sehen, die den Entstehungsprozess der davor gezeigten Objekte deutlich machen: nur ganz selten als Skizzen von reinen Produkten. Fast immer denkt Rossi in Räumen, in architektonischen Umgebungen – ganz gleich, ob diese real gebaut wurden oder nur im Reich der Imagination entstehen. „Unser Vater mochte es, Möbel und Objekte zu entwerfen. Wahrscheinlich deshalb, weil das Design es ihm erlaubt hat, mit kleinen, architektonischen Formen zu spielen und sie in die Domäne des Alltäglichen zu transportieren. Die Objekte sind lebendig und magisch“, schreiben Aldo Rossis Kinder Vera und Fausto Rossi im Vorwort zur Ausstellung. Viele der 350 Exponate stammen aus der von ihnen geleiteten Familienstiftung, die über den Nachlass des 1997 verstorbenen Gestalters wacht-
 
Ständige Perspektivwechsel
Über die Objekte des Alltags wurde im Hause Rossi permanent gesprochen. Sie wurden beobachtet und fotografiert. Immer wieder änderte Aldo Rossi ihre Position, kreierte Arrangements. Die Espressomaschinen La Conica und La Cupola (1982 und 1988 für Alessi) „wurden mal mit zwei Holzenten auf dem Kaminsims aneinander gereiht. Am nächsten Tag standen sie auf dem langen Küchentisch, zusammen mit einer Heiligenfigur, einem Kerzenhalter und einem Holzpferd mit dem Namen Capodanno (zu Deutsch „Neujahr“, Anm. d. Red.), das unser Vater oft gezeichnet und fotografiert hat“, erzählen Vera und Fausto Rossi. Die Dinge existieren nicht losgelöst für sich alleine. Sie werden im Zusammenhang betrachtet. Und der kann sich ändern. Jederzeit.
 
Imaginäres Zuhause
Die Ausstellung lässt die Besucher*innen in genau jene häusliche Umgebung eintauchen. Auf der Hälfte des Rundgangs gelangen sie in einen vermeintlichen Nachbau eines Zuhauses. Ein großer Esstisch steht vor dem Kamin, dessen Sims mit einem Obelisken oder antiken, amerikanischen Kaffeekannen aufwartet. Zahlreiche Ölgemälde, Skizzen und Drucke hängen an den blau gestrichenen Wänden, ebenso ein Architekturmodell für ein Wohnprojekt in Monza, das Rossi 1966 zusammen mit Giorgio Grassi entworfen hat. Antiquitäten und Rossis eigene Entwürfe sind zu sehen, darunter der Sessel Providence (1992) und der Stuhl Milano (1987) für Molteni&C, der Schrank Convento (1990) für UniFor oder der eigens angefertigte Nachbau eines Beistelltisches aus dem Jahr 1960, den Aldo Rossi zusammen mit Leonardo Ferrari entworfen hatte.
 
Stilisiertes Gesamtkunstwerk
Der Raum ist keine präzise Nachbildung eines existierenden Zuhauses, sondern von Aufnahmen inspiriert, die die Fotografen Luigi Ghirri und Stefano Topuntoli von den Häusern, Wohnungen und Studios angefertigt haben, die Aldo Rossi besessen hat. Diese Inszenierung wurde – wie das gesamte Ausstellungsdesign – von Morris Adjmi geplant, der über mehrere Jahre im Büro von Aldo Rossi gearbeitet hatte und dessen späterer Geschäftspartner in New York wurde. Neun Räume wurden von ihm geschaffen, die mit rosafarbenen Wänden aufwarten und damit die Atmosphäre von Aldo Rossis Wohnung in der Mailänder Via Maddalena heraufbeschwören. Die Tonalität korrespondiert mit den Pastellfarben von Aldo Rossis Zeichnungen, die einen während des gesamten Parcours begleiten und die auch viele seiner plastischen Arbeiten bestimmen.
 
Theater der Welt
Ganz am Ende des Rundgangs gelangen die Besucher*innen in einen Raum, der dem Teatro del Mondo gewidmet ist: jenem nomadischen Theaterbau aus holzbeplankten Baugerüsten, den Aldo Rossi auf einem Lastenschiff errichten ließ und anlässlich der ersten Architekturbiennale in Venedig 1980 durch die Lagune und schließlich über die Adria bis nach Dubrovnik fahren ließ. Architektur überwindet Systemgrenzen, verbindet Denkmodelle. Und noch viel mehr: Sie taucht plötzlich auf aus dem Nichts und verschwindet wieder – wie die Requisiten eines Schauspiels.

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Links

Museo del Novecento

www.museodelnovecento.org

Fondazione Aldo Rossi

www.fondazionealdorossi.org

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