Domotex 2017: Boden in Bewegung
Ein Ausblick auf die Formate und Gäste der Weltleitmesse für Bodenbeläge.
Noch sind es gut zwei Monate bis zur nächsten Domotex, der Weltleitmesse für Bodenbeläge, die vom 14. bis 17. Januar 2017 in Hannover stattfinden wird. Das Angebot wächst und mit ihm das Begleitprogramm der Messe. Stefan Diez ist wieder Experte der Innovations@Domotex, Alfredo Häberli ist als Special Guest geladen. Für uns Grund genug, bereits jetzt einen Ausblick auf das neue Boden-Jahr zu geben.
Mit einer Zielgröße von 1.350 Ausstellern bleibt die Domotex auch in ihrer kommenden Ausgabe in gewohnter Größenordnung. Hersteller aus mehr als 60 Ländern sind vertreten, 80 Prozent der Hersteller kommen aus dem Ausland. Dass ausgerechnet Hannover zum internationalen Parkett der Bodenbelagsbranche geworden ist, liegt auch am runden Rahmenprogramm der Messeveranstalter. Während in manchen Hallen edle Kelims und Knüpfteppiche aus traditionellen Fertigungsbetrieben wie geschnitten Brot an internationale Händler verkauft werden, informieren mehrere Sonderflächen in den Messehallen 6, 9 und 17 über Innovationen und Trends für den Boden.
Orientierung gewinnen
Bereits zum vierten Mal wird das Format Innovations@Domotex ausgerichtet, wieder unter der Juryleitung des Münchner Designers Stefan Diez. Was für ausgewählte Aussteller und ihre Produkte zur Auszeichnung wird, dient den Besuchern – ausdrücklich den Architekten unter ihnen – als Orientierungshilfe. Gegliedert ist das Format in die Gruppen textile und elastische Bodenbeläge, Parkett und Laminat neben Anwendungs- und Verlegetechniken sowie modernen handgefertigten Teppichen. Für letztere werden auch zur Domotex 2017 wieder die Carpet Design Awards verliehen, diesmal unter Juryvorsitz der New Yorker Designerin Stephanie Odegard. Darüber hinaus finden Vorträge und Diskussionen zu Branchenthemen statt – unter den Vortragenden der Gast des Jahres, Alfredo Häberli. Und wer die Messe im Schnelldurchlauf erfahren möchte, schließt sich am besten einer der geführten Rundgänge an. Wie die Erfahrung zeigt, sind „die Guided Tours eine Riesenhilfe für die Besucher, sich zu orientieren“, so Andreas Gruchow, Vorstandsmitglied der Deutschen Messe und Leiter der Domotex.
Boden wird Lifestyle
Ein Blick auf die Entwicklung der vergangenen Jahre zeigt, auch diese Branche entwickelt sich zum Lifestyle. Nicht nur der Teppich, auch der Boden an sich wird zum dekorativen Element, darf oder soll sogar Gefühle hervorrufen. Wie schafft man es also, aus jahrzehntelanger Pragmatik – Stichwort Klicklaminat – heraus einen Raum für Kreativität zu erzeugen? Die Messe hat dies dazu bewogen, in diesem Jahr ein neues Format zu initiieren, den Young Designer Trendtable. Fünf internationale Designstudios wurden dazu eingeladen, für die Domotex die Bodentrends der Zukunft zu erforschen. Ihr Mentor: Stefan Diez. Nach eingehendem Briefing darüber, was die Hersteller der Messe theoretisch umsetzen können, wurde es zu ihrem Auftrag, etwas besonderes, neuartiges zu entwickeln; was für alle drei Seiten – Messe, Designer und Produzenten – ein interessanter Prozess ist.
Fertige Ergebnisse wird es natürlich erst zur Domotex geben. Betrachtet man die Konzepte, zeigt sich hohe Experimentierfreudigkeit. So plant die Französin Victoria Wilmotte beispielsweise, mit ihrem Projekt Mineralartificial Walking, Marmor und andere Gesteinsarten ungewöhnlich zusammenfügen. „Die Hauptbotschaft meines Projektes wird es sein, ein natürliches Material so zu präsentieren, wie es nie zuvor gezeigt wurde“, so die Designerin. Das Duo Jane Briggs und Christy Cole aus Schottland hingegen versucht sich an einer Neuinterpretation von Kurt Schwitters Merzbau in Hannover – ihr passender Titel: Merzing. Dabei wird untersucht, inwiefern Bodenbeschaffenheit, Objekte, Koordinaten und nicht Wände Bereiche des Raums definieren.
Abnutzung und Nachbearbeitung
Weniger abstrakt klingt die Idee von Klaas Kuiken. „Wir möchten aufspüren und nachverfolgen: Es geht darum zu zeigen, dass ein Boden sich im Wesentlichen aus Raum und Interaktion heraus definiert“, sagt der Niederländer. Herausgestellt wird dabei vor allem die Abnutzung von Böden, ihr Reifeprozess sozusagen und die Geschichten, die in ihnen Stecken. Wie Böden an Ort und Stelle beeinflusst werden können, damit beschäftigt sich darüber hinaus die Berliner Designerin Hanne Willmann. In ihrem Ansatz geht es darum, wie das Handwerk wieder stärker eingebunden werden kann, sodass nicht nur bloßes Verlegen, sondern tatsächliche Kreation gefragt sind und Ergebnisse mit hoher Authentizität erzielt werden.
Fühlbare Unterschiede
Zwischen Handwerk und Industrie bewegt sich schließlich auch Bilge Nur Saltiks Idee. Die in London lebende, türkische Designerin arbeitet mit verschiedenen Materialien und ihren Schnittstellen, an Kombinationen aus hart und weich, an fühlbar variierenden Haptiken. „Mein Konzept könnte eine Lösung für temporär genutzte Räume darstellen, da meine Entwürfe leicht zu installieren sein sollen – sowohl im Innen- als auch im Außenbereich“, erklärt die Designerin.
Wohin die Boden-Reise geht, wird sich zeigen – einen kleinen Ausblick formuliert Alfredo Häberli so: „Es gibt Entwicklungen, die Flächen mit einer Funktion zu versehen. In großen Büros könnten als Teil des Bodens beispielsweise Hinweise angebracht werden, indem man etwa Licht integriert, vergleichbar den Orientierungsstreifen zum Notausgang im Flugzeug. Auch könnte ich mir vorstellen, dass der Boden etwas Gutes tut und unerwünschte Stoffe aus der Umwelt absorbieren könnte.“ Was der Boden hingegen heute schon kann, wird im Januar in Hannover zu sehen sein.
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