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Re-Use, das neue Normal

Das Klimafestival rückt erstmals Innenarchitektur in den Fokus der Bauwende

Beim ersten GREENTERIOR-Event hat Berlin eine Interior-Zukunft gezeigt, die neu gedacht werden muss: weg vom Perfektionsanspruch, hin zu mutigen Re-Use-Strategien. Ästhetik und Organisation folgen einer Logik der Dekarbonisierung. Die Botschaft: Einfach machen!

von Kathrin Spohr, 25.11.2025

Während die Architektur längst als CO₂-Treiber im Rampenlicht steht, bleibt die Innenarchitektur oft unbeachtet – trotz ihrer kurzen Erneuerungszyklen und des hohen Materialverbrauchs. Dabei kann sie laut Carbon Leadership Forum (CLF) über die Lebensdauer eines Gebäudes sogar mehr Emissionen verursachen als dessen Errichtung. Ein Grund, warum das Klimafestival für die Bauwende erstmals das Sonderformat GREENTERIOR ins Leben gerufen hat. Die Leitfrage: Wie kann Innenarchitektur aktiv zur Klimawende beitragen?

Grüne Festivalenergie
Eine volle Halle, lebhafte Diskussionen und die Mischung aus kuratiertem Ausstellungsbereich, Fachpräsentationen, Networking sowie inspirierenden Keynotes prägten das Debüt. Internationale Hersteller wie Arper, Bolon, Camira, Erfurt & Sohn, Tretford Teppich, Vepa, Wini Büromöbel und Wilkhahn, aber auch Berliner Circular-Pioniere wie Concular Spaces und Fenyx, zeigten am 19. und 20. November in der STATION-Berlin, wie zirkuläre Möbel, Materialien und Services heute schon funktionieren: Sie sind modular, reparierbar, wiederverwendbar, mietbar oder aus schadstofffreien Ressourcen gefertigt. Im Rahmenprogramm diskutierten Expert*innen Themen wie Green Office Design, zirkuläre Ästhetik oder Design for Disassembly – unter anderem mit Susanne Brandherm, Fabian Freytag, Chris Middleton, Annabelle von Reutern, Sven Urselmann und Sabine De Schutter.

Umsetzungsproblem
Während viele in der Designbranche noch an der linearen Wirtschaft festhalten, waren sich die Speaker*innen einig: Ihr Ende ist längst eingeläutet. Die Zukunft liegt in der Dekarbonisierung – und damit in neuen Prozessen, Wertschöpfungsketten, Allianzen und vor allem einer neuen Haltung. Doch genau da hakt es: Deutschland hat eher ein Umsetzungs- als ein Erkenntnisproblem. „Es wird erst gedacht und dann gemacht. In Holland ist das umgekehrt“, erklärte Marco Schoneveld von Vepa. Der offene Umgang mit Experimenten und Mut verschafft dem niederländischen Möbelhersteller, der Kreislaufstrategien und Materialforschung aktiv einsetzt, einen entscheidenden Innovationsvorsprung. 

Die Designwelt neu beleben
Weitere Stimmen forderten strukturelle Änderungen. Der Hersteller Sedus bemängelte fehlende Freiräume für radikal neue Ansätze. Der Architekt Chris Middleton (Kinzo) kritisierte die starren Vorgaben der HOAI, die nachhaltige Projektabläufe behindern und wirtschaftliche Skalierbarkeit erschweren. Kooperationen mit Unternehmen wie Concular Spaces, die Rückbau- und Wiederverwendungsprozesse systematisieren, seien künftig essentiell und müssten in Workflows integrierbar sein. Der Designer Fabian Freytag betonte zudem den Bedarf an neuen Fachberufen, etwa Refurbishing-Spezialist*innen für die hochwertige Überarbeitung oder Umnutzung bestehender Möbel. „Die Welt ist voll von Bauteilen, aber Gewerke und Systeme sind weiterhin auf Neuproduktion ausgerichtet.“ In diesem Zusammenhang plädierte die Lichtdesignerin Sabine De Schutter dafür, auch Leuchten nach Gebrauch sorgfältig zu zerlegen und weiterzuverwenden, denn viele seien modular aufgebaut, wie kleine Rechner. Austauschbare Treiber, Gehäuse, LED-Elemente: ein riesiges, oft ungenutztes Potenzial zur Weiterverwendung.

Dank KI-gestützter Berechnungen wird die systematische Bilanzierung von Projekten und ihrem CO₂-Verbrauch zunehmend einfacher. Zirkularitätsmatrizen machen Materialströme sichtbar und erlauben eine bewertbare Entscheidungsgrundlage für nachhaltiges Design – ein wichtiges Werkzeug für Argumentation und Umsetzung. Gleichzeitig wird deutlich: Re-Use braucht mehr als nur logische Prinzipien, um Begehrlichkeiten zu wecken und gesellschaftlich Wirkung zu erzeugen.

Starke Narrative
Wie also wird Nachhaltigkeit zu einem Ausdruck von Zukunftslust? Dass sie im Interior kein Verzichtsprogramm sein muss, zeigten die GREENTERIOR-Aussteller bereits eindrucksvoll. Fabian Freytag sieht hier ein kulturelles Problem: „Design war schon immer Ausdruck gesellschaftlichen Wandels. Doch aktuell fehlt ein inspirierendes Narrativ. Wo ist die Zukunftsperspektive für ein geiles Leben auf diesem Planeten?“ Auch Chris Middleton hob hervor, dass identitätsstiftende ästhetische Merkmale von Re-Use stärker herausgearbeitet werden müssten, um Nachhaltigkeit plakativer, erzählerischer und positiv spürbarer aufs Podium zu bringen. Hier sind also künftig Kooperationen mit den Kommunikationsspezialist*innen gefragt, um gute Ideen und Inszenierungen zu entwickeln. Ein herausragendes Narrativ für seine eigenen Second Life-Projekte hat der Berliner Designer Thilo Reich bereits gefunden. Er gestaltet Interiors für Bars und Restaurants beispielsweise aus alten Berliner Straßenmaterialien, die er sorgfältig veredelt. So erzählen sie spannende Geschichten aus dem urbanen Kontext ihrer Herkunft.

Komfortzone verlassen, einfach machen!
Der Temperaturanstieg auf unserem Planeten zeigt: Die nachhaltige Transformation ist keine Option, sondern eine existenzielle Notwendigkeit. Zirkularität lässt sich auf unterschiedlichste Weise umsetzen. Für Susanne Brandherm (brandherm + krumrey Interiors) beginnt alles mit der Haltung: „Nachhaltigkeit ist kein Feature, das wir ergänzen. Sie ist der Ausgangspunkt jeder Gestaltung. Wir entwickeln Räume, die Menschen in ihrem Alltag unterstützen und zugleich verantwortungsvoll mit Ressourcen umgehen. Innenarchitektur kann Haltung erzeugen. Und genau das braucht die Zukunft.“ GREENTERIOR hat gezeigt, dass eine zirkuläre Interior-Kultur heute möglich ist, technisch, organisatorisch und ästhetisch. Flexibilität – im Denken sowie in der Planung und Produktion von Interiors und Möbeln –, Mut, neue Allianzen und der Wille, Prozesse radikal zu verändern, sind entscheidend. Berlin hat dafür den Startpunkt gesetzt.

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