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Grazien aus Beton

von Norman Kietzmann, 07.07.2011


Pier Luigi Nervi war mehr als ein Bauingenieur. An der Leichtigkeit und Eleganz seiner Gewölbe, Türme oder Brücken beißen sich bis heute
Architekten die Zähne aus. Eine Ausstellung im Turiner Palazzo d‘Esposizione – jenem schwebend leichten Messezentrum, das Nervi 1950 aus vorgefertigten Betonelementen errichten ließ – nimmt das Wechselspiel seiner Bauten aus statischer Raffinesse und visueller Prägnanz unter die Lupe.


Adolf Loos hatte eine Vorliebe für Röcke – allen voran die von jungen Tänzerinnen. Nicht ohne Grund ließ er wehende Vorhänge selbst an ungewöhnlichen Stellen seiner Interieurs anbringen. Pier Luigi Nervi dagegen war besessen von Hüten. Nicht von irgendwelchen versteht sich, sondern von den mutigsten und schönsten Modellen, die auf den Köpfen eleganter Damen ihren Halt fanden. Der Hut machte dem passionierten Bauingenieur eines deutlich: Er ist mehr als eine reine Kopfbedeckung oder die Summe seiner Einzelteile. Er erzeugt ein Bild, das einen prägenden Einfluss auf die gesamte Umgebung hat.

Architektur als Experiment

„Bauen ist die älteste und wichtigste aller menschlichen Tätigkeiten. (...) Sie kombiniert manuelle Arbeit, industrielle Organisation, wissenschaftliche Theorien, ästhetische Sensibilität sowie ein großes ökonomisches Interesse zu einer einzigartigen Synthese“, schrieb Pier Luigi Nervi im Vorwort seines 1955 erschienenen Buches Costruiere correttamente (Richtig Bauen). Dass seine filigranen Dachkonstruktionen auch 60 Jahre nach ihrem Entstehen kaum etwas von ihrer Wirkung eingebüßt haben, erklärt sich nicht nur aus seinem ganzheitlichen Gestaltungsbegriff, sondern einer klaren Gewichtung zugunsten der Wahrnehmung.

Denn bei allem Wert, den Nervi auf die technische Ausarbeitung seiner Konstruktionen legte, versuchte er, aus der Welt der Ingenieure auszuscheren: „Das Entwerfen (...) ist ein kreativer Akt, der nur zum Teil auf wissenschaftlichen Daten basiert; die statische Sensibilität, obwohl sie eine notwendige Konsequenz aus der Beachtung des Gleichgewichts und der Stärke des Materials ist, bleibt (...) ein rein persönliches Geschenk“, stellte Nervi fest. Es ist symptomatisch, dass er Zeit seines Lebens einen Diskurs mit anderen Bauingenieuren ablehnte, während er gleichzeitig einen engen Austausch mit Wissenschaftlern, Künstlern, Architekten bis hin zu Medizinern suchte.

Filigrane Tragwerke

Anderen Bauingenieuren wie Robert Maillart, Eugène Freyssinet, Eduardo Torroja oder Felix Candela, die ebenfalls in den Nachkriegsjahren mit Spannbeton arbeiteten, war Nervi einen entscheidenden Schritt voraus: Durch die Gründung seiner eigenen Baufirma Nervi e Baroli im Jahr 1932 konnte er nicht nur die Pläne seiner beeindruckend filigranen Konstruktionen liefern, sondern ebenso deren bauliche Ausführung als auch die Einhaltung der vorgegebenen Zeitpläne präzise überwachen. Im Italien der Nachkriegsjahre ein wichtiges Kriterium, schließlich mussten binnen weniger Jahre über 2600 zerstörte Brücken wieder aufgebaut werden, während der Bedarf an öffentlichen Bauten kaum weniger dringlich war.

Nervi, der 1891 im norditalienischen Sondrio geboren wurde und 1913 sein Diplom im Bauingenieurwesen an der Universität Bologna absolvierte, sorgte erstmals mit seinem Entwurf des Stadions von Florenz (1930-1932) für Aufsehen, das mit auskragenden Tribünen sowie schwungvollen Wendeltreppen die Leichtigkeit seiner späteren Bauten vorwegnahm. Durch den Einsatz vorfabrizierter Bauteile und den Verzicht auf eine ebenso teuere wie aufwändige Verschalung setzten seine Betonkonstruktionen nicht nur ästhetisch neue Maßstäbe, sondern waren in der Ausführung deutlich schneller und günstiger. Dass Effizienz und Ästhetik kein Widerspruch bilden, zeigen seine berühmten Flugzeughangars im umbrischen Orvieto (1935-1938). Deren Besonderheit: Nervi übertrug das filigrane Stabwerk gotischer Kirchen in die Gegenwart und erzeugte auf Grundlage mathematischer Berechnungen alles andere als nüchterne Zweckbauten.

Raffinesse in Beton

Insgesamt 40 Patente hat Pier Luigi Nervi bis zu seinem Tod im Jahr 1979 entwickelt, von denen die Erfindung des Ferrocemento 1943 zweifelsohne die größte Wirkung entfaltete. Was sich dahinter verbirgt, ist ein verfeinerter Prozess in der Betonherstellung, bei dem übereinander gelagerte Ebenen aus dünnem Metallnetz mit stahlverstärktem Beton verbunden werden. „Das Material verhält sich nicht wie normaler Beton, sondern zeigt all die mechanischen Eigenschaften eines homogenen Materials“, erklärte Nervi in seinem Buch Strutture (1956) und sieht die Festigkeit seiner Konstruktionen als „direkte Folge der Krümmungen ihrer Oberflächen, deren Stärke im Verhältnis zu ihren übrigen Dimensionen stets gering ist.“ Das Ergebnis: Bereits die vorgefertigten Elemente, die auf der Baustelle zu einer zusammenhängenden Struktur miteinander verbunden wurden, konnten in ihren Dimensionen verkleinert werden und ließen Nervis Konstruktionen noch leichter erscheinen.

Dass die Turiner Ausstellung, die zuvor in Brüssel, Venedig und Rom Station machte, die Halle C von Nervis Palazzo Esposizione (1949-1950) bespielt, erlaubt die Probe aufs Exempel. Es ist spannend, die konstruktiven Details der ausgebreiteten Baupläne, Skizzen und Modelle zu verfolgen, während über ihnen die eindrucksvolle Kuppel thront, mit der Nervi zugleich der Sprung auf die internationale Bühne gelang. Befeuert hat diese Entwicklung vor allem der amerikanische Architekturkritiker G.E. Kidder Smith, der zu Beginn der 1950er Jahre das Dach des Turiner Messegelände als wichtigstes Nachkriegsgebäude in Europa bezeichnete – auf einer Stufe mit der Unité d‘Habitaion von Le Corbusier in Marseilles.

Sprung auf die internationale Bühne

Die Verbindung zu den Vorreitern der Moderne sollte in den folgenden Jahren noch enger werden, als Pier Luigi Nervi eingeladen wurde, zusammen mit Marcel Breuer und Henri Zehrfuss die Planung des Unesco Hauptquartiers in Paris (1952-1958) zu übernehmen. Mit dem „Kleinen Sportkomplex“ in Rom (1956-1957), dem mit Gio Ponti entwickelten Pirelli-Tum in Mailand (1956-1961), dem Palazzo del Lavoro in Turin (1959-1961) sowie der päpstlichen Audienzhalle in Rom (1963-1971) folgten weitere Großprojekte in Italien, während Nervi mit dem Stock Exchange Tower in Montreal (1961-1965), der Saint Mary‘s Cathedral (1963-1971) in San Francisco sowie der italienischen Botschaft in Brasilia (1969-1979) auch in Übersee erfolgreich Fuß fassen konnte. 

Einen Schwerpunkt der Turiner Ausstellung bildet die Präsentation zahlreicher Modelle, die ab den frühen 1930er Jahren in Zusammenarbeit mit dem Mailänder Politecnico entstanden sind. Anders als die Flugzeughangars in Orvieto, deren Konstruktionen das Ergebnis präziser Kalkulation waren, ließen sich die gekrümmten Dachflächen der Saint Mary‘s Cathedral nicht präzise berechnen. Leistungsfähige Computer lagen Mitte der 1950er Jahre schließlich noch in den Kinderschuhen. Nervi initiierte hierzu die Gründung des Instituto Sperimentale Modelli e Strutture (ISMES) 1951 in Bergamo, um an verkleinerten Betonmodellen die statische Belastbarkeit überprüfen zu können – darunter ein 8,4 Meter hoher Nachbau des Pirelli-Turms im Maßstab 1:15. Denn anders als bei Wolkenkratzern amerikanischer Bauart setzte Nervi auch bei diesem Projekt auf seinen Lieblingsbaustoff Beton, anstatt ein tragendes Skelett aus Stahlträgern zu errichten.

Natürliche Vorbilder

Beton bedeutete für Nervi vor allem eines: den Bruch mit der Vergangenheit. „In verstärktem Beton verlangen selbst die einfachsten Strukturelemente ein neues und expressives, architektonisches Interesse. Balken verlieren die prismatische Steife hölzerner Balken oder standardisierter Metallteile und vermögen plastisch den Abweichungen von Belastungen zu folgen“, erklärte Nervi, der dennoch nicht alles von Grund auf neu erfinden wollte. Wo er die Vorlagen für seine dreidimensionalen Formen fand, lieferte er gleich mit: „Ich würde Form als resistent gegenüber der Zeit bezeichnen, wenngleich sie in der Natur als auch den Waren des täglichen Gebrauchs zu finden ist: Blumen und Blätter, Halme, Eier, Insekten und Damenhüte sind allesamt Beispiele einer Festigkeit durch Form. Und es ist wichtig, dass uns die neuen Wege der Konstruktion erlauben, diese Strukturen auch im großen oder ganz großen Maßstab einzusetzen.“ Nervi hat aus diesen Vorlagen nicht nur eindrucksvolle Kuppeln, Türme und Brücken geschaffen. Er hat eine neue Leichtigkeit im Bauen aus dem Hut gezaubert.



Pier Luigi Nervi – Architettura come sfida
Torino Esposizioni Salone C, Via Petrarca 39/B
noch bis zum 17.07.2011
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Pier Luigi Nervi

www.pierluiginervi.org

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