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Prägnante Softies

Die ersten Neuheiten des Möbeljahres 2022

Regeln sind dafür da, gebrochen zu werden. Gleiches gilt für Rituale – zumindest in Corona-Zeiten. Weil die Januar-Messen in Köln und Paris auch in diesem Jahr nicht stattfinden können, muss das Designvolk zu Hause bleiben. Die Unternehmen lüften ihre Neuheiten dafür nun im virtuellen Raum. Wir zeigen Ihnen die spannendsten Entwürfe.

von Norman Kietzmann, 19.01.2022

Corona hat weniger die Menschen verändert als vielmehr ihre Umgangsformen. Und die sind weitaus weniger formell geworden. Arbeit und Freizeit gehen in beständiger Homeoffice-Zeit fast nahtlos ineinander über. Business-Anzug und Kostüm sind bequemen Freizeit-Looks gewichen. Feste Besprechungstermine weichen spontanen Video-Calls, die häufig Einblick in die heimischen vier Wände bieten. Das Loslösen von starren Regeln überträgt sich auf das Wohnen. Das Bedürfnis nach Wärme und Geborgenheit ist gestiegen. Die neuen Möbel antworten mit gesteigerter Sinnlichkeit und zusätzlichem Komfort. Der Hang zur Weichheit schließt klare Kanten jedoch nicht kategorisch aus.

Der Tisch
Der niederländische Möbelhersteller Arco rückt das derzeit wohl wichtigste Möbelstück in den Fokus: den universalen Tisch, der zum Essen, Trinken, Arbeiten und Zusammensein genutzt wird. Das von Sabine Marcelis entworfene Modell Dew lässt mit seiner unregelmäßig abgerundeten Platte keine Hierarchien zu. Alle sitzen auf Augenhöhe in gleicher Rangordnung zusammen. Als tragendes Gestell dienen zwei gebogene Holzflächen, die eine skulpturale Wirkung entfalten und dazu einladen, das Möbel zu umrunden. Einem pragmatischen Ansatz folgt der ebenso von Arco produzierte Tisch Slim Flex von Bertjan Pot. Er ergänzt das bereits existierende, puristische Modell Slim um einen kleineren Tisch, der im Homeoffice als Arbeitsplatz dient. Kommen Gäste zu Besuch, kann der kleine Tisch mit integrierten Rollen zum großen Tisch gefahren werden, wo er passgenau anschließt. Die Typologie des Multifunktionstisches wird so auch ohne technisches Brimborium erfüllt.

Der Beistelltisch / Der Hocker
Mit architektonischen Qualitäten punktet die Beistelltischserie Mesh von Pode. Der Entwurf des niederländischen Designbüros Raw Color verfügt über eine runde Platte aus Eiche, Keramik oder lackiertem Material, die von einem stählernen Lochgitter angehoben wird. Das lasergeschnittene Metall lässt die Blicke hindurch wandern und sorgt für spannungsvolle Licht- und Schattenwürfe auf dem Boden. Einen Hybrid aus Beistelltisch und Hocker nimmt Classicon mit Corker ins Programm. Die von Herzog & de Meuron in drei Größen entworfenen Möbel sind ursprünglich für den Serpentine Gallery Pavilion 2012 in London entstanden. Mit ihren abgerundeten, weichen Formen beschwören die Möbel nicht nur Pilz-Assoziationen herauf, sondern lassen zugleich an stark vergrößerte Champagnerkorken denken. Der aus nachhaltiger Forstwirtschaft gewonnene Kork wartet mit einer samtig-weichen Haptik sowie einer dunklen, erdigen Tonalität auf.

Der Stuhl
Als Symbiose zwischen Natur und Technik beschreibt der Möbelhersteller Brunner die neue Stuhlfamilie Nate von Atelier Steffen Kehrle (ASK). Der aus Eiche und Buchenholz gearbeitete Stuhl wird durch eine Zarge aus vollständig recyceltem Polypropylen zusammengehalten. Zusätzlich steht das Sitzmöbel mit einem Untergestell aus verschweißtem Rundstahlrohr zur Verfügung. Das Metall wartet mit deutlich schlankeren Durchmessern als bei den Bauhaus-Vorläufern auf, wodurch es ästhetisch klar in der Gegenwart verankert ist. Einen Zeitsprung vollzieht Thonet mit der Wiederauflage des Stuhls S 661 von Günter Eberle, der auf der Mailänder Triennale 1954 mit einer Silbermedaille bedacht wurde. Bestimmendes Element ist die aus Formholz gefertigte Sitzschale. Diese definiert am Übergang von Sitzfläche zur Rückenlehne eine ovale Öffnung, die zugleich als Griff fungiert. „Der S 661 vereint eine klare Linienführung mit einer präzisen Kontur. Dank seiner Plastizität strahlt er bei aller Leichtigkeit und formalen Zurückhaltung Sympathie aus“, sagt Thonet-Kreativdirektor Norbert Ruf.

Der Sessel
Die Sehnsucht nach Geborgenheit zeigt sich vor allem bei den Polstermöbeln. COR ergänzt die Kollektion Jalis von Jehs+Laub um einen Lounge-Sessel, der den Körper wie ein Kokon umschließt. Auffällig ist der fließende Übergang zwischen der Sitzfläche und den beiden Armlehnen, der an ein doppelt gefaltetes Kissen denken lässt. Weiche Bouclé-Stoffe umgarnen den Tastsinn und sorgen mit Plüschtier-Assoziationen für Erdung in kindlichen Erinnerungen. Ganz anders der Wangen-Sessel Noto, den Pauline Deltour für COR gestaltet hat: Das Möbel setzt sich aus vier scheibenartigen Polsterflächen zusammen, die alles andere als wulstig wirken. Weichheit und Komfort werden hier in eine strenge Korsage gesteckt. Diese verleiht dem Möbel eine prägnante Erscheinung, die zwischen Archaik, Gegenwart und Zukunft oszilliert. Die aufwendige Unterfederung der Sitzfläche ist ebenso unsichtbar wie die in den Seitenwangen versteckten Rollen. Ergo: Komfort und Wohlbefinden sind eine Grundvoraussetzung. Deswegen müssen sie noch lange nicht jedem auf die Nase gebunden werden.

Das Sofa
Der Möbelhersteller Walter Knoll rückt die Liaison aus Wohn- und Arbeitswelt in den Fokus. Das von EOOS Design aus Wien gestaltete Sofa Muud Lite schwebt auf schlanken Metallfüßen über dem Bode. Das modulare Programm ist überaus platzeffizient und erlaubt auch die Realisierung von Wohlfühlinseln auf kompakten Grundrissen. Dana von Möller Design ist eine Mischung aus kompaktem Sofa und Daybed. Die Liegefläche entspricht mit einer Breite von 90 Zentimetern und einer Länge von 200 Zentimetern einem vollwertigen Bett. Der Entwurf von Hoffmann Kahleyss Design aus Hamburg kann an allen vier Seiten mit gepolsterten Lehnen kombiniert werden, die die Sitz- und Liegefläche als schützenden Rahmen umfassen und als Halterung für Kissen dienen.

Der Schrank
Aufbewahrungsmöbel folgen weiterhin der orthogonalen Ordnung. Jedoch kommt auch hier die Sinnlichkeit nicht zu kurz. Spürbar ist sie vor allem in den Farben, die sich vom üblichen Schwarz-Weiß-Grau distanzieren. Interlübke stellt den Kleiderschrank Intaro vor, dessen puristisch-kubische Erscheinung durch 27 Farben gebrochen wird, darunter ein warmer Alabaster-Ton. Tylko ergänzt die Produktlinie Type02 um die drei Saisonfarben Hellblau, Weinrot und Cremebeige. Reliefartige Strukturen offenbaren die Sideboardtüren aus der Kollektion Abstract von Superfront. Die acht Millimeter aus der Oberfläche herausragenden Formen erinnern an die Umrisse vergrößerter Steine, die vom Wasser rund geschliffen wurden. Für Überraschungsmomente sorgt String mit dem kompakten Schrankmodul Tiny Cabinet aus MDF mit Walnussfurnier. Die Rückseite sowie die Innenseite des Klappdeckels sind verspiegelt – und dienen so zur effektvollen Unterbringung einer Minibar.

Das Bett
Einen zeitlichen Anker in die Siebzigerjahre wirft Möller Design mit dem Boxspring-Bett Rose. Dessen Korpus ist ebenso wie das in zwei Kissen aufgeteilte Kopfteil in einem Cord-Stoff der Firma Rohleder erhältlich. Die Farbpalette changiert von warmen Greige- und Grautönen über Petrolblau, Aubergine und Olivgrün bis zu Erdtönen wie Kupfer oder Rost. Auch der Möbelhersteller Zeitraum setzt 2022 ganz auf Schlafkultur. Das Bett Eclair Petit Bold von Britta Nehrdich fasst die Matratze mit einem Rahmen aus Massivholz ein, der eine angenehme Höhe zum leichten Ein- und Ausstieg bietet. Das gepolsterte Kopfteil ragt deutlich an den Seiten über die Breite der Matratze hinaus und definiert so einen geschützten Raum im Raum.

Der Teppich
Dynamik bringen die neuen Böden ein. Die Fußmatte Loom von Heymat wird zu 100 Prozent aus recyceltem PET-Kunststoff gefertigt. „Loom ist unsere Hommage an die Bauhaus-Pionierinnen Gunta Stölzl und Anni Albers. Unser Interesse für ihre Arbeit wurde bei einem Rundgang durch die Museumsarchive der Cranbrook Art Academy geweckt. Das sorgfältige Durchstöbern von authentischen Skizzen, Web- und Druckmustern war eine inspirierende Erfahrung“, erklären die norwegischen Designerinnen Vera Kleppe und Åshild Kyte. Auf die Pfade der Wildnis begibt sich Reuber Henning mit der Kollektion Tiger. Die Teppiche werden aus tibetischer Wolle mit einem hohen Seidenanteil handgeknüpft. Farblich abgesetzte Streifen lassen die Blicke über den Boden wandern und bringen darauf abgestellte Möbelstücke regelrecht zum Tanzen. „So kann selbst der sanftmütigste Mensch von einem gelegentlichen Spaziergang auf der wilden Seite profitieren – im Leben wie im eigenen Wohnzimmer“, so die Berliner Designerinnen Franziska Reuber und Birgit Krah.

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Maison & Objet

www.maison-objet.com

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