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Reuber Henning

Bei dem Berliner Teppichlabel ist der Zufall Spielgefährte

Das Hauptquartier der Vereinten Nationen in New York, die Berliner Brasserie Colette von Sternekoch Tim Raue und Arno Brandlhubers Antivilla nahe Potsdam: In ihren Räumen findet man die Entwürfe eines Berliner Designerduos. Birgit Krah und Franziska Reuber von Reuber Henning entwerfen traditionsreiche wie künstlerische Teppiche für Böden und Wände – mit Störern und Seele.

von Nina C. Müller, 19.08.2020

Birgit Krah und Franziska Reuber trafen sich bei einem Fotoshooting. Reuber leitete das Teppichunternehmen Reuber Henning mit ihrem Mann, der heute nur noch im Hintergrund tätig ist. Krah kam als Stylistin dazu. Beide Frauen stammen aus der Kunst und verstanden sich schnell. Heute arbeiten sie als unzertrennliches Team, in dem sich ihre gestalterischen Prozesse optimal ergänzen. „Franziska entwickelt ihre Designs stark aus Material und Handwerk heraus. Ich hingehen arbeite eher konzeptionell oder zeichnerisch und tendenziell spielerisch – der Zufall ist mein Spielgefährte“, meint Krah, die die Unterschiedlichkeiten für den Entwurfsprozess schätzt.

Tradition und Experiment
Einstimmigkeit herrscht, wenn es um um die Herstellung und das fertige Produkt geht. Hier braucht es nicht nur gestalterisches Fingerspitzengefühl, sondern auch handwerkliches und materielles Know-How. Das erlaubt, mit der Kombination unterschiedlicher Materialen, Verfahren und Färbungen zu experimentieren und so besondere Effekte zu erzielen. Trotz der Experimentierfreude lautet das oberste Gebot, Textilien, Tradition und Handwerk gerecht zu werden. Und hierzu gehört für die beiden Künstlerinnen auch soziale Verantwortung, der vor allem jetzt in Krisenzeiten eine tragende Rolle zukommt. Seit vielen Jahren arbeiten sie mit zwei Manufakturen in Indien und Nepal zusammen, die sich fairen Beschäftigungsverhältnissen verpflichten.

Ein Teppich definiere einen „Raum im Raum“ und bringe „wahnsinnig viel Stimmung und Gefühl“ in ein Interior, sagt Krah. Doch wer glaubt, dies gelinge nur über krachende Designs, liegt falsch. Effekthascherei ist Reuber Henning gänzlich fremd. Stattdessen möchten sie für Subtilität und Raffinesse stehen, und zwar jene, die sich nicht direkt erschließt. „Wir streben Entwürfe an, die künstlerisch sind, mit denen man aber auch leben kann, die sich mit den Möbeln verbinden und ausgewogen wirken,“ erklärt Reuber und vergleicht den Teppich mit einem Mitbewohner. „Am schönsten ist es, wenn etwas da liegt, das erst auf den zweiten Blick erkennbar ist“, fügt Krah hinzu.

Harmonie und Zufall
Je komplexer ein Design ist, desto zeitloser und schöner sei es, meint Krah, die gerne auf Blindzeichnungen und Zufallsalgorithmen für die Farbwertmischung zurückgreift. Sie ist überzeugt, je weniger das Auge versteht, wie sich Muster und Farben auf einem Objekt zusammensetzten, desto aufregender bleibt es über die Jahre. Dafür brauche es neben Ausgewogenheit auch Dissonanzen, sprich bewusste Fehler und Störer, die Harmonie und Ästhetik betonen und stärker spüren lassen.

Wie diese theoretischen Überlegung praktisch aussehen, zeigt sich in der Berliner Brasserie Colette von Sternekoch Tim Raue. Unter einer langen Holztafel liegt Loveland, ein gewebtes Exemplar der Streifenteppiche, die sich aus 40 bis 70 Tönen zusammensetzen und bei denen an keiner Stelle dieselbe Farbabfolge auftritt. Auch die Idee des Störers wird hier deutlich, indem ein klassisches Teppichrot auf Rosé-, Senf- und Grüntöne trifft und einen gewollten Bruch im Muster erzeugt. Nicht weniger prestigeträchtig, was den Auslegeort angeht, aber doch gänzlich gegensätzlich in Farbe, Form und Technik ist Shallow Luna in Arno Brandlhubers Antivilla in der Nähe von Potsdam. Die runde 20 Quadratmeter große Form leite sich von der Liebe zum Mond des Berliner Architekten ab, erzählt Reuber. Seine abstrakte Musterung, die ebenfalls an eine zerklüftete Kraterlandschaft erinnert, stammt hingegen von Wasseroberflächen und der Frage, wie man mit relativ wenig Farben möglichst viel Struktur in einen Teppich bringt.

Von Berlin bis New York
Das bedeutendste Projekt der beiden Berlinerinnen bleibt wohl ein Wandteppich, der im Quiet Room des Hauptquartiers der Vereinten Nationen in New York hängt. „Traditionellerweise richten die beteiligten Nationen einen Raum ein,“ erzählt Reuber. Das mit dem Projekt beauftragte Berliner Büro Meuser Architekten wählte die beiden erfahrenen Frauen für den Teppichentwurf. „Es gab strenge Vorgaben in Sachen Farbigkeit und Motiv. Außerdem war die vorgegebene Form, an der sich zuvor eine Intarsienarbeit des Malers Günter Fruhtrunk befand, speziell“, sagt Reuber.

Monatelang fertigten Knüpfer*innen in Kathmandu den Teppichentwurf der Berlinerinnen aus tibetischer Hochlandwolle und Seide. Jetzt prangt in den ehrwürdigen Räumen eine diagonal über eine Ecke verlaufende, in dezenten Cremetönen gehaltene Wandbespannung mit einem Motiv aus Tannenwald, Wolken und Sonnenstrahlen. Gerade fertigten Reuber Henning 50 Wandteppiche für das Münchner Hotel Haus im Tal, die von Gestalterin Julie Richoz entworfen wurden. Eine textile Intervention, die dem Raum viel Seele verliehe, resümiert Reuber. Man kann nur zustimmen – für alle Projekte des Duos.

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