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Sammeln, schreddern, plotten

The New Raw produziert Outdoor-Möbel aus Plastikabfällen

von Kathrin Spohr, 27.03.2020

„Kunststoffverpackung hat einen großen Designfehler. Sie ist für eine lange Lebensdauer ausgelegt, wird aber meistens nur einmal genutzt und dann weggeworfen“, sagen die griechischen Architekten Foteini Setaki und Panos Sakkas. Die beiden sind The New Raw, ein Forschungs- und Designstudio aus Rotterdam, das unter anderem Outdoor-Möbel für städtische Räume im 3D-Druck herstellt. In einem zirkulären Materialprozess, mit lokaler Produktion. Ihr offener Ansatz basiert auf einem Mix aus Materialforschung, digitalem Design und digitaler Fertigung. Ihr Werkstoff: Plastikmüll.

Seit 2015 arbeiten die beiden Architekten als The New Raw zusammen und treffen mit Projekten wie Zero Waste Lab in Thessaloniki oder Print your City! den Nerv der Zeit. Ihr positiver und anspruchsvoller Ansatz, Lösungen für unseren
Plastic Planet" zu finden, begeistert nicht nur unter Nachhaltigkeitsaspekten, sondern ebenso hinsichtlich der Gestaltung. Und auch die soziale Dimension ist dabei äußerst spannend.

Sammeln, schreddern, waschen, mixen, schmelzen, plotten
Print Your City! – schon im Titel steckt ein Aufruf zum Handeln. Unter Einsatz neuer Technologien und der Beteiligung der Anwohner erforschen The New Raw die Möglichkeiten des lokalen Recyclings von urbanem Kunststoffabfall. „Sehr schnell bekamen wir die Gelegenheit, diese Idee in einer ganzen Stadt, in Thessaloniki, und mit Unterstützung durch das von Coca-Cola initiierte Zero Waste Future-Programm, zu testen“, berichten Setaki und Sakkas. Als konkretes Ergebnis sollten neue Stadtmöbel für Thessaloniki entstehen. In einem partizipativen Umwandlungsprozess, oder, anders gesagt, einem City-Event: Die Anwohner sammelten gewöhnlichen, kunterbunten Haushaltsplastikmüll. Dieser wurde von The New Raw nach Farben geordnet, geschreddert, gereinigt, gemixt, geschmolzen.

Zum Schluss wurden die zuvor am PC designten Möbel per Roboter und speziell entwickelter Software im 3D-Druck geplottet. Es entstanden außergewöhnliche Objekte in amorphen Formen und mit schichtartiger Struktur. Sie kommen sogar mit Zusatzfunktionen, die den gesunden und umweltfreundlichen Lebensstil in der Stadt noch einmal extra fördern: Jedes Sitzmodul kann mit Fahrradständer, Fitnessgerät, Blumentopf, Hundefutternapf oder auch einem Bücherregal ausgestattet werden. Außerdem sind sie ergonomisch gestaltet, um eine entspannte Körperhaltung zu ermöglichen.

Kreislauftransparenz & High-Tech
Für die Umsetzung gründete The New Raw im Jahr 2018 das Zero Waste Lab in Thessaloniki, das ebenfalls Teil des ehrgeizigen Coca-Cola-Programms in Griechenland ist. Labor und Ausstellungsraum zugleich, ausgestattet mit Recycling-Anlage und optimiertem Roboterarm für den 3D-Druck von Kunststoffen, können sich Besucher hier über den Recyclingprozess und die Kreislaufwirtschaft informieren. Sie können vor Ort aber auch neue maßgeschneiderte Stadtmöbel für ihre Quartiere entwerfen, indem sie ihre Kunststoffabfälle mitbringen. Auf diese Weise werden die Anwohner zum aktiven Part eines Transformationsprozesses. Hautnah zu erfahren, dass und wie hochwertige Produkte aus dem eigenen Müll geschaffen werden können, hat hier sicherlich auch zum großen Erfolg des Recycling-Projekts beigetragen.

„Innerhalb von nur sechs Monaten konnten wir mehr als 9.000 Besucher im Labor verzeichnen“, erzählen Setaki und Sakkas. „Außerdem gelang es uns, eine viel größere digitale Gemeinschaft zu engagieren, indem wir sie mit unserer Online-Designplattform in den Designprozess der Stadtmöbel einbezogen. Derzeit versuchen wir, die Mittel aufzubringen, um diese Idee in weiteren Städten, Ländern und Kontinenten zu verbreiten.“ Zum Beispiel in Amsterdam. Auch hier geht es darum, den städtischen Raum nachhaltig und partizipativ neu zu gestalten. Das erste Ergebnis des Projekts ist die für die Stadtverwaltung Amsterdam entwickelte XXX Bank. Jede Bank wird aus der Menge an Kunststoffabfällen hergestellt, die zwei Einwohner Amsterdams jährlich produzieren.

Learning by doing
Das Wort „Waste“ scheinen die zwei Architekten schon lange aus ihrem Vokabular gelöscht zu haben. „Wir leben in einer wachsenden Gesellschaft, die immer mehr Ressourcen verbraucht und enorme Mengen an Kunststoffabfällen erzeugt“, sagen Foteini Setaki und Panos Sakkas. „Als Kreative wollten wir dieses Thema in einem positiven Ansatz diskutieren, indem wir eine neue Denkweise in Bezug auf Materialien und ihre Anwendungen vorschlugen und untersuchen, was Design für die Umwelt tun kann.“ Nach ihrem Architekturstudium an der TU Delft fanden die beiden in Rotterdam die Metropole mit passendem Spirit für ihre Visionen: „Rotterdam ist eine Stadt von Machern, Denkern und jungen Designern und damit ein fruchtbarer Boden für Kreativität und die Erprobung neuer Ideen.“

Das Recycling von Kunststoffabfällen unter Verwendung des 3D-Drucks wurde zum Experimentierfeld von The New Raw. Alle Projekte zielen auf die Verbreitung und Umsetzung zirkulärer Modelle ab – durch kontextbezogene und visuell inspirierende Konzepte. Mit jedem neuen Projekt wächst ihr Ökosystem aus interdisziplinären Partnern, Mitarbeitern und Interessenvertretern. Kunststoffverschmutzung im Meer und in den Städten, hyperlokale Herstellung in Flüchtlingslagern, die dezentralisierte Produktion auf Inseln, Sensibilisierungsprojekte über Kunststoffverschmutzung, Kreislaufwirtschaftssysteme sind die Themen, mit denen sich das Studio befasst.

Ob es sich um einen Kundenauftrag oder ein selbst initiiertes Forschungsprojekt handelt, The New Raw lotet bessere, zirkuläre Wege, Grenzen der technologischen und sozialen Innovation aus. So arbeitet das Büro auch mit Organisationen und Institutionen wie Coca-Cola Griechenland, AMS Institut, Technische Universität Delft, Hong Kong Design Institut, Stadt Amsterdam, Climate KIC oder Aikaterini Laskaridis Stiftung zusammen. Außerdem sind Setaki und Sakkas als Dozenten tätig und leiten weltweit Design-Workshops: „Wir betrachten unsere Praxis gern als das Ergebnis der Schnittmenge zwischen den Bereichen der zirkulären Materialität, des digitalen Handwerks und des Designs.“

Lokales Empowerment
Sofern dieser von The New Raw präsentierte lokale Transformationsprozess zur allgemeinen Designrealität werden soll, steht vor allem eins an: Ein großes Umdenken bei Gestaltern, Unternehmen, Konsumenten. Denn wenn sich in einer Zero-Waste-Welt Materialien, Farben, Quantität und Eigenschaft etc. auf das beschränken, was vor Ort verfügbar ist, dann hat dies Auswirkungen auf den gesamten Designprozess. „Es ist dringend notwendig, unsere aktuelle lineare Denkweise zu verlassen! Wir müssen zu einem Ansatz übergehen, wo das Abfallmaterial eines Prozesses zum Prozess eines anderen wird, was zu einer Zukunft ohne Verschwendung führt“, erläutern Setaki und Sakkas.
Die Kreativen haben die Power, sich diesen Übergang vorzustellen und eine bessere Art und Weise der Nutzung der verfügbaren Ressourcen aufzuzeigen.“

So gesehen sind wir also aufgerufen, unsere Verhaltensweisen zu ändern. Dazu müsste sich jeder einzelne noch bewusster machen, wie er konsumiert – in allen Aspekten des persönlichen und beruflichen Lebens. „Letztlich ist Zero Waste eine politische Aktion! Lokales Empowerment mit neuen Technologien und das Löschen des Wortes „Waste“ aus unserem Wortschatz wären für uns die wichtigsten Steps“, sagen die beiden Architekten.

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