Samy Rio: Bambus Forever
In seiner Kindheit bastelte er am liebsten in einem Bambusgarten, nun stellt Samy Rio aus den exotischen Pflanzen Haartrockner, Lautsprecher, Lampen und Sitzbänke her.
In seiner Kindheit bastelte Samy Rio am liebsten in einem Bambus-garten, nun stellt er aus den exotischen Pflanzen Haartrockner, Lautsprecher, Lampen und Sitzbänke her. Mittlerweile finden aber auch seine anderen experimentellen Kreationen so viel Beachtung, dass der junge Querdenker immer öfter als das neue Gesicht des französischen Designs bezeichnet wird.
Mit seinen 29 Jahren gehört Samy Rio zu der Generation von Designern, die mit nachhaltiger Gestaltung aufgewachsen sind. Ein persönliches Ausrufezeichen setzte der Franzose auf diesem Gebiet jedoch während seines Studiums an der Pariser L’École Nationale Supérieure de Création Industrielle (ENSCI – Les Ateliers): Für seine Abschlussarbeit entwickelte er Haartrockner und Musiklautsprecher aus Bambusrohren und lieferte dazu neue Denkanstöße für die Herausforderungen, die technische Apparate ohne Plastik und Metall zwangsläufig mit sich bringen. Die Jury der renommierten Universität für Industriedesign war begeistert und zeichnete Rio für die Originalität und Innovation seiner Arbeit aus. Nur ein Jahr später, im Juli 2015, gewinnt er mit demselben Projekt den Hauptpreis der zehnten Design Parade der Villa Noailles. Seitdem experimentiert der gelernte Tischler auch mit anderen Materialien. Für die Pariser Galerie Kreo montierte Rio filigrane Spiegel auf massives Walnussholz, für seine Kollektion Vases composés (dt.: „zusammengesetzte Vasen“) kombinierte er hochwertiges Glas, Porzellan und Holz mit Nylonseilen. „Ich möchte mit meinen Kreationen eine Spannung zwischen handwerklicher und industrieller Präzision erzeugen“, erklärt Rio. Am liebsten arbeitet er jedoch weiterhin mit „der Wundertüte Bambus“. 2016 kollaboriert er mit dem National Taiwan Craft Research and Development Institute (NTCRDI) im taiwanesischen Caotun und entwickelt auf der Basis jahrhundertealter Verarbeitungstechniken eine moderne Bambuslaterne, die Bamboo Lantern.
„Bambus besitzt in seiner ursprünglichen Form ähnliche Eigenschaften wie Aluminium und Stahl, ist aber viel einfacher zu recyceln.“ Zudem sei das Material hitzeresistent und kostengünstig in der Herstellung, weil es extrem schnell wächst. „Ich finde Bambus absolut ästhetisch und bin immer wieder davon beeindruckt, wie vielfältig sich seine Röhrenform verändern und verwenden lässt. Deshalb habe ich auch die meisten meiner Kreationen aus anderen Materialien in Röhrenform gestaltet“, ereifert sich der Franzose und resümiert: „Es wäre nicht richtig, mich als Bambus-Experten zu bezeichnen. Ich bin ein Bambusbesessener.“ Doch woher rührt diese Faszination für ein Material, das in Asien seit Jahrtausenden in unterschiedlichster Weise genutzt wird und in der westeuropäischen Industrie so gut wie gar keine Rolle spielt? „Ich komme aus einem Ort in den französischen Cevennen, in dem es einen riesigen Botanischen Garten mit über 1.000 verschiedenen Bambusarten gibt. Das war mein Spielplatz, und ich verbrachte schon als Kind viel Zeit damit, mit Bambus zu basteln“, erklärt Samy Rio. „Mich hat aber auch schon immer und generell fasziniert, dass sich natürliche Rohstoffe in Gebrauchsgegenstände umwandeln lassen – zum Beispiel, dass man aus Bäumen Stühle herstellen kann.“
Deshalb absolviert Rio zunächst eine Tischlerlehre, die ihm bis heute und vor allem während seines Designstudiums viele Vorteile bringt. „Es ist mir beispielsweise ein Leichtes, industriell hergestellte Partikel aus Kunststoff in den exakt gleichen Dimensionen und aus natürlichen Materialien nachzubauen. Ich bin aber auch generell davon überzeugt, dass mit qualitativer Handarbeit die gleiche Perfektionsstufe wie die von maschinell hergestellten Produkten erreicht werden kann – obwohl das wohlgemerkt nicht mein persönlicher Anspruch ist“, stellt Rio klar. „Mich interessiert, Handwerkskunst und Industriedesign wie selbstverständlich miteinander zu kombinieren.“
Besonders stolz ist der Designer in diesem Kontext auf sein aktuelles Projekt Bamboo Bench. „Von außen sieht es so aus, als hätte ich aus zersägten Bambusrohren, Gurten und ohne viel Mühe eine Bank gebaut. Der zeitaufwendigste und innovative Teil dieser Arbeit bleibt jedoch unsichtbar. Er besteht aus einer technisch komplexen Konstruktion, welche sich im Inneren der Bambusrohre befindet und diese mit Betonelementen im Boden verankert.“ Als Nächstes geht es für Samy Rio nach Japan, wo rund 800 verschiedene Bambusarten wachsen. Vier Monate lang möchte der Franzose in der Villa Kujoyama in Kyoto besser verstehen, wie die Japaner Bambus verarbeiten und dieses Material insbesondere im Bausektor verwenden. „Langfristig möchte ich Bambus in möglichst viele Produktionsschritte einbauen und es nicht nur als äußeres Gerüst oder Dekoration benutzen“, erklärt er seine Motivation.
Langfristig möchte Samy Rio auch seine preisgekrönten Haartrockner und Lautsprecher aus Bambus vom Prototyp in ein Serienprodukt umwandeln. Dazu fehle ihm bisher nicht nur die Zeit, sondern vor allem das notwendige technische Know-How. Zu seinen weiteren Zukunftsplänen zählt aber auch, die französische Hauptstadt zu verlassen. „Ich wünsche mir einen Ort, der mir viel Platz zum Leben und Arbeiten bietet. In Paris ist das momentan unmöglich“, erklärt Rio, der sein Designstudio seit drei Jahren in seiner Wohn-WG betreibt und für eigene Produktionen die Werkstatt von Freunden in einem Vorort anmietet. „Entweder ziehe ich zurück nach Zentralfrankreich, nach Kanada oder an einen anderen Ort, den ich heute noch nicht kenne. Deutschland wird es aber definitiv nicht sein“, sagt Samy Rio schmunzelnd. „Dort gibt es einfach schon zu viele gute Designer.“
FOTOGRAFIE Samy Rio
Samy Rio
Samy Rio
Mehr Stories
Architektur für ein junges Land
Geoffrey Bawa im Vitra Design Museum
Mehr Privatsphäre, weniger Chaos
Warum die geschlossene Küche ein Comeback erlebt
Vom ersten Entwurf zum zweiten Leben
Nowy Styl erprobt Sitzmöbel aus nur einem Material
Vom Bürostuhl zum CO2-Speicher
Wie Vepa Hanf, Bioharz und Biokohlenstoff in die Serienfertigung bringt
Flexibel verbunden
Fellowes zeigt Lösungen für neue Arbeitswelten auf der ORGATEC 2026
Arm, aber Design
Wie sich die Berliner Kreativszene internationalisiert
Zwischen Bauwende und Planungspraxis
GREENTERIOR zum zweiten Mal beim Klimafestival für die Bauwende in Berlin
Das beste Möbel steht schon da
Wie ein zerlegbarer Tisch und eine Platte aus Altholz einen Standortwechsel überstehen
Grün reden wird schwieriger
Was EmpCo für Architektur- und Planungsbüros bedeutet
Planen ohne Umwege
Neue Schnittstelle verbindet Palette CAD mit dem pCon.catalog
Design in Berlin bekommt eine Bühne
Unsere Highlights für Currents und die Berlin Art Week
Bürolandschaften ohne Limits
Internationale Arbeitsplatzlösungen von Fellowes
Material und Licht als Einheit
Hinterleuchtete Glasplatten für individuelle architektonische Konzepte
Ankommen und bleiben
Wie Vitra und Artek Gastfreundschaft gestalten
Vom Stahl zur Leichtigkeit
Wie entsteht eigentlich ein Waschbecken?
Neuer Schwung für die Schwammstadt
Bodo Sperlein gestaltet mit der Kollektion Cascade klimaresiliente Außenräume
Architektur am Beckenrand
Vier Pools, die den Entwurf vollenden
Stapelweise Stauraum
Vor 18 Jahren feierte „Stack“ von Raw-Edges seine Premiere in Mailand
Die unsichtbare Seite des Arbeitsplatzes
Fellowes vereint technische Infrastruktur zu einem System
Drei Materialien der Moderne
Die Ausstellung „Glas | Beton | Metall“ im Bauhaus Dessau zum 100. Jubiläum
Vom Experiment zur Designpraxis
Nachhaltige Materialien, Kreislaufwirtschaft und Designprozesse bei den 3daysofdesign 2026
Schwebende Ordnung
USM zerlegt in Kopenhagen seinen Designklassiker
Profile mit Persönlichkeit
MyDesign by Schlüter-Systems für eine individuelle Kantengestaltung
Design 2006-2026
Eine Stilgeschichte der letzten zwanzig Jahre
Gebrauchte Segel und kreative Türstopper
Fünf Ausstellungen der 3daysofdesign rückten Material, Werkzeug und Gestaltung ins Zentrum
Inseln im Großraumbüro
Wie Office Pods den Rückzug neu organisieren
Kostbarer Platz
Wie Unternehmen ihre Büroflächen besser nutzen können
Komfort mit Kontur
Wie Brunner mit ray executive den Konferenzsessel weiterdenkt
Vom Altar an die Bar
Wie SICIS das antike Mosaik zeitgenössisch interpretiert
Die Eleganz der Reduktion
Neue Modelle von Jil Sander für Thonet