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Samy Rio: Bambus Forever

In seiner Kindheit bastelte er am liebsten in einem Bambusgarten, nun stellt Samy Rio aus den exotischen Pflanzen Haartrockner, Lautsprecher, Lampen und Sitzbänke her.

von Jana Herrmann, 13.12.2018

In seiner Kindheit bastelte Samy Rio am liebsten in einem Bambus-garten, nun stellt er aus den exotischen Pflanzen Haartrockner, Lautsprecher, Lampen und Sitzbänke her. Mittlerweile finden aber auch seine anderen experimentellen Kreationen so viel Beachtung, dass der junge Querdenker immer öfter als das neue Gesicht des französischen Designs bezeichnet wird.

Mit seinen 29 Jahren gehört Samy Rio zu der Generation von Designern, die mit nachhaltiger Gestaltung aufgewachsen sind. Ein persönliches Ausrufezeichen setzte der Franzose auf diesem Gebiet jedoch während seines Studiums an der Pariser L’École Nationale Supérieure de Création Industrielle (ENSCI – Les Ateliers): Für seine Abschlussarbeit entwickelte er Haartrockner und Musiklautsprecher aus Bambusrohren und lieferte dazu neue Denkanstöße für die Herausforderungen, die technische Apparate ohne Plastik und Metall zwangsläufig mit sich bringen. Die Jury der renommierten Universität für Industriedesign war begeistert und zeichnete Rio für die Originalität und Innovation seiner Arbeit aus. Nur ein Jahr später, im Juli 2015, gewinnt er mit demselben Projekt den Hauptpreis der zehnten Design Parade der Villa Noailles. Seitdem experimentiert der gelernte Tischler auch mit anderen Materialien. Für die Pariser Galerie Kreo montierte Rio filigrane Spiegel auf massives Walnussholz, für seine Kollektion Vases composés (dt.: „zusammengesetzte Vasen“) kombinierte er hochwertiges Glas, Porzellan und Holz mit Nylonseilen. „Ich möchte mit meinen Kreationen eine Spannung zwischen handwerklicher und industrieller Präzision erzeugen“, erklärt Rio. Am liebsten arbeitet er jedoch weiterhin mit „der Wundertüte Bambus“. 2016 kollaboriert er mit dem National Taiwan Craft Research and Development Institute (NTCRDI) im taiwanesischen Caotun und entwickelt auf der Basis jahrhundertealter Verarbeitungstechniken eine moderne Bambuslaterne, die Bamboo Lantern.

„Bambus besitzt in seiner ursprünglichen Form ähnliche Eigenschaften wie Aluminium und Stahl, ist aber viel einfacher zu recyceln.“ Zudem sei das Material hitzeresistent und kostengünstig in der Herstellung, weil es extrem schnell wächst. „Ich finde Bambus absolut ästhetisch und bin immer wieder davon beeindruckt, wie vielfältig sich seine Röhrenform verändern und verwenden lässt. Deshalb habe ich auch die meisten meiner Kreationen aus anderen Materialien in Röhrenform gestaltet“, ereifert sich der Franzose und resümiert: „Es wäre nicht richtig, mich als Bambus-Experten zu bezeichnen. Ich bin ein Bambusbesessener.“ Doch woher rührt diese Faszination für ein Material, das in Asien seit Jahrtausenden in unterschiedlichster Weise genutzt wird und in der westeuropäischen Industrie so gut wie gar keine Rolle spielt? „Ich komme aus einem Ort in den französischen Cevennen, in dem es einen riesigen Botanischen Garten mit über 1.000 verschiedenen Bambusarten gibt. Das war mein Spielplatz, und ich verbrachte schon als Kind viel Zeit damit, mit Bambus zu basteln“, erklärt Samy Rio. „Mich hat aber auch schon immer und generell fasziniert, dass sich natürliche Rohstoffe in Gebrauchsgegenstände umwandeln lassen – zum Beispiel, dass man aus Bäumen Stühle herstellen kann.“

Deshalb absolviert Rio zunächst eine Tischlerlehre, die ihm bis heute und vor allem während seines Designstudiums viele Vorteile bringt. „Es ist mir beispielsweise ein Leichtes, industriell hergestellte Partikel aus Kunststoff in den exakt gleichen Dimensionen und aus natürlichen Materialien nachzubauen. Ich bin aber auch generell davon überzeugt, dass mit qualitativer Handarbeit die gleiche Perfektionsstufe wie die von maschinell hergestellten Produkten erreicht werden kann – obwohl das wohlgemerkt nicht mein persönlicher Anspruch ist“, stellt Rio klar. „Mich interessiert, Handwerkskunst und Industriedesign wie selbstverständlich miteinander zu kombinieren.“

Besonders stolz ist der Designer in diesem Kontext auf sein aktuelles Projekt Bamboo Bench. „Von außen sieht es so aus, als hätte ich aus zersägten Bambusrohren, Gurten und ohne viel Mühe eine Bank gebaut. Der zeitaufwendigste und innovative Teil dieser Arbeit bleibt jedoch unsichtbar. Er besteht aus einer technisch komplexen Konstruktion, welche sich im Inneren der Bambusrohre befindet und diese mit Betonelementen im Boden verankert.“ Als Nächstes geht es für Samy Rio nach Japan, wo rund 800 verschiedene Bambusarten wachsen. Vier Monate lang möchte der Franzose in der Villa Kujoyama in Kyoto besser verstehen, wie die Japaner Bambus verarbeiten und dieses Material insbesondere im Bausektor verwenden. „Langfristig möchte ich Bambus in möglichst viele Produktionsschritte einbauen und es nicht nur als äußeres Gerüst oder Dekoration benutzen“, erklärt er seine Motivation.

Langfristig möchte Samy Rio auch seine preisgekrönten Haartrockner und Lautsprecher aus Bambus vom Prototyp in ein Serienprodukt umwandeln. Dazu fehle ihm bisher nicht nur die Zeit, sondern vor allem das notwendige technische Know-How. Zu seinen weiteren Zukunftsplänen zählt aber auch, die französische Hauptstadt zu verlassen. „Ich wünsche mir einen Ort, der mir viel Platz zum Leben und Arbeiten bietet. In Paris ist das momentan unmöglich“, erklärt Rio, der sein Designstudio seit drei Jahren in seiner Wohn-WG betreibt und für eigene Produktionen die Werkstatt von Freunden in einem Vorort anmietet. „Entweder ziehe ich zurück nach Zentralfrankreich, nach Kanada oder an einen anderen Ort, den ich heute noch nicht kenne. Deutschland wird es aber definitiv nicht sein“, sagt Samy Rio schmunzelnd. „Dort gibt es einfach schon zu viele gute Designer.“ 

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