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Smarte Pedale

Fahrräder sind das Transportmittel der Stunde

Öffentliche Verkehrsmittel und Social Distancing sind ein Widerspruch in sich. Kein Wunder, dass die Menschen wieder stärker individuell unterwegs sind. Eine Alternative zu Auto und Dauerstau bietet das Fahrrad: nicht nur in Corona-Zeiten „das“ Verkehrsmittel der Stunde, sondern ebenso danach.

von Norman Kietzmann, 30.07.2020

Und plötzlich sind sie weg. Um satte 400 Prozent sind die Verkäufe von Fahrrädern in Europa angesprungen, berichtet der Sportartikelverkäufer Decathlon. In China, dem früheren Fahrradland par excellence, sind 2020 sogar fünfmal mehr Exemplare als im selben Zeitraum des Vorjahres abgesetzt worden. Viele Händler haben inzwischen ihre Bestände geleert. Die Hersteller kommen mit der Produktion kaum nach. Es werden Wartelisten angelegt für Dinge, die unter normalen Umständen als stets verfügbar galten. Doch was ist schon normal in dieser Zeit?

Doppelte Wirkung
Zweiräder sind das ideale Verkehrsmittel während einer Pandemie. Grund Nummer eins: Man hält Abstand, ist alleine, muss mit niemandem einen Raum teilen und braucht lediglich einen Helm anstatt einer Maske zu tragen. Grund Nummer zwei: Fahrradfahren hält schlank, wodurch sich das Risiko eines schweren Krankheitsverlaufs reduziert. Dieser Zusammenhang erreicht längst die Politik: In Großbritannien hat die Regierung vor wenigen Tagen einen Aufruf zur körperlichen Ertüchtigung erlassen, da übergewichtige Menschen bei einer Corona-Erkrankung ungleich häufiger auf der Intensivstation behandelt werden müssen und eine höhere Sterblichkeit zeigen. Weil immer noch viele Fitnessstudios geschlossen sind oder niemand sich hineintraut, gewinnt das Fahrradfahren als alternatives Cardio-Training im Freien eine neue Bedeutung. 

Urbaner Mobilitätswandel
Dass deutlich mehr Menschen auf dem Rad unterwegs sind, haben auch die Städte erkannt. In Berlin wurden seit dem Corona-Ausbruch über zwanzig Kilometer Straße in sogenannte Pop-up-Radwege umgewandelt. Die Bezeichnung ist jedoch irreführend, da die Zweiradspuren nicht nur temporär eingerichtet sind, sondern bleiben sollen. In den kommenden Monaten ist geplant, die Streifen baulich klarer von der Straße abzutrennen und so die Sicherheit der Radfahrer*innen zu erhöhen. 

Ein klares Zeichen für die Umstellung vom Vier- zum Zweirad hat die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo gegeben. Sie ging sogar soweit, die wichtigste Verkehrstraße der Stadt – die in Ost-West-Richtung verlaufende Rue de Rivoli – komplett für den Autoverkehr zu sperren und ausschließlich für Fußgänger und Radfahrer freizugeben. In Zukunft sollen immer mehr Straßen Spuren abgeben, sodass ein dichtes Netz an schnellen Zweiradwegen entsteht. Das Ziel für Corona- und Post-Corona-Zeiten: eine effiziente Mobilität mit sauberer Luft und CO2-Neutralität unter einen Hut zu bringen. 

Gezielte Förderung
Anreize zur Verkehrswende werden auch aus finanzieller Sicht gestellt. In Italien hat die Regierung einen Beschluss erlassen, 60 Prozent des Kaufpreises von neuen Fahrrädern zu erstatten, maximal mit 500 Euro. In Deutschland wird auf fiskalischer Ebene agiert: Wer mit dem eigenen Drahtesel zur Arbeit fährt, kann gemäß der Pendlerpauschale 30 Cent pro Kilometer von der Steuer absetzen. Selbstständige und Arbeitgeber können für den Dienst gebrauchte Räder in voller Kaufhöhe geltend machen. Bei einem Preis von weniger als 400 Euro als Ganzes in einem Steuerjahr. Höhere Anschaffungskosten werden über die Nutzungsdauer -– in der Regel werden hierfür sieben Jahre angesetzt – verteilt.

Bereits ein Drittel aller 2019 in Deutschland verkauften Räder wird elektrisch angetrieben. Da sich mit E-Bikes Distanzen von bis zu 100 Kilometern überwinden lassen, bieten sie außerhalb von urbanen Räumen eine Alternative zum Dienstauto. Auch hier bezuschusst der Staat: Wird ein E-Bike vom Arbeitgeber dem Mitarbeiter überlassen, müsste dieser ein Prozent des Kaufpreises versteuern – genau wie bei einem Dienstwagen auch. Dieser Satz ist für E-Bikes zum 1. Januar 2020 auf ein Viertel abgesenkt worden. Das Ziel: Den Anteil der motorisierten Drahtesel bei Dienstfahrzeugen von derzeit drei auf mindestens zehn Prozent zu erhöhen. 

Ode an die Dynamik
Das Fahrrad ist mehr als ein Verkehrsmittel. Es ist auch ein Design-Statement, das Leichtigkeit, Schönheit und Effizienz zu seinen Kriterien erhebt. Den Inbegriff der Eleganz definieren noch immer die filigranen Rennräder, die seit den Siebzigern von italienischen Herstellern wie Bianchi und Cinelli produziert werden. Galt ihre handwerkliche Fertigung lange als Auslaufmodell, sind in den letzten Jahren zahlreiche neue Manufakturen in England, Frankreich, Österreich und anderen Ländern aus dem Boden gesprossen. Sie beleben die Kunst des klassischen Fahrradbaus oder bringen neueste Hightechmaterialien zum Einsatz. 

Eine Typologie, die es den Fahrradgestaltern besonders angetan hat, ist das derzeit boomende E-Bike. Wie bei einem Elektroauto spielt auch hier das Gewicht eine entscheidende Rolle. Viele Räder sind aus Karbon und Aluminium gefertigt – mit filigranen, materialsparenden Konstruktionen. Nur so können die zusätzlichen Kilos von Motor und Batterie wieder ausgeglichen werden, um das Rad agiler und effizienter zu machen. Zudem gilt es, die elektronischen Komponenten möglichst unsichtbar in den Rahmenbau zu integrieren. Schließlich sollen die motorisierten Drahtesel nach Fahrrad und nicht nach Motorrad aussehen. Einen interessanten Zugewinn bewirkt die Sensorik: E-Bikes sind mit unterschiedlichen Fahrprogrammen ausgestattet, ebenso mit Navigationssystem, Diebstahlsicherung und elektronischem Schloss. Im Falle eines Unfalls können einige Räder automatisch Hilfe rufen. 

Kluge Faltung
Auch das Klappfahrrad steht seit langem hoch im Kurs – vor allem für den Weg zur Arbeit. Während viele Wohnhäuser über eigene Fahrradkeller verfügen, gibt es in den Bürovierteln oft nur wenige Stellplätze. Oder das Risiko eines Diebstahls scheint inmitten von quirligen Menschenmengen einfach zu groß. Falträder können dank leichter Materialien und intelligenter Mechanik in Windeseile zerlegt und mit einer Hand hinauf ins Büro getragen werden. Fortschritte gibt es auch bei Fahrradhelmen oder Schutzkleidung, die Richtungswechsel der Fahrbahn mit Lichtsignalen indizieren und den Fahrradfahrer*innen im Verkehrsfluss eine stärkere Position einräumen. Das Schönste dabei: Der neue Auftrieb der Zweiradkultur erfolgt nicht mit einer Abstufung von Ästhetik, sondern mit einer eindeutigen Aufwertung.

Die schönsten, neuen Räder und Accessoires sehen Sie in der Galerie.

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