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Sogar der Papst kennt Miele

von Claudia Simone Hoff, 17.12.2007

Am Wochenende ist auch heute meist noch Hausarbeit angesagt. Die schmutzige Wäsche wird in die Waschmaschine gestopft, nebenbei eine Latte macchiato getrunken, nach 40 Minuten die saubere Wäsche in den Wäschetrockner verfrachtet und noch schnell das benutzte Geschirr der gesamten Woche in den Geschirrspüler gestellt. Ein Knopfdruck genügt und die Maschinen fangen an zu surren, schön leise natürlich. Nach spätestens zwei Stunden ist alles erledigt, einschließlich Staubsaugen. Was daran so ungewöhnlich ist ist? Nun, heute eigentlich gar nichts mehr. Moderne Haushaltsgeräte wie Dampfgarer, Geschirrspüler oder Mikrowellen benutzen wir wie selbstverständlich im Alltag, nur selten hingegen ist uns bewusst, welche Geschichte dahinter steht. Miele ist ein Unternehmen, das man sogleich mit einer (westdeutschen) Kindheit verbindet, denn fast jeder Haushalt war oder ist mit einem Miele-Gerät bestückt, werden die Geräte doch gern von Generation zu Generation weitergereicht. Miele ist eines der Unternehmen, das als Synonym für die Wirtschaftswunderzeit und nicht zuletzt für das alte Gütesiegel „Made in Germany“ steht.
Auf dem Weg ins Hausfrauen-Paradies
1899 gründen der gelernte Maurer Carl Miele und der Geschäftsreisende Reinhard Zinkann die Zentrifugenfabrik Miele & Cie. in einer alten Säge- und Kornmühle in der Gemeinde Herzebrock nahe Gütersloh. Noch heute wird das Unternehmen von den Nachkommen dieser zwei Familien geleitet. Das erste Produkt, das Miele auf den Markt brachte, war eine Milchzentrifuge namens „Meteor“, gefolgt von der gleichnamigen Buttermaschine. Was das mit der Hausarbeit von heute zu tun hat? Nun ja, sehr viel. Denn mit der Buttermaschine, die aus einem kleinen Eichenholz-Bottich, in dem ein mit Hand betriebenes Drehkreuz den Milchrahm zur Butter schlug, bestand, war der Vorläufer zur Waschmaschine geboren. Ein erster Schritt zu den heute vergleichsweise paradiesischen Arbeitsbedingungen der Hausfrau war 1903 mit der Oberpendel-Waschmaschine getan, die damals eine kleine Sensation darstellte. Denn bis dahin waren beschwerliche Tage in der heißen Waschküche mit rot geschruppten Händen und gebücktem, schmerzenden Rücken das Los der Hausfrauen. Vier Jahre später, mit der Übernahme einer Maschinenfabrik mit Gleisanschluss, entschied sich Miele für den Standort Gütersloh – bis heute Hauptsitz des Unternehmens.
Mit dem Miele-Automobil quer durch Gütersloh
Was fast in Vergessenheit geraten ist: 1912 konnte der betuchte Kunde gar mit einem Miele-Automobil das Flachland rund um Gütersloh erkunden, denn das Unternehmen war einer der Pioniere in der Automobilproduktion. Der gemeine Bürger allerdings hatte aufs Fahrrad auszuweichen und auch da bewies Miele sein Gespür für gute Geschäfte: Trotz aller geschichtlichen Irrungen des 1. Weltkrieges wurde 1916 das zweite Miele-Werk in Betrieb genommen und die Fahrrad-Produktion vorbereitet. Was heute kurios anmutet, war damals bittere Realität: Zur Behebung der kriegsbedingten Materialknappheit schaltete das Unternehmen Anzeigen und bat die Bevölkerung um den Verkauf von Zinngeschirren und -tellern, um daraus Produkte zu fertigen. In den 1920er Jahren – als die Miele-Werbung farbig und die Fahrradproduktion aufgenommen wurde –, herrschte in Deutschland eine starke Inflation. Deshalb konnten Miele-Geräte sogar gegen Waggonladungen von Naturalien eingetauscht werden. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten kam dann 1924 das erste Miele-Fahrrad auf den Markt. Ein voller Erfolg, denn 1936 waren bereits 500.000 Stück hergestellt.
Der Papst, die Miele-Kartoffelkäfer-Spritze und andere Kuriositäten
Fast ähnlich revolutionär wie die Erfindung der Waschmaschine war die Erfindung des Staubsaugers, den Miele 1927 auf den Markt brachte. Passend dazu wurden Staubsauger-Schränke zum Verstauen des klobigen Gerätes geliefert. Der Besen war quasi hinfällig geworden. Nur zwei Jahre später konnte der erstaunte Kunde die erste Geschirrspülmaschine Europas begutachten. Als der Firmengründer Carl Miele 1938 starb, war er zuvor von Papst Pius XI. für seine Verdienste mit dem Ehrenkreuz „Pro Ecclesia et Pontifice“ ausgezeichnet worden – diese kleine Begebenheit zeigt, welchen Bekanntheitsgrad das Unternehmen inzwischen erreicht hatte. Die Zeit nach dem 2. Weltkrieg, der eine Einstellung und Umordnung der Produktion erfordert und die Miele-Werke stark beschädigt hatte, begann mit einer Kuriosität: der Produktion der Miele-Kartoffelkäfer-Spritze, die die Kartoffelkäferplage eindämmen sollte. In den späten 1950er Jahren – die Zeit des deutschen Wirtschaftswunders – fand die Waschmaschine ihren Weg von der Waschküche in die Etagenwohnung und der erste Wäschetrockner kam auf den Markt. Heute eher absurd-befremdlich wirkende Slogans wie „Mutti macht`s mit Miele“, Werbung für Miele-Staubsauger, erinnern noch daran. Eine Erfindung und Erneuerung folgte der nächsten. Die 1970er Jahre beispielsweise waren die Zeit der Mikrowellen, des kantigen Designs und der knalligen Farben.
Schönheit und Zweckmäßigkeit als Verkaufsgaranten
Miele – das ist auch der Schriftzug mit dem schräggestellten „i“. Das Logo ist seit Mitte der 1920er Jahre in Gebrauch und besitzt einen hohen Wiedererkennungswert. Früh wurde es auf Typenschildern, Drucksachen und als Reklame verwendet. Beim Miele-Produktdesign hält man sich an das Motto „Modern, aber nicht modisch“. Die Orientierung am Miele-Vorgängermodell ist sozusagen stilistische Pflicht: Man übernimmt dessen stilbildende Elemente und entwickelt diese dann weiter. Deshalb gibt es auch so etwas wie einen „Miele-Stil“. Bei den Waschmaschinen beispielsweise werden die Bedienungselemente der elektrischen Schalter, die Mechanik des Türschließers sowie die Kontrollanzeigen zu prägnanten gestalterischen Aussagen. Technische Geräte müssen zuallererst den Bedingungen der Technik folgen – danach richtet sich dann die Gestaltung der Form aus. In den 1960er Jahren hatte die Ulmer Hochschule für Gestaltung starken Einfluss auf das deutsche Produktdesign, so auch auf das von Miele-Geräten. Bei diesen steht die konstruktive Geräte-Gestaltung bis ins Detail, die einfache Bedienbarkeit, die Langlebigkeit und das Aussehen des Produktes im Vordergrund. Bei den Staubsaugern ist in dieser Zeit eine Abkehr von der runden Form hin zum Rechteck zu beobachten. Da die Gehäuse nun nicht mehr aus Blech, sondern aus Kunststoff gefertigt waren, ergaben sich neue Gestaltungsmöglichkeiten. Jetzt wurden auch die Emotionen angesprochen: Die Geräte sollten gleichzeitig Beweglichkeit und Modernität verkörpern.
Die Zukunft hat schon begonnen
Die Wiederkaufsrate der Marke Miele, die rund 70 Prozent des Umsatzes im Ausland erwirtschaftet, liegt bei 90 Prozent. Will heißen: Wer bereits in der Vergangenheit ein Miele-Gerät in der Wohnung stehen hatte, kauft auch in Zukunft wieder eines. Dies verdeutlicht auch ein Werbe-Slogan aus den 1920er Jahren: „Nur Miele, Miele, sagte Tante, die alle Waschmaschinen kannte“. Miele positioniert sich im Premium-Markt und der Leitspruch des Unternehmens - „Semper Melior“ (Immer besser) - ist auch heute noch allgemein gültiges Credo. Was dem Unternehmen entgegenkommt, ist der momentane Trend zur offenen Küche. Jetzt werden auch die Haushaltsgeräte offen gezeigt, was den Fokus von der Technik auf das Design verlagert. Dieser Trend wird vor allem von der Miele-Zielgruppe der über 40jährigen und Wohlsituierten angenommen. Was uns als nächstes erwartet? Man darf gespannt sein, denn ein Forschungslabor mit 350 Mitarbeitern tüftelt derweil in Gütersloh an neuen Erfindungen wie dem Medicair-Staubsauger mit Allergotec-Düse, der Allergikern anzeigt, wo im Teppich sich die Staubmäuse versteckt haben. Oder [email protected]: Es nutzt die neuen Kommunikationstechnologien, um Haushaltsgeräte kommunikationsfähig zu machen. Es kann also sein, dass demnächst ein kleiner Knopfdruck auf dem Handy genügt, um ein langweiliges und zuweilen anstrengendes Hausfrauendasein obsolet zu machen.
Wer mehr über die Geschichte des Unternehmens erfahren möchte, dem sei ein Besuch des Miele-Museums in Gütersloh empfohlen:
Miele-Museum
Carl-Miele-Straße
33332 Gütersloh
Telefon:+49 (0)5241 89 0
Fax:+49 (0)5241 89 20 90
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