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System 180: Nicht von der Stange

Architekturen aus Stabtragwerk made in Berlin.

von Jasmin Jouhar, 27.11.2013

Was haben ein Regal, ein Konferenztisch oder ein Whiteboard mit einer 400 Meter langen Fassade gemeinsam? Nichts? Falsche Antwort! Alle vier basieren auf derselben Konstruktion: einem Stabwerk aus Edelstahl mit verschraubten Knoten. Jedenfalls, wenn sie vom Unternehmen System 180 aus Berlin produziert wurden. Denn das universelle Prinzip funktioniert nicht nur im Möbelbau. Unter dem Label SystemTecture konstruieren die Berliner damit Fassaden, Kuppeln, Dächer und andere, meist temporäre Architekturen. Dabei erledigen sie von der Planung über die Fertigung bis hin zur Montage alles selbst und konzipieren individuelle Lösungen für viele Bauaufgaben.

Diese Woche geht es wieder los auf dem ehemaligen Berliner Flughafen Tempelhof: Das Team von System 180 montiert „die Wand“. Für die Modemesse Bread & Butter verwandelt sie auf etwa 400 Metern Länge den offenen Flugsteig unter dem auskragenden Dach in eine abgeschlossene Messehalle. Die nächste Ausgabe der Bread & Butter beginnt zwar erst am 14. Januar 2014, aber es dauert knapp zwei Monate, die seit der vergangenen Messe im Sommer eingelagerte Konstruktion auszupacken und aufzubauen. Für drei Tage Modetrubel errichten die Monteure von System 180 ein selbsttragendes, gekrümmtes Tragwerk aus Edelstahlrohren und Luftkissen, das den denkmalgeschützten Flughafenbau unberührt lässt und zugleich einen vor Wind und Wetter geschützten Innenraum schafft.

Wände, Kuppeln, Treppen
Die temporäre Wand für den Tempelhofer Flughafen ist das bei weitem größte Vorhaben, das System 180 unter dem Label SystemTecture bislang realisiert hat. Auf der Projektliste des in Schöneberg ansässigen Unternehmens stehen auch Treppenanlagen, geodätische Kuppelbauten, temporäre Dächer, Kunstinstallationen oder Displaysysteme. Doch wie unterschiedlich die Funktion und der Maßstab der Projekte auch sein mögen, sie basieren immer auf demselben System: einem Stabtragwerk aus Edelstahlstangen, die an ihren Enden flach gepresst und miteinander verschraubt sind. Rohrquerschnitte und Materialstärken können variieren, zum Einsatz kommt stets das modulare System, dessen Prinzip Architekt Jürg Steiner Anfang der achtziger Jahre für temporäre Ausstellungsarchitekturen entwickelte.

Regale, Schränke, Fahrräder
Unter den Namen SystemHome und SystemObject vermarktet System 180 die Edelstahlmodule für den Alltagseinsatz im Büro oder zuhause: Mittlerweile existiert eine breite Palette an Möbeln, beispielsweise Regale, Arbeits- und Besprechungstische, Schränke, Container und sogar Betten. Auf dem weitläufigen Schöneberger Firmengelände finden sich auch Fahrräder und ein Globus aus verschraubten Rohren – experimentelle Einzelstücke, die zeigen, dass die Grenzen des Systems wohl vor allem im Einfallsreichtum der Planer liegen. Denn das zeichnet das Unternehmen aus: Kunden bekommen ein maßgeschneidertes Produkt aus einer Hand. Inhouse-Architekten und –Designer entwickeln das Konzept, eine eigene Prototyping-Abteilung testet neue Konstruktionslösungen, Fertigung und Montage übernimmt die Firma ebenfalls. „Wir haben alles unter einem Dach“, sagt Volker Maier, Leiter Marketing und PR. „Das macht uns flexibel und leistungsfähig, vor allem, wenn die Zeit knapp ist“.  

Sphären, Kuppeln, Kugeln
Welche Möglichkeiten in den Edelstahlstangen stecken, zeigt beispielsweise das DNA-Besucherlabor im Deutschen Museum in München. Wie ein UFO schwebt der Kugelbau mit acht Metern Durchmesser im Museum. Er beherbergt ein Labor, in dem Besucher unter Anleitung von Wissenschaftlern selbst Experimente durchführen können. Seine Konstruktion haben die Planer von System 180 in enger Abstimmung mit dem Museumsteam entwickelt. Eine Spezialität des Unternehmens sind tatsächlich die Kuppelbauten, denn freitragende Sphären lassen sich mit dem leichten Stabtragwerk besonders gut realisieren. Das beweisen eine Multifunktionshalle im italienischen Lamezia Terme, die mit 30 Metern Durchmesser beeindruckt, oder die temporären Kugelbauten für die Biathlon-Weltmeisterschaft in Südtirol.

Tempelhof, die Zweite
Die bislang größte Kuppel, die die Berliner geplant haben, konnten sie allerdings nicht realisieren: Für den European Song Contest wollten sie ebenfalls auf dem Tempelhofer Flugfeld eine stützenfreie Halle mit rund 100 Metern Spannweite errichten. Der Zuschlag für das Event ging schließlich nach Düsseldorf, aber an der spektakulären Location aus einer System-180-Konstruktion ist die Berliner Bewerbung sicher nicht gescheitert.



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System 180

www.system180.com

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