Visuelle Poolparty
Die Publikation Lido ist eine Ode an das gezähmte Wasser
Im Pool gerät der Schwimmer zwischen die zwei Elemente Wasser und Luft und gleitet unter dem Blau des Himmels und über dem Blau des Beckens über die Fläche. Anders als im Meer ist das Wasser hier gezähmt: keine Wellen, keine Seeigel, kein Salz und immer eine angenehme Temperatur. Klingt entspannend? Das Buch Lido liefert dazu die passenden Bilder.
Lido ist das italienische Wort für Strand, meint im kalten Großbritannien aber viel eher einen erwärmten Outdoor-Pool mit einer Herde Strandliegen, vielleicht auf einem Handtuch aus englischem Rasen. Im Deutschen ist der Lido am nächsten mit dem Strandbad verwandt, und das lateinische Wort „ludo“, ich spiele, ist gerade mal ein „u“ (und ein aufblasbares Einhorn) entfernt. Das Universum um den Lido ist also weit, solange dort Menschen auf Wasser treffen. Mit dem Buch Lido – A dip into outdoor swimming pools: the history, design and people behind them, herausgegeben im Batsford Verlag und verfasst von Christopher Beanland, ist jetzt eine Hommage an das von der Architektur limitierte Blau erschienen. Hier wird die Kulturgeschichte des Pools genauso untersucht wie seine ästhetischen Spielarten von Europa bis Australien.
Ruhe-Pool
Wann genau es mit der Poolkultur losging, mit der man für geplante Badestellen neben natürlichen Wasserreservoirs sorgte, darüber ist sich auch der Autor nicht sicher. Vermutet wird allgemein, dass das vor über fünf Jahrtausenden erbaute „Große Bad“ in Mohenjo-Daro in Pakistan das erste seiner Art war, aber auch die Griechen und Römer, Japaner und Ägypter haben gemeinsam gebadet – meist war das Bad eine von der Gemeinschaft geteilte Einrichtung. Das übergeordnete Ziel war die körperliche Hygiene, die immer mit dem Mehrwert des sozialen Austauschs und der Entspannung kam. Und diese Idee hat sich bis heute gehalten. Die wenigsten Besucher nutzen das Schwimmbad nur als Sporteinrichtung, stattdessen wird gepicknickt, genickert und geschwatzt; der Beckenrand wird zum Laufsteg und der Sprungturm zur Bühne. Der Pool ist ein Versprechen von Abkühlung und Erfrischung und sorgt darüber hinaus für einen entschleunigten Geist und einen trainierten Körper.
Aszendent Seepferdchen
Aber Pools sind immer auch ein Luxus. Der des gut angebundenen Städters in einem entwickelten Land, des Urlaubers mit Budget oder des Eigenheimbesitzers mit Liebe zum Wasser und Abneigung zum Teilen. Denn das eigene Becken ist wohl das größte Privileg.Wer alleine schwimmt, der blickt in den Ruhepausen auf einen unbewegten Wasserspiegel und kann die architektonische Inszenierung in aller Ruhe genießen. Dabei könnte er auch darüber nachdenken, dass die Begeisterung der Menschen fürs Wasser fast schon ein wenig bizarr anmutet, sind sie doch seit ihrer Geburt hier eigentlich nicht mehr in ihrem Element. Stattdessen ist Wasser ein Sehnsuchtsort. Blau ist die mit Abstand beliebteste Farbe der Menschen und 70 Prozent der Deutschen fahren im Urlaub ans Meer. Für Meer-Vergnügen haben sie eine ganze Produktwelt im Koffer, vom Schwimmtier über die aufblasbare Insel, vom Wasserball zum Strandtennis, von der Schnorchelbrille zum Schwimmbrett.
Immer dem Pool nach
Obwohl es sich bei Lido um eine britische Publikation handelt, ist Deutschland im Pool-Business Europas offenbar ein Top-Player. Da ist die Zeche Zollverein mit ihrem blauen Baderechteck in der rostroten Industriekulisse. Oder die Berliner Olympia-Pools von 1936, die mit ihrem verwitterten Beton-Charme auch irgendwo in Indien stehen könnten, und ein Nachbar das ein paar Kilometer weiter in der Spree schwimmende Becken des Badeschiffs. Ganz anders sieht es in Wuppertal aus. Da steht das Pop-up-Freibad Mirke inmitten eines Traditionsbades, temporär erweitert mit Beckenkonstrukten aus kubischen Kanistern. Global reicht das Spektrum von brutalistischen Betonmonumenten über nackt verkachelte Funktionseinrichtungen bis zum gestalterisch anspruchsvollen Architektur-Porno. Gerade im 20. Jahrhundert haben sich Architekten immer wieder dem Pool gewidmet, und die Autoren stellen aktuelle Gestalter vor, aber auch ganz normale Schwimmer aus Leidenschaft. Lido ist also ein Buch, mit dem man über ein paar trockene Stunden im Homeoffice hinwegblättern kann – und schlägt gleich das Ausflugsziel für den Feierabend vor.