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Wohnratgeber 16: Möblierter Exhibitionismus

Neue Gewichtung: Aufbewahrungsmöbel muss man nicht mehr verstecken.

von Norman Kietzmann, 12.09.2017

Die Stars der Inneneinrichtung sind Sitzmöbel. Die lästige Arbeit erledigen hingegen Schränke, Sideboards, Regale, Schalen und Gefäße. Der entscheidende Punkt: Aufbewahrungsmöbel brauchen sich nicht mehr zu verstecken und sind heute so verantwortlich für die atmosphärische Gewichtung von Räumen wie ihre sitzenden Verwandten. Ein Streifzug durch die Welt des Versteckens, Verstauens und Offenbarens.

Mit einem Stuhl für Aufsehen zu sorgen, ist gar nicht so einfach. Ungleich schwerer noch gelingt es mit einem Schrank oder Regal. Der Grund liegt auf der Hand: Aufbewahrungsmöbel sind groß, wuchtig und eigentlich überall am falschen Ort. Am liebsten würde man sie auf der Stelle verschwinden lassen. Für Designer ergeben sich daraus zwei Möglichkeiten: Die einen wollen sowohl Schränke als auch Regale möglichst unscheinbar machen. Die anderen gehen den entgegengesetzten Weg und bringen die stattlichen Volumina mit dekorativen Oberflächen und markanten Details zur Geltung. Und so warten nicht wenige Aufbewahrungsmöbel mit erstaunlich exhibitionistischen Qualitäten auf: „Seht her!“, lautet die unmissverständliche Botschaft, mit der sie aus den Schatten der Einrichtungswelt ins Licht treten.

Das Regal
Wie beispielsweise ein Regal mit beinahe psychedelischen Effekten wirkt, zeigt Cappellini mit einem Entwurf des japanische Designerduos Junpei und Iori Tamaki: Flower setzt sich aus 18 blauen und 17 dunkelgrünen Zylindern zusammen, die in zwei Reihen übereinandergestapelt wurden. Je nach Blickwinkel ergeben sich interessante Überschneidungen, die durch die leicht reflektierenden Innenseiten der Zylinder noch verstärkt werden. Wie ein Lehrstück in puncto Minimalismus wirkt der Regal-Beistelltisch-Hybrid Still Life, den Francesco Librizzi für Driade gestaltet hat. Drei quadratische Aluminiumplatten sind jeweils mittig ineinandergesteckt. Die polierten Oberflächen sorgen dafür, dass abgelegte Objekte mehrfach gespiegelt und in ihrer Wirkung geradezu dramatisch gesteigert werden.

Das Sideboard
An Selbstbewusstsein mangelt es dem Sideboard Shade ganz gewiss nicht. Der Entwurf von Studio Viganò für den italienischen Hersteller Bonaldo wartet mit dekorativen Fronten auf. Horizontale Striche in Messingoptik setzen sich von einem petrolfarbenen Untergrund ab und korrespondieren mit einem filigranen Untergestell in Messingoptik. Auf pudrige Töne setzt hingegen der Möbelhersteller Piure mit dem Sideboard aus der Serie Mesh Living von Werner Aisslinger. Getönte Glaspaneele und perforierte Metallablagen geben dem Möbel eine subtile Transparenz, die durch eine Positionierung in Fensternähe oder die Kombination mit Steh- oder Tischleuchten umso stärker ausgespielt wird. Weil die filigranen Aluminiumrahmen auch für die Rückseite verwendet werden, kann das Möbel als freistehende Insel inmitten des Raums platziert werden.

Der Schrank
Dass Aufbewahrungsmöbel durchaus als Skulptur betrachtet werden können, beweist der italienische Metallmöbelhersteller De Castelli. Verspielt und leichtfüßig wirkt der Schrank Polifemo von Elena Salmistraro. Rechte Winkel sucht man hier vergebens. Die Ablageböden sind in einem aufrecht stehenden Volumen mit abgerundeten Ecken versteckt, das an der Außenseite mit Kupferplatten überzogen und mithilfe zweier Kupfertüren geöffnet wird. Die beiden mittig angeordneten Griffe bilden zusammen einen Kreis und lassen das Möbelstück wie einen Zyklopen aus den Irrfahrten des Odysseus erscheinen. Der große Auftritt gelingt dem Systemmöbelhersteller USM Haller mit der Beleuchtungslösung E. Indem die metallenen Trägerstrukturen mit LED-Streifen bestückt werden, lassen sich offene Ablagen und Vitrinen wie kleine Showbühnen in Szene setzen. Mit farblich abgesetzten Paneelen wird die Leuchtkraft dieser exponierten Ablageflächen verstärkt. Praktischer Nebeneffekt: Durch integrierte USB-Steckplätze kann der aufgefrische Möbelklassiker auch noch das Smartphone mit aufladen.

Der Kleiderschrank
„Offenbaren statt Verbergen“ lautet ebenso das Motto einiger Kleiderschränke. Das vom belgischen Architekten Vincent Van Duysen entworfene System Master Dressing von Molteni&C basiert auf einem Zahnstangensystem, in das lackierte oder gläserne Rückwände gehangen werden. Kleidungsstücke können somit wie in Vitrinen präsentiert werden, die sogar freistehend im Raum funktionieren. Sinn für die Mode beweist Piero Lissoni mit Boutique Mast für Porro. Das System ist sowohl für Geschäfte als auch für private Garderoben geeignet. Aufgrund einer offenen Bauweise aus filigranen Metallrohren und seitlich auskragenden Regalböden können die Blicke selbst im gefüllten Zustand locker hindurch wandern. Der offene Kleiderschrank stellt seinen Inhalt selbstbewusst zur Schau und kann entlang der Wände oder als ungewöhnlicher Raumteiler gleichermaßen zum Einsatz kommen.

Schachteln und Gefäße
Für kleine Dinge sind Gefäße unerlässlich. Dass auch hierbei das Auge nicht zu kurz kommen muss, beweisen Sam Hecht und Kim Colin (Industrial Facility) mit der Serie Store für den japanischen Hersteller Sekisaka. Die Oberflächen werden nach der traditionellen Urushi-Technik zweifarbig lackiert und warten mit einer subtilen Transparenz auf, die ihnen sinnliche Tiefe verleiht. Grafische Qualitäten bringen die Mille Jeux Boxes ins Spiel, die Gianpaolo Pagni für Hermès Maison entworfen hat. Die von Hand lackierten Oberflächen kombinieren feine Streifen mit bunt abgesetzten Quadern, Rauten, Kreisen und Pferdefiguren. Das Innenleben der Aufbewahrungsboxen setzt hingegen Akzente in kräftigen Rot-, Gelb- und Blautönen.

Die Schale  
Als Hingucker entpuppen sich die Fruchtschalen, die Ron Gilad für Danese entworfen hat. Der israelische Designer hat im Herbst 2016 die Rolle des Kreativdirektors des Mailänder Unternehmens übernommen und sich mit seiner ersten Kollektion auf die Spuren der alten Meister wie Bruno Munari und Enzo Mari begeben. Letzterer hat für Danese die Ablage Putrella (1958) in Form einer gebogenen Eisenbahnschiene gestaltet. Gilad greift die Idee auf und verfremdet sie zugleich: Für Oh Signore werden vier Eisenprofile zu einem christlichen Kreuz verschweißt, das auf dem Tisch als ungewöhnliche Fruchtschale oder an der Wand tatsächlich als religiöses Symbol verwendet werden kann. Was wohl der Herrgott zu so viel Selbstdarstellung sagt?

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