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Wohnratgeber 17: Klein ganz gross

Miniwohnungen sind kein Manko. Mit entsprechenden Mitteln kommen sie sogar richtig groß raus.

von Norman Kietzmann, 26.10.2017

Bei der Wahl einer Wohnung zählt besonders eins: die Lage. Doch je höher die Quadratmeterpreise in den Innenstädten steigen, desto knapper werden die Grundrisse. Mehr und mehr reagieren darauf Designer und Hersteller – mit kleinteiligen, wandelbaren und flexiblen Möbeln fürs urbane Wohnen.

In großen Räumen ausschweifend werden kann jeder. Deutlich kniffeliger wird es in der räumlichen Beschränkung. „Wohnungen sind längst nicht nur in Städten wie London und New York fast unbezahlbar geworden, sondern ebenso in vielen asiatischen Metropolen. Wir brauchen Dinge, die kompakt sind, sich leicht transportieren lassen und mehrere Bedürfnisse auf einmal erfüllen”, bringt Lyndon Neri die heutige Herausforderung auf den Punkt. „Darum ist es wichtig, die gängigen Typologien neu zu überdenken.“

Geschrumpfte Dimension
Mit seiner Partnerin Rossana Hu hat der Shanghaier Designer die Möbelkollektion Ren für Poltrona Frau entworfen – eine Marke, die bislang eher auf Größe als auf räumliche Zurückhaltung gesetzt hat. Doch auch im Luxussegment beginnt ein Umdenken: Die Kollektion umfasst kompakte Garderoben, Sessel und Sofas, die sogar in Aufzüge hineinpassen. Regale sind bewusst freistehend konzipiert, um ohne zusätzliche Verankerungen in den Wänden auszukommen. Eine neue Zielgruppe haben Neri&Hu ebenso für Agape ins Visier genommen: Die Badewanne Immersion kompensiert eine kleine Grundfläche mit einem deutlichen Zugewinn an Höhe. Auf diese Weise lässt sie sich in Bäder einbauen, in denen normalerweise gar kein Platz für eine Wanne wäre.

Visuelle Entschlackung
Flexibilität in der Anwendung verspricht auch der Sekretär Palette, den Jaime Hayon für den dänischen Möbelhersteller &tradition gestaltet hat. Der Schreibtisch wird hier von überflüssiger Wuchtigkeit befreit. Dank einer geschwungenen Tischplatte, eines filigranen Untergestells sowie des Verzichts auf voluminöse Schubfächer braucht sich das grazile Möbelstück nicht zu verstecken und kann auf vielfältige Weise in die Inneneinrichtung integriert werden. Visuelle Leichtigkeit wird auch durch gepolsterte Sitzbänke verstärkt, die vorzugsweise den Esstisch umringen und das Durcheinander wild verschlungener Stuhlbeine überflüssig machen. Ruhe und Klarheit verspricht das Modell Joline, das Mathias Seiler für Girsberger entworfen hat und die Rückenpolster mit einem runden Holzbalken in Position hält.

Wandelbare Möbel
Mit weniger Quadratmetern auszukommen, gelingt ebenso durch sinnvolle Mehrfachnutzungen. Als perfekte Allrounder entpuppen sich Poufs, die dank fehlender Rückenlehnen kleinen Räumen keine Blickachsen rauben. Alternativ zu ihrer Sitzfunktion können sie ebenso als Fußbank und Beistelltisch Verwendung finden. Ausziehbare Tische vergrößern den Bewegungsradius. Klappstühle wie Naoto Fukasawas Hiroshima Chair für Maruni erweitern kompakte Sitzinseln und Esstische zu kommunikativen Inseln. Schlafsofas wie Softly von Nick Rennie oder Berlin Loft von Müller Wulff (beide für Ligne Roset) verwandeln das Wohnzimmer oder Arbeitszimmer in ein zusätzliches Gästezimmer.

Verbindende Trennung
Auch Paravents können den Platzbedarf reduzieren. Die flexiblen Raumteiler schaffen aus dem Blickfeld, was niemand sehen soll und erlauben eine funktionale Doppelnutzung. Zudem lassen sie sich in Windeseile umstellen oder zusammenklappen, um einen getrennten Raum wieder in seiner Ganzheit erfahrbar zu machen. Auf den Spuren fernöstlicher Ästhetik wandelt hierbei das Londoner Designerduo Pearson Lloyd mit dem Paravent Nebula für Tacchini. Die italienische Designerin Alessandra Baldereschi setzt mit dem Paravent Painting für De Castelli auf die illusionistischen Qualitäten einer Theaterbühne. Oxidierte Metalloberflächen zeigen einen Nachthimmel mit abnehmendem Mond sowie eine Hügellandschaft beim Sonnenuntergang.

Fragmentierte Blicke
Spiegel sind eine verlässliche Geheimwaffe, um kleinen Räumen Weite zu geben. Der Wandspiegel 124° von Artek kombiniert zwei hochglanzpolierte Stahlplatten, die in einem Winkel von 124° aufeinander treffen. Je nach Blickpunkt fängt der Entwurf von Daniel Rybakken immer wieder neue Fragmente der Umgebung ein und sorgt auf diese Weise für einen dynamisch-changierenden Effekt. Ein eleganter Auftritt gelingt dem Wandspiegel F.A.33, der 1933 von Gio Ponti für FontanaArte entworfen wurde und nun bei Gubi wieder produziert wird. Der massive Messingrahmen vollzieht an der Ober- und Unterseite eine konkave Wölbung, während die beiden Außenseiten leicht schräg nach außen zeigen. Die fließende Silhouette verleiht dem Spiegel Leichtigkeit und erlaubt vielfältige Einsatzmöglichkeiten an den häuslichen Wänden.

Verspielte Systeme 
Die Frage nach dem perfekten Stauraum bleibt letztlich in jeder Wohnung entscheidend. Mit flexiblen Baukästen wie dem Möbelbausystem Haller von USM lassen sich Wände in ihrer gesamten Breite und Höhe ausnutzen, ohne wertvolle Ablageflächen zu verschenken. Eine Auswahl von 30 atmosphärische Farben bringt Werner Aisslinger mit dem Aufbewahrungssystem Mesh Living für Piure ins Spiel. Wie Schrankkuben, Wandregale und Sideboards auf spielerische Weise miteinander kombiniert werden können, zeigt das System T030, das Piero Lissoni für Lema gestaltet hat.

Geweitete Perspektive
Dass der Fokus aufs Kompakte keineswegs nur für die Gegenwart gilt, zeigt Gio Pontis Faltsessel D.270.1 aus dem Jahr 1970. „Obwohl der Sessel weitaus weniger spektakulär ist als andere Entwürfe, wollte er doch genau für dieses Möbelstück in Erinnerung bleiben“, sagt die Kuratorin Francesca Molteni, die die Reeditionen mehrerer Ponti-Entwürfe beim väterlichen Möbelunternehmen Molteni&C initiiert und betreut hat. Die Botschaft ist damit klar formuliert: Klein ist alles andere als ein Manko. Mitunter kommen Miniwohnungen sogar richtig groß raus.

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