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Wohnratgeber 19: Keine Angst vor Farbe

Welche Töne und Kontraste bestimmen das Jahr 2020?

von Norman Kietzmann, 27.04.2020

Farbe ist die Wunderwaffe der Inneneinrichtung. Und nicht nur das. Sie ist auch ein verlässlicher Spiegel des Moments. Farbe wird niemals isoliert betrachtet, sondern immer in einen Kontext eingewoben. Welche Töne und Kontraste bestimmen das Jahr 2020? Und wohin geht die Reise danach? 

„Die heutige Zeit verlangt Vertrauen und Hoffnung“, sagt Leatrice Eiseman, Executive Director des Pantone Farbinstitutes. Für das Jahr 2020 wurde der Blauton Pantone 19-4052 Classic Blue ausgewählt. „Er ist geprägt von Konstanz und Verlässlichkeit, strahlt genau diese Zuversicht aus. Er steht für die endlose Weite des Abendhimmels, ruft uns auf, unsern Horizont zu erweitern, klare Gedanken zu fassen, neue Perspektiven einzunehmen, frei und unvoreingenommen zu kommunizieren“, so die Farbexpertin.

An die Verwerfungen durch das Coronavirus war noch gar nicht zu denken, als der beruhigende Blauton gekürt wurde. Doch umso mehr trifft er die heutige Situation. Die häusliche Quarantäne zeigt, wie wichtig es ist, dass eine Farbe beruhigen kann, einen Ausgleich schafft, zum Wohlbefinden beiträgt. Vorausgesetzt natürlich, sie tritt weder aggressiv noch dominant in Erscheinung.

Milchkaffee und Jadegrün 
Es geht darum, einen Ausgleich zwischen dem Sinnlichen und Rationellen, zwischen dem Lauten und Leisen zu finden. Auf der einen Seite sehen wir pudrige Töne wie Stucco, Peach Quartz, Cornhusk oder Sloe Gin Fizz. Dazu gesellen sich energetischere Nuancen wie Coralessence, Lime Punch, Jasmine Green oder Space Cherry. Auch Metallfarben wie Silverplated, Aluminium Foil oder Glitteratti sorgen für passende Kontraste zur Farbe des Jahres.

Ein verlässlicher Trend-Garant ist der belgische Modedesigner Raf Simons, der seit 2014 Stoffe für Kvadrat entwirft. Seine Farbpalette für 2020 ist folgendermaßen bestückt: Für den flauschigen Bouclé-Stoff Helia werden neutrale Beige- und Grautöne mit intensiveren Nuancen wie Hellgelb, einem gedeckten Orange oder einem zwischen Kastanienbraun und Bordeaux changierenden Ton gesetzt. Der Stoff Sila verbindet milchkaffeefarbene und moosgrüne Töne mit einem aufgehellten Jadegrün, einem satten Yves-Klein-Blau, einem blaustichigem Feuerrot sowie einem zu Safran tendierendem Gelb. Beim tweetähnlichen Stoff Sunniva 3 setzen warme Farben wie Terrakotta und Ziegelstein einen Kontrast zu kühlerem Grau und verschiedenen Grüntönen, die von Dunkelgrün bis Aquamarin reichen.

Puderfass trifft Moderne 
Die Farbwelten spiegeln zugleich die Interpretation der Möbel: Das Pudrige verweist in die Fünfziger-, ein Stück weit aber auch in die Dreißigerjahre hinein. Die Primärfarben bringen den Modernismus vom Bauhaus ebenso mit ein wie das Schrille der Postmoderne – sozusagen eine gedoppelte Rückkoppelung in die Zwanziger und Achtziger. In der Farbauswahl zeigt sich die Konzeption eines Interieurs. Werden die Möbelstücke durch eine verbindende Farbpalette in ein Ensemble eingebunden oder werden sie durch Signalfarben vielmehr wie Skulpturen in einer Galerie akzentuiert? Wird das Interieur als eine Gemeinschaft oder vielmehr als eine Summe von Einzelteilen wahrgenommen?

Akzentuierung nach Größe
Eine wichtige Rolle spielt hierbei die Zeit. Auch wenn einige Möbelhersteller versuchen, stets auf die Nuancen des Moments aufzuspringen, erfolgt die Planung doch um einiges längerfristiger. Will heißen: Weil die Dinge in zwanzig, dreißig oder noch mehr Jahren von Bestand sein sollen, werden vor allem bei großformatigen Möbelstücken wie Schränken, Tischen oder Sofas neutralere Töne verwendet. Die aktuellen Trends zeigen sich eher bei Sesseln, Stühlen, Hockern, Beistelltischen oder Leuchten, die aufgrund ihrer kompakteren Dimensionen weitaus leichter in kräftigen Farben zu ertragen sind. Je kleiner ein Gegenstand, umso stärker darf er aus der Reihe tanzen. Das gilt auch für vermeintliche Langeweiler wie Kleiderhaken oder Mischbatterien, die heute oft in einer breit gefächerten Palette erhältlich sind und ruhigen Räumen die nötige Würze verleihen können.

Der Flur als Experiment 
Den Wandel der Zeit offenbart vor allem die Umgebung, in die die Möbelstücke eingebunden werden. „Die Menschen möchten nicht mehr mit weißen Wänden wohnen. Sie starten mit leichten Grautönen und werden von Raum zu Raum mutiger. Vor allem im Flur setzen viele ein Statement, zum Beispiel in dunklen Blautönen“, sagt Ulrike Jaitner, Farbberaterin bei Farrow & Ball. Bei offenen Raumkonzepten kann Farbe dazu genutzt werden, den einzelnen Bereichen Charakter und Atmosphäre zu verleihen und so die Übergänge zu betonen. Doch nicht nur Wände und Decken werden in das Spiel mit einbezogen, sondern ebenso die Böden. Teppiche sind eine gute Möglichkeit, farbliche Akzente zu setzen, ohne massiv in die Wohnung einzugreifen. Wenn man die Treter nicht mehr sehen kann, platziert man sie in einem anderen Zimmer oder trennt sich wieder von ihnen.

Dijonsenf & Mousse au Chocolat 
Für 2021 sieht die Pantone-Expertin Leatrice Eiseman eine Verstärkung von Farbtrends, die uns schon heute im Möbel- und Interieur-Bereich begegnen. „Terrakotta ist die erste Palette, die nach einer Farbe benannt wird. Sie umfasst einen warmen, erdigen Ton, der Menschen in allen Kulturen anspricht. Auch wenn Terrakotta der Star ist, wird es mit anderen warmen Farben sowie unerwarteten Nuancen wie dem Zartrosa-Ton Lilac Sachet kombiniert.“ Eine weitere Palette trägt den Titel Composed. „Sie ist für Menschen, die sich mit neutralen Farben wohlfühlen. Weiche Pink- und Blautöne werden hier dazu verwendet, wuchtiges Grau zu lockern und aufzufrischen“, so die studierte Psychologin. Auch das Polychrome sieht sie auf dem Vormarsch, darunter Muster, in denen Töne aufeinandertreffen, die an Dijonsenf oder Mousse au Chocolat erinnern. Schimmernde Metalltöne werden in ihren Augen weiterhin stark vertreten sein. Neu ist hingegen, dass diese Farben mit erdigen Nuancen kombiniert werden – und so das Spacige auf den Boden der Realität zurückgeholt wird.

Vom Film ins Wohnzimmer
Und noch etwas sagt Leatrice Eiseman voraus: Dass die Filmindustrie in Zukunft einen stärkeren Einfluss auf die Innenraumgestaltung haben wird. In gewisser Weise klingt das erst einmal absurd. Doch in verrückten Coronazeiten kann selbst daran etwas dran sein. Die Menschen gehen nicht mehr ins Kino. Sie schauen sich die Filme zuhause im Streaming an: dort, wo sie das Geschehen direkt in ihrer häuslichen Umgebung anstatt in einem abgedunkelten, neutralen Ort verfolgen. Gedankenspiele über neue Wand- und Sesselfarben liegen somit auf der Hand.

Eiseman nennt vor allem den Film Avatar 2, der im kommenden Jahr erscheinen soll und in Unterwasserwelten mit lebendigen Blautönen entführen wird. „Natürlich werden sich einige Leute fragen: Was hat dieser Film mit den Kissen zu tun, die ich für mein Wohnzimmer aussuche“, gesteht sie. Doch sie verweist auf den Trickle-Down-Effekt: Was wir in Filmen, in der Mode, in der Kunst und anderswo sehen, bringt die Menschen dazu, gegenüber einer bestimmten Farbe offener zu sein und unterbewusst nach ihr im Warenangebot Ausschau zu halten. Dass die Wohnung nun im Monatstakt in neue Farbwelten eingetaucht wird, ist sicher unwahrscheinlich. Doch so oder so: Die Zeiten der weißen Wand sind gezählt. Es kommt auf atmosphärische Tiefe an – und zwar durch Farbe.

Links

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Möblierter Exhibitionismus

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