„Das Miteinander steht im Mittelpunkt“
Interview mit der Berliner Köchin und Food-Aktivistin Sophia Hoffmann
Wie geht Gastgeben? Die Berliner Köchin, Autorin und Food-Aktivistin Sophia Hoffmann hat ein Buch darüber geschrieben. Jenseits starrer Regeln wirbt sie für einen undogmatischen Umgang mit Essen, der Mensch und Natur zugutekommt.
Zum ersten Mal hat Sophia Hoffmann ein Buch ganz ohne klassische Rezepte geschrieben. Stattdessen geht es um die Zutaten für einen gelungenen Dinner-Abend, abseits von Perfektionismus. Sie bricht mit gängigen Regeln und setzt ihren Low-Waste-Ansatz nicht nur in der Küche um, sondern auch bei der Einrichtung ihres veganen Restaurants HAPPA in Berlin-Kreuzberg.
Wann und wie hast Du entdeckt, dass Du eine gute Gastgeberin bist?
Man ist ja sehr geprägt davon, was man zu Hause vorgelebt bekommt. Bei mir gab es diesen Coming-of-Age-Moment mit Anfang 20, als ich das erste Mal Leute zum Essen eingeladen habe. Das fühlte sich sehr erwachsen an. Über die Jahre bin ich in diese Rolle hineingewachsen, anfangs durchs Nachtleben. Ich habe zehn Jahre aufgelegt und Partys veranstaltet. Da gibt es viele Parallelen zu einem Dinner. Es macht mir einfach Spaß, Menschen eine gute Zeit zu bescheren, sie zusammenzubringen. Mittlerweile ist Essen das Werkzeug, das ich dafür benutze. Mein Credo ist: Jeder und jede kann Gastgeber oder Gastgeberin sein. Wer für seine Gäste gerne fünf Gänge kocht, sollte das machen. Ein Potluck-Dinner, bei dem jeder Gast etwas mitbringt, ist aber genauso okay. Das Miteinander steht im Mittelpunkt.
Wie wichtig sind Rituale?
Kulinarische Identität, überlieferte Gerichte oder Rituale sind wertvoll, weil sie Identität stiften, uns verbinden und über Generationen weitergegeben werden. Gleichzeitig finde ich es wichtig, dass sich so was entwickeln darf. Ich mache das, indem ich Gerichte pflanzlich interpretiere, mit denen ich aufgewachsen bin. Damit breche ich ein Stück weit mit Traditionen und trage die Gerichte meiner Großmutter dennoch weiter, eben in angepasster Variante.
Wie lebst Du das Gastgeben in Deinem Restaurant HAPPA?
Die Kommunikation mit den Gästen ist mir und meinem Team sehr wichtig. Das tragen alle mit. Unser Fünf-Gang-Menü am Samstag hat Event-Charakter. Da halten meine Geschäftspartnerin und ich am Anfang des Abends eine kleine Ansprache, begrüßen unsere Gäste persönlich und erzählen ein bisschen was über das Konzept. Durch unsere offene Küche sind mein Team und ich optisch präsent. Diese räumliche Situation schafft eine Verbindung zum Gast.
Was war Dir bei der Gestaltung des Restaurants wichtig?
Der Ort war früher eine Bar und sehr runtergerockt. Wir haben ihn renoviert, aber teilweise auch Elemente von den Vorbetreibern übernommen. Die lange Sitzbank im Gastraum haben wir neu gepolstert und auch einen großen Spiegel behalten, der eine schöne Atmosphäre schafft. Die Tische sind vom Berliner Label Johanenlies, das eine Zeit lang hier in der Stadt produziert hat. Das Eichenholz und die Füße stammen aus einem Hotel und wurden für uns neu lackiert. Die Stühle sind vintage. Im Tresen ist das Holz der alten Bar verbaut. Als wir vor vier Jahren eröffnet haben, sah man in der Gastro viel Off-White und Beige. Dem wollten wir ein mutiges Farbkonzept entgegensetzen. Inspiriert haben uns Gemüsefarben aus meinen Kochbüchern: Tomatenrot und das Rosa gepickelter Radieschen. So entstand ein sehr freundlicher Ort. Ein Blickfang ist das Ölgemälde der Wiener Künstlerin Marianne Vlaschits. Das Diptychon Schweinehimmel zeigt unsere positive Utopie von glücklichen Schweinen, die einfach nur sein dürfen. Etwas verkitscht und sehr rosa. Ein Eyecatcher, der schon von der Straße aus sichtbar ist. Dieses Bild mit seinem Wiedererkennungswert ist ein wichtiger Bestandteil der Gestaltung.
Inwiefern spielen Farben in Deinen Menüs eine Rolle?
Als ich angefangen habe, hauptberuflich zu kochen, habe ich bereits ein monochromes Dinner veranstaltet, bei dem jeder Gang eine andere Farbe hatte. Diese Idee haben wir für unser Fünf-Gang-Dinner aufgegriffen, das wir aktuell in Herbstfarben anbieten. Es soll visuell Spaß machen. Zugleich regt es bei mir und meinem Team die Kreativität an.
Wie wichtig ist die Optik beim Essen?
Ich sehe das ambivalent. Natürlich ist die Sichtbarkeit auf Social Media für uns als Restaurant wichtig. Unser Anspruch ist, die Gerichte ansprechend zu präsentieren. Gleichzeitig erleben viele Restaurants aufgrund des visuellen Eindrucks einen Hype, der geschmacklich nicht gerechtfertigt ist. Am Ende des Tages müssen immer Geschmack und Optik stimmen.
Du servierst vegane Low-Waste-Küche. Wie kann ich mir das vorstellen?
Wir beherzigen vieles aus meinem Buch Zero Waste Küche – wie das Leaf to Root-Konzept. Im Sommer hatten wir zum Beispiel ein Gericht mit Tsatsiki. Dafür haben wir die Gurken ausgepresst und auf Basis des Safts eine Gurken-Ingwer-Limonade kreiert. Die meisten Gäste reservieren. So haben wir eine extrem gute Planungssicherheit. Als relativ kleines Restaurant können wir auf den Punkt produzieren. Damit sparen wir bei den Lebensmitteln und vermeiden Überproduktion. Gleichzeitig verwerten wir viel, zum Beispiel in unserem großen Dörrautomaten. Altes Brot fließt ganz selbstverständlich in verschiedene Komponenten. Wir fermentieren, wir pickeln. Das zeigt sich in unserem Wareneinsatz, also dem prozentualen Anteil, der für Lebensmittel ausgegeben wird. Er liegt im HAPPA bei 13 Prozent. In der klassischen Gastronomie ist man eher bei 25 bis 35 Prozent.
Die Gastro-Szene ist weiß und männlich geprägt. Welche Erfahrungen hast Du damit gemacht?
Ich hatte schon früh Jobs in der Gastro, mich aber erst mit Anfang 30 für eine Fulltime-Karriere entschieden. Mir fehlten nach der Schule einfach die Vorbilder. Inzwischen pflege ich starke Netzwerke mit anderen Frauen in der Branche. Der Weg ist noch lang, aber es hat sich schon eine Menge getan, zum Beispiel durch die CHEF:IN-Plattform, die sich für mehr Sichtbarkeit von Spitzenköchinnen einsetzt. Im HAPPA sind wir ein reines FLINTA-Team, das fällt noch auf. Meine Erfahrung ist, dass die Zusammenarbeit kollegialer und weniger toxisch abläuft als in männerdominierten Teams.
Welche Foodtrends findest Du bedenklich?
Ich finde alles bedenklich, was stark an tierischen Produkten festhält. Schon aus Klimaschutzgründen kommen wir um ein Umdenken nicht herum. Zugleich finde ich es schwierig, Ernährung zu pathologisieren, zum Beispiel nur „clean“ zu essen. Ernährungskompetenz ist uns enorm verloren gegangen in den letzten Jahrzehnten. Sich in einem gesunden Maß wertschätzend mit Essen auseinanderzusetzen, halte ich für sehr sinnvoll. Wenn es pathologisch wird, wird es problematisch. Einen entspannten Umgang mit Essen sollten wir beibehalten, ob als Gastgeber oder bei der eigenen Ernährung.
Wer bei Sophia Hoffmann vegan kochen lernen möchte, kann ihren Online-Kochkurs auf dem Portal 7hauben buchen. Ihr neuestes Buch „Mein Tisch ist groß genug“ ist am 29. September 2026 im Leykam Verlag erschienen. Das vegane Restaurant HAPPA in Berlin-Kreuzberg hat dienstags bis samstags geöffnet.
Sophia Hoffmann
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