Menschen

Inès Lamunière

von Jasmin Jouhar, 02.02.2009


Das Haus als Zeichen ist ihr fremd: Die Schweizer Architektin Inès Lamunière baut zusammen mit ihrem Partner Patrick Devanthéry in der modernistischen Tradition. Trotzdem versuchen die beiden, der gestiegenen Komplexität von Bauaufgaben und räumlichen Anforderungen Rechnung zu tragen. Lamunière absolvierte ihr Studium an der École Polytechnique Fédérale in Lausanne (EPFL), an der sie seit 1994 auch als Professorin lehrt. Zu den aktuellen Projekten ihres Büros gehören die jüngst fertig gestellte Konzernzentrale für Philip Morris in Lausanne und der Umbau des Bürohochhauses des Französisch-Schweizer Fernsehens (TSR), der „TV Tower“ in Genf. Wir trafen Inès Lamunière anlässlich des diesjährigen „Contractworld“-Kongresses in Hannover und sprachen mit ihr über große Unternehmen als Auftraggeber, das Talent für das Schöne und Gebäude in Form von Whiskeyflaschen.

Frau Lamunière, der Titel Ihres Werkvortrags hier beim Contractworld-Kongress lautete „Working Atmospheres“. Was verbinden Sie mit dem Begriff „Atmosphären“?

Die Moderne sprach von Räumen, wobei es immer nur um Wände und Decken, um Strukturen und Proportionen ging. Das 21. Jahrhundert dagegen verfolgt die Idee von Komplexität als Qualität der Architektur. Tatsächlich geht es dabei um die Qualität der Luft und des Lichts – die Qualität von all jenen Faktoren, die Raum zu einer körperlichen Angelegenheit machen. Heutzutage könne wir auf diese Qualitäten Einfluss nehmen: Wenn man die Luftfeuchtigkeit erhöhen will, kann man das tun. Wenn man es lieber trockener hat, auch kein Problem. Die Farbigkeit von Raum ist ein wichtiges Thema. Auch bei den Materialien spielen Atmosphären eine Rolle: Umgeben wir uns mit sensiblen Materialien, die beeinflussen, wie wir uns fühlen? Und viele dieser Phänomene kann man mit ziemlich archaischen Mittel gestalten – man braucht da keinen High-Tech.

Sind sich die
Menschen, die Architektur benutzen, also etwa die Angestellten in einem Bürogebäude, über die Qualitäten, die Sie Atmosphäre nennen, im Klaren?

Ja, ich denke schon. Das beste Bürogebäude beispielsweise wäre eines ohne Fenster, denn dann ließe sich die Luft in einem Kreislauf recyceln und man würde Energie sparen – eine sehr kostengünstige Lösung. Aber wie wir wissen, ist es für die Menschen schon aus psychologischen Gründen wichtig, dass sich Fenster öffnen lassen. Oder dass sie zumindest wissen, dass sich die Fenster öffnen ließen.

Könnte man sagen, dass die Atmosphäre von Räumen der menschliche Faktor in der Architektur ist?

Es geht darum, Menschen und ihre Beziehungen untereinander wieder in den Mittelpunkt der Architektur zu stellen. Das hört sich altmodisch an, in diesen Kategorien zu denken ist aber tatsächlich sehr zukunftsweisend. Die perfekte Welt können wir uns nicht leisten, also sollten wir anfangen, uns so gut wie möglich in der Welt einzurichten, die wir uns leisten können. Um Perfektion geht es dabei nicht.

Was sind Ihre Strategien, um Büro- und Verwaltungsgebäuden eine eigene Identität zu geben? Bei diesen Gebäuden besteht doch die Gefahr, dass sie unspezifisch und anonym geraten.

Das ist eine schwierige Frage. Wir hatten Glück, wir mussten noch nie Bürofläche quadratmeterweise entwerfen: ohne die künftigen Nutzer zu kennen, nur die ökonomische Situation im Blick. Fragen wie die nach Atmosphären sind da schwer zu thematisieren. Unsere Klienten wünschen sich eine Corporate Identity, haben klare Vorstellungen. Bei dem „TV-Tower” beispielsweise ging es den Bauherren nicht darum, ein zeichenhaftes Gebäude zu bekommen, eines mit einem hohen Wiedererkennungswert. Sie wollen ein gutes Haus, in dem man auf bescheidene und subtile Weise fühlt, woran dort gearbeitet wird. Anstatt in ein Architekturzeichen zu investieren, wollen sie lieber einen guten Eingangsbereich und gute öffentliche Bereiche im und um das Gebäude herum. Auch die Qualität der Arbeitsplätze für die Mitarbeiter ist wichtig. Ich persönlich kann die Idee der zeichenhaften Architektur ohnehin nicht nachvollziehen. Das Seagram-Building von Mies van der Rohe oder Saarinens CBS-Zentrale, das sind doch sehr elegante Gebäude. Aber das Seagram sieht eben nicht aus wie eine Whiskeyflasche.

In welchem Verhältnis zum urbanen Raum stehen denn zeichenhafte Gebäude?

Es ist schon schön, hier und da einen Hochhausturm zu haben. Es ist schön, Gebäude zu haben, die zum „Icon“ werden können, die eine starke Großform haben. Ich würde es aber bevorzugen, dass die planerische Energie in die öffentlichen Räume geht – beispielsweise in Bauten wie Theater oder Museen. Denn diese zeichenhaften Konzernzentralen, was passiert eigentlich mit denen, wenn es die Firmen einmal nicht mehr gibt? Ein Museum bleibt normalerweise bestehen, und bedeutet etwas für eine Stadt. Aber wenn das Gebäude der Lehman-Brothers-Bank verschwindet, wen kümmert das schon?

In der Beziehung zwischen dem städtischem Raum und dem „Corporate Space“ kann es eine Menge Konflikte geben. Beispielsweise sind Verwaltungsgebäude aus Sicherheitsgründen oft hermetisch abgeschlossen. Wie sehen Sie das als Architektin?

Als Architektin kann man in diesen Konflikten zumindest versuchen zu vermitteln. Wenn Sie Vertrauen haben in den Auftraggeber und die Stadtverwaltung klug agiert, ist trotzdem einiges möglich. Philip Morris beispielsweise hat als Teil seiner Zentrale einen öffentlichen Kindergarten errichtet. Natürlich können Sie diese Konflikte nie ganz lösen. Aber in der Geschichte der Stadt war das schon immer so. Wenn Sie an die großen Klöster im Rom der Barockzeit denken. Die waren vollkommen unzugänglich für die Öffentlichkeit. Oder die industriellen Gebiete des 19. Jahrhunderts. Man muss das Sicherheitsbedürfnis der Firmen respektieren, man kann die Gebäude nicht „aufbrechen”. Aber man kann sich überlegen, wie man sie innerhalb des städtischen Gefüges positioniert. Vielleicht sollte man sie nicht alle im selben Gebiet ansiedeln und sie eher in der Stadt verteilen?

In der Zentrale von Philip Morris gibt es viele, relativ kleine „Bürozellen” für die Mitarbeiter. In vielen anderen Fällen scheinen Auftraggeber heutzutage eher offene Räume zu bevorzugen – vielleicht weil sie günstiger sind. Was ist Ihrer Meinung nach die beste räumliche Lösung für Arbeitsplätze?

Die meisten Architekturbüros sind offene Räume. Das ist wie eine Tradition. Aber es stimmt schon, dass der „open space“ nicht für alle Arten von Arbeit geeignet ist. Das sollten wir uns bewusst machen. Die Akustik ist ein essentielles Problem: Man wird schneller müde, wenn man viele verschiedene Geräusche bei der Arbeit hören muss. Im Fall des TV Tower und bei Philip Morris war das ein wichtiges Thema: Sie wollten unter keinen Umständen offene Räume. Außerdem sind die Gewerkschaften für Journalisten ziemlich stark: Sie wissen ganz genau, dass ein Zellenbüro 15 bis 18 Quadratmeter pro Person bedeutet, während in einem Großraumbüro dem Einzelnen nur acht bis zehn Quadratmeter bleiben. Deswegen sind sie natürlich viel billiger, und deswegen machen sich die Angestellten Sorgen darüber. Sie wissen, dass Großraumbüros eine gewisse Dichte mit sich bringen, die ihre Grenzen hat.

Gibt es denn irgendwelche Möglichkeiten, den open space freundlicher und angenehmer zu gestalten?

Das Wichtigste ist der Kontakt zur Außenwelt. Dabei geht es nicht nur um natürliches Licht und Belüftung. Die Räume müssen so gestaltet sein, dass jeder nach draußen schauen kann, Ausblicke hat. Daneben sollten nicht viel mehr als etwa zwölf Menschen in einem Raum arbeiten. Zwölf bis 15 Personen ist ein Modell, das ich einem Auftraggeber empfehlen würde. Das 200-Menschen-Großraumbüro ist einfach undenkbar. Es hängt aber in jedem Fall stark von der Art der Arbeit und von der Firma ab.

Wie finden Sie während des Planungsprozesses heraus, was Ihre Klienten und deren Angestellte brauchen?

Die Firmen befragen ihre Mitarbeiter, sie stellen Statistiken auf. Es ist beeindruckend, wie aufwändig da geforscht wird. Die Unternehmen möchten ihre Mitarbeiter halten, sie wollen sie nicht an ein anderes Unternehmen verlieren. Daher versuchen sie, für die Angestellten zu bauen. Im Fall von Phillip Morris dauerte der Prozess der Umfragen, der Analysen und der Entscheidungsfindung drei Jahre.

Frau Lamunière, Sie unterrichten an der École Polytechnique Fédérale in Lausanne (EPFL) und waren auch für Gastprofessuren in Amerika. Kürzlich übernahmen Sie außerdem den Posten der Dekanin Ihrer Fakultät. Was ist das Wichtigste, was Sie Ihren Studenten an der Universität beibringen können?

Ich denke, die Fähigkeit, in 3D zu denken. Im ersten und zweiten Jahr lassen wir die Studenten fast nur an Geometrien arbeiten, so dass sie die Fertigkeiten erwerben, um komplexe räumliche Beziehungen gestalten zu können. In Zukunft werden Gebäude häufig verschiedene Programme, Funktionen und Atmosphären in sich vereinen – das muss man organisieren können, das sind sehr komplexe Gebilde. Wenn Architekten das nicht bewältigen können, dann wird der ganze Planungsprozess irgendwann bei den Ingenieuren liegen – und das war’s dann mit der Architektur. Ich möchte, dass die Studenten verstehen, dass ihre Aufgabe darin besteht, zu integrieren und nicht einfach nur Räume aufzuaddieren.

Was müssen Studenten mitbringen, wenn sie an die Universität kommen – eine Fähigkeit, die sie nicht erlernen können?

Wie soll ich es sagen? Sie brauchen eine Art Talent. Das gibt es immer noch! Vielleicht ein Talent für das Schöne? Ein Teil unserer Arbeit ist es doch, nette Dinge für die Menschen zu machen.

Wenn wir uns hier umschauen auf dem Kongress, sehen wir eine Menge Männer und nicht sehr viele Frauen. Das ist sehr oft der Fall, wenn es um Architektur geht. Ist der Beruf immer noch eine Männerwelt?

Unglücklicherweise: ja! Bei den Studenten ist das Verhältnis noch ausgeglichen. Aber auf einer bestimmten Stufe wird es zu einer Männerwelt. Mit meinen Kolleginnen an der EPFL haben wir deshalb die „Wish“- Stiftung gegründet, für „Women in Science and Humanities“. Mit fünfzig Jahren oder so steht man als Frau plötzlich ziemlich allein da (schaut sich suchend um). Tatsächlich könnte man doch viel mehr Frauen zu so einer Konferenz einladen. Es gibt viele gute Architektinnen. Aber das wird leider oft übersehen.

Sie denken also, dabei handelt es sich auch um eine Frage der Aufmerksamkeit und des richtigen Fokus’?

Ja, meistens ist das so. Und der Teufel steckt im Detail! An der Universität werden die Gastdozenten für das nächste Semester drei Monate vorher eingeladen. Für eine Frau mit Familie ist es dann schwer zuzusagen. Wenn wir die Uni nur dazu bringen könnten, die Dozenten ein Jahr im Voraus einzuladen.

Was kann Ihre Stiftung da tun?

Wir machen kleine Dinge gegen den Teufel im Detail. Zum Beispiel geben wir Wissenschaftlerinnen, die zu einem Forschungsaufenthalt oder einer Gastprofessur im Ausland eingeladen wurden, Geld. Damit können sie häufigere Reisen nach Hause finanzieren oder sogar ihre Familie zu sich holen. Wir unterstützen Absolventinnen, damit sie nicht den erstbesten Job annehmen müssen, sondern ins Ausland gehen und herausfinden können, wohin ihre Karriere sie eigentlich führen soll.

Frau Lamunière, wir danken Ihnen für das Gespräch.
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Devanthéry & Lamunière

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