Jasper Morrison
Der britische Designer im Gespräch
Jasper Morrison ist der Meister der leisen Töne, nach eigenen Angaben hat er mehr als 600 Produkte entworfen. Viele davon kennen wir alle. In seinem Londoner Studio spricht er über seine Zusammenarbeit mit Vitra, den Brexit, welche Dinge niemand braucht und ohne welche er selbst nicht leben könnte.
Mister Morrison, ohne welche fünf Dinge können Sie nicht leben?
Lebensmittel natürlich, Kleider wären jetzt langweilig, oder? Also alle wirklich notwendigen Dinge zusammengefasst als eins, dann: Wein, ein Fahrrad, meine Kamera und ein Buch.
Welche Rolle spielt die Gestaltung dieser Dinge?
Keine besondere. Natürlich ist es nett, wenn eine Weinflasche nach etwas aussieht und ein Fahrrad nicht zu hässlich ist. Aber letztlich kommt es bei allem auf die Funktion und die Bedeutung an.
Buchen Auftraggeber bei Ihnen eine gewisse Denkweise oder einen Stil?
Die meisten kennen mich ja gut. Für Vitra arbeite ich beispielweise seit bestimmt 25 Jahren. Seitdem hat sich meine Denkweise sicher verändert, aber vielleicht war schon damals ein bisschen davon zu erkennen. Ich denke, meine Auftraggeber wissen, was sie erwarten können.
Erwarten im Sinne des Ergebnisses oder im Sinne des Vorgehens?
Im Ergebnis. Der Weg ist immer unterschiedlich.
Es sind schon viele Sofas gestaltet worden. Ich stelle es mir schwierig vor, sich davon frei zu machen und eine eigene Perspektive zu finden. Wie machen Sie das?
Ich finde das ganz einfach. Es ist weniger eine Frage dessen, was schon da ist, als eine Frage danach, was da sein sollte. Natürlich nähere ich mich einem Projekt stets auch mit meinem visuellen Gedächtnis: einem guten Stuhl, einer guten Tasse. Und manchmal erscheinen dann eher unterbewusst Elemente davon, wenn ich beginne zu zeichnen. Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite gibt es auch gegenwärtigere Produkte, die vielleicht als Referenz gelten können. Aber eigentlich startet alles in einem leeren Raum.
Wie würden Sie das Modular Sofa für Vitra charakterisieren?
Es ist hoffentlich eine gute Synthese aus all unseren Versuchen und Experimenten auf der Suche nach der besten Form. Das Modular Sofa ist komfortabel, gut proportioniert – es hat eine gewisse Leichtigkeit, schwebt über seinem Schatten. Auf gewisse Weise steht es für das Ende einer Entwicklung – für diese Art Sofa ist es perfekt.
Haben sich die Anforderungen an ein Sofa in den letzten Jahren verändert?
Signifikant. Hier drüben steht ein Sofa namens Oblong, das ich für Cappellini entworfen habe. Es ist aus dem Geist der Rebellion entstanden. In seiner ursprünglichen Version waren es Würfelkissen, gefüllt mit Schaumstoff-Perlen und von Reißverschlüssen zusammengehalten. Die Rebellion galt den glatten, kalten und geradlinigen, scheinbar perfekten Sofas, die vor allem von italienischen Firmen produziert werden. Es ist mein meistkopierter Entwurf. Und wenn man etwas entwirft, das oft kopiert wird und vielen gefällt, sagt das wohl etwas aus. Ich denke, das Sofa im Allgemeinen ist heute weniger kühl und kantig als früher. Es geht wieder mehr in Richtung Gemütlichkeit, Freundlichkeit, sogar zum Konzeptionellen hin, weniger typologisch.
Was zeichnet den neuen All Plastic Chair aus?
Anders als beim Monoblock, der seit 15 Jahren dominiert, war das Konzept beim All Plastic Chair, oder APC, herauszufinden, was Plastik sonst noch kann. Indem wir die einzelnen Teile getrennt haben, die Struktur von der Sitzfläche gelöst haben – was ein wiederkehrendes Element meiner Arbeit ist – konnten wir eine größere Flexibilität und eine andere Form schaffen. Der Sitz ist sehr gemütlich, sehr bequem – auch die Rückenlehne, die dank eines Gelenks beweglich ist und sich der Sitzhaltung anpasst. Die Ergonomie ist gut. Visuell gefällt mir die Vielseitigkeit. Er funktioniert genauso gut in einer Küche wie in einem Büro – was gut zu Vitra passt. Ein Stuhl, der an vielen Orten funktioniert und technologisch und ergonomisch höchsten Ansprüchen genügt: Ansprechend, ohne ausgeflippt zu sein.
Drei Gründe für den Plastic Chair?
Charakter, Komfort und Langlebigkeit.
Wie würden Sie die Zusammenarbeit mit Rolf Fehlbaum beschreiben?
Immer sehr angenehm. Ich kann mich immer noch daran erinnern, wie ich 1988 einen Brief von ihm erhielt, in dem er schrieb, er wolle gern mit mir arbeiten. Er hatte ihn mir geschickt, nachdem er ein Foto von meiner Installation in der DAAD Galerie auf einer Ausstellung in Wien gesehen hatte. Das war ein großartiger Moment. Auch wenn Vitra zu der Zeit vor allem für Büromöbel bekannt war, hatte die Marke einen Namen. Heute kennen wir uns seit 26 Jahren und arbeiten weiterhin zusammen.
Zu Beginn Ihrer Karriere, man sieht es auch an Ihren eigenen ersten Ausstellungen auf der Documenta und in der DAAD Galerie in Berlin, war Design vielleicht weniger kommerziell und näher an der Kunst. Vermissen Sie das?
Ja, auf jeden Fall. Ich habe diese Dinge durch andere ersetzt. Neben dem Entwurf kommerzieller Produkte arbeite ich an einer Menge anderer Sachen: Bücher, Fotos, Ausstellungen oder das Schreiben. Aber ja, es war eine sehr schöne Zeit – ich war jung und idealistisch. Es war gut für mich, diese Ausstellungen ohne allzu großen kommerziellen Druck machen zu können. Aber ich denke, viele junge Designer haben eine solche Zeit, in der sie sich ausdrücken und auch künstlerisch und poetisch arbeiten.
Meinen Sie? Ich habe eher den Eindruck, dass viele Studenten heute versuchen möglichst geradlinig zum markttauglichen Produkt zu kommen.
Ein Unterschied könnte sein, dass Vorbilder und Rollenmodelle für einen Designer fehlten, als ich die Universität verließ. Es gab vielleicht ein altes Buch über Franco Albini, vielleicht ein Bild hier und da, Castiglioni mit seinem Studio. Aber davon war ich so weit entfernt. Ich musste meinen eigenen Weg finden. Heute sehen Studenten zu viel. Alles was wir machen, erscheint in den Medien: Es ist so viel davon in der Welt. Das Ergebnis ist ein Verständnis von Design als visuellem Effekt. Design muss immer frisch und fröhlich sein, dich überraschen: Das ist es, was man heute von Design erwartet – was gefährlich ist. Denn eine Welt voller solcher Dinge braucht niemand.
Sie haben bis heute eine Vielzahl unterschiedlicher Produkte entworfen. Wie fühlt es sich an, das ästhetische Empfinden so vieler Menschen zu treffen?
Das ist das Allerbeste, das ist mein Ziel – mehr noch als in einem Designmuseum, einem Buch oder einem Magazin aufzutauchen. In täglichem Gebrauch zu sein, ist der Beweis.
Was fehlt noch unter Ihren Entwürfen?
Für eine lange Zeit war es ein Wasserglas. Dann habe ich ein paar gemacht. Seitdem habe ich aufgehört darüber nachzudenken. Die Projekte, die mir vorgeschlagen werden, sind interessanter als alles, was ich mir hätte wünschen können: eine Straßenbahn, Schuhe, ein Telefon – Dinge, die einfach passieren. Man lässt sich besser überraschen. Bis vor wenigen Jahren wollte ich unbedingt mal etwas aus Gusseisen machen. Aber es war schwierig, dafür einen guten Produzenten zu finden – was mich damals überrascht hat.
Können Sie Ihren Antrieb beschreiben?
Es ist eine Mixtur aus verschiedenen Dingen. Ich will immer den besseren Stuhl machen, den, der besser ist als der letzte. Ich möchte mit einer Arbeit immer etwas ersetzen, das nicht so gut ist.
Eine letzte Frage: Möglicherweise steht Europa vor dem „Brexit“. Was würde das für Sie als Designer und Unternehmer bedeuten?
Es wäre langweilig. Ich könnte weiter überleben, aber es wäre sehr traurig. Der Brexit passt in dieselbe Schublade wie Donald Trump. Leute, die nicht viel von der Welt wissen, haben oft seltsame politische Ideen. Der Austausch mit anderen Kulturen bringt immer etwas Gutes.
Vielen Dank für das Gespräch.
Jasper Morrison
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