Menschen

Karim Rashid

von Andreas Tölke, 12.12.2012


Karim Rashid zelebriert den ästhetischen Tabubruch. Was er entwirft, macht das Leben bunter. Ettore Sottsas Anti-Design hatte in den 80er Jahren eine kontroverse Diskussion ausgelöst – sein Schüler Karim Rashid liefert nicht minder Provokantes ab. Nicht nur ästhetisch, auch im Sujet lässt der Kanadier mit ägyptischen Wurzeln nichts aus: Über 2000 Produkte hat er bis dato kreiert. Es erscheint also fast unausweichlich, dass er für das deutsche Unternehmen Fun Factory Sex-Toys entwirft. Quasi der Vollständigkeit halber. Wer vom kompletten Hotel bis zur Papierkorb schon alles realisiert hat, dem geht auch bei so einem delikaten Thema nicht die (Design-)Sprache aus. Zumal der poppige Kreative ein durch und durch sinnlicher Gestalter ist, der auch vor dem eigenen Körper nicht halt macht. Tatoos, riesige Brille und viel Bling-Bling wirken wie ein Teil des Gesamtkonzepts Rashid. Wir sprachen mit ihm über Tabus, wärmeleitende Materialien und was man alles mit Mülleimern machen kann.

Was hat Sie daran gereizt, Dildos zu entwickeln?

Manchmal muss man etwas machen, was den Rahmen sprengt.

Sex und Design, ist das eine logische Ergänzung?

Ich hatte vor einiger Zeit zwei Ausstellungen in Mailand. In der einen wurden Designer-Sexobjekte gezeigt, unter anderem mein Stuhl Karim Sutra. Die andere Ausstellung hieß Red Light, der Name verrät den Inhalt. Das Thema Sex und Design lag einfach in der Luft.

Das heißt, das richtige Produkt zur richtigen Zeit?

Zum ersten Mal – da muss man für Internet-Pornografie fast dankbar sein – erscheinen Sex-Toys ganz natürlich. Der Bereich sollte nicht tabuisiert werden. Und man darf nicht vergessen: Sex-Toys können in Beziehungen, die etwas den Kick verloren haben, zu einem erfüllteren Sexleben verhelfen.

Sex-Toys sind also Ihr Beitrag für funktionierende Beziehungen?


Das ist mir ein bisschen zu viel Verantwortung. Aber leider wird trotz aller Informationen Sexualität in Beziehungen oft tabuisiert. Ich bin fast eine Ausnahme, bin glücklich verheiratet, liebe meine Frau und lebe monogam.

Zurück zum Designaspekt. Sie sind nicht der erste Kreative, der sich mit dem Thema beschäftigt.


Ich erinnere mich, das Tom Dixon einen Vibrator entworfen hat, Michael Young ebenfalls. Sex-Toys werden anspruchsvoller gestaltet, sie werden skulpturaler. Interessante und sinnliche Objekte, die auf den ersten Blick auffallen. Und die natürlich ihre Funktion erfüllen.

Ihren Entwürfen sieht man die Funktion nicht an.


Ich mag diese Sekunde der Verunsicherung, in der man nicht genau weiß, was ein Objekt für eine Funktion hat. Dann lässt man sich ganz auf die Formensprache ein. Mein Ziel ist es, Sex-Toys zu entwickeln, die man herumliegen lassen kann und keiner erkennt auf den ersten Blick, was es ist.

Was ist mit dem Designcredo „Form follows function“?


Noch mal: Es sind Spielzeuge. Wer sich darauf einlässt, wird im Spiel herausfinden: Alles geht, nichts muss. Jedes Ding ist am richtigen Platz. Der Tripod hat in jeder Position Standfestigkeit, der Entwurf, der an eine Liege erinnert, hat eine Griffmulde und der Doppel-Dildo einen Fuß.

Das wissen Sie so genau, weil Sie die Prototypen selber testen?


Ich teste alles vorher selber. Und was meinen Sie, wie viel man lernt, wenn man mit seinen eigenen Produkten lebt. Außerdem ist Entspannung mir mehr als wichtig: drei Mal in der Woche Sex ist ein Must.

In Ihrem New Yoker Loft stehen sehr gut erkennbar Dildos zwischen Petitessen wie Glasschalen und Spielzeugfiguren?

Das sind fast anachronistische Geräte, die im Kontext mit den Artefakten einfach amüsant sind. Ein Statement für den unverkrampften Umgang mit Sex.

Sind die Vibratoren Teil Ihrer Produktrecherche?

Auch. Im Sexshop um die Ecke gibt es hunderte von Spielzeugen aller Art. Spannend, die großartigen Entwicklungen in dem Bereich: neue Materialien, neue Formen. Wenn man sich daran orientieren würde, hätten wir längst wasserdichte, stoßfeste Handys.

Ihre Designs haben eines gemeinsam, die erotische Dimension. Sind Sie sex driven?

In erster Linie bin ich Humanist. Aber Sie sind nicht er Einzige, der die Erotik in meinen Entwürfen wahrnimmt. Als ich vor 15 Jahren Küchen- und Esszimmerutensilien entworfen habe, erreichte den Hersteller der Brief einer Frau, die unglaublich wütend schrieb: Alles, was ihr Designer gemacht hat, ist phallisch und Ekel erregend. Als 1996 der Mülleimer Garbo auf den Markt kam, schrieb mir ein Mann, dass er damit masturbiert.

Dass Sie darüber lachen, erstaunt mich.

Warum? Sexualität ist nicht nur eine Sache von zwei Menschen, man kann auch alleine viel Spaß haben. Dass es ein Papierkorb sein muss, ist eine persönliche Vorliebe, die immerhin originell ist. Wie käme ich dazu, darüber zu urteilen? Ich freue mich, wenn mit meinem Design kreativ umgegangen wird.

Das Sex-Toy als Hingucker ist das eine, aber wie steht es mit dem Fühlen?


Formen sind eben nicht nur das, was wir sehen, sondern auch das, was wir erfühlen. Ein wichtiger Indikator, ob uns etwas gefällt oder nicht. Bei den Sex-Toys ist das offensichtlich unabdingbar. Denn die Bereiche, in denen man das Spielzeug verwendet, sind die mit den meisten Nervenenden. Ich habe hunderte von Materialien genau unter diesem Aspekt getestet: auf Haptik, Geruch und Wärmeleitfähigkeit.

Warum sind Sie so erkennbar ein Feind der Geradlinigkeit?


Wir sind organisch und biomorph und haben uns eine Welt aus Kartons geschaffen, lauter Schachteln. Und in den Schachtel stehen Schachteln. Regale, Schränke, TV, Sofa. Design für alle Sinne hat organische Formen. Das hat zu meiner Formensprache geführt. Konsumenten mögen meine Arbeiten von der ersten Sekunde, sogar, ohne genau zu wissen warum. Oder sie hassen sie, wie die Frau, die den Brief schrieb. Vielleicht, weil es sie an Bedürfnisse erinnert, die sie verdrängen.

Gibt es für Sie keine Tabus?

Ich weiß nicht, ob es noch Grenzen gibt, wenn man sich Heroin Chic anschaut, wenn man allerorten mit sexuell aufgeladener Nacktheit konfrontiert wird. Filme sind teilweise jenseits jeder vorstellbaren Brutalität, und vielen erscheint das als völlig normal. Da wären Tabus sinnvoll, bei einverständlichem Sex ist es Schwachsinn.

Herr Rashid, vielen Dank für das Gespräch.

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