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Marc O. Eckert/ bulthaup

Wir haben mit dem Küchen-Aficionado über Atmosphäre, rote Fäden und die Küche als Kommunikationsnukleus gesprochen.

von Claudia Simone Hoff, 20.06.2016

Ohne bulthaup wäre die Küchenbranche eine andere. Seit 1949 schon sorgt der bayerische Hersteller für gestalterische und technische Aha-Erlebnisse – mit Küchenwerkbänken, Butcher Block, Laserkanten und Funktionsscheiben. Fest in Familienhand, leitet Gründerenkel Marc O. Eckert seit sechs Jahren das Unternehmen. Wir haben den Juristen und Küchen-Aficionado in Mailand getroffen und mit ihm über Atmosphäre, rote Fäden und die Küche als Kommunikationsnukleus gesprochen.

Wenn alle zwei Jahre parallel zur Möbelmesse in Mailand die Eurocucina stattfindet, ist die Stadt voll mit überraschenden Veranstaltungen und Inszenierungen rund um die Themen Küche, Kochen und Speisen. Dieses Jahr hatte bulthaup einen besonderen Coup gelandet: Die Bayern haben nämlich kurzerhand die säkularisierte Kirche San Carpoforo im quirligen Stadtteil Brera angemietet und neu eingerichtet. Die aufwändige Planung hat sich gelohnt, denn die Inszenierung war eine der Highlights in Mailand. Der deutsche Hersteller präsentierte gleich drei Neuheiten: bulthaup b+ solitäre, bulthaup b1 Mailand 2016 und bulthaup b3 Mailand 2016.

Wir sitzen auf einer schlichten Bank in der profanierten Kirche San Carpoforo. Der Kellner stellt Cappuccino, Espresso und Gebäck auf eine beeindruckend lange Tischreihe, die im Zentrum der Inszenierung steht. Die Tische sind aus Eichenholz gefertigt und stammen aus der neuen Kollektion bulthaup b+ solitäre mit frei konfigurierbaren Möbeln, Dunstabzugshauben und Leuchten. Die Idee: Mit sämtlichen Kollektionsteilen des Wohnraumprogramms können die Grenzen zwischen Küche und Wohnbereich ganz bewusst aufgebrochen und individuelle Lebensbereiche geschaffen werden.

Herr Eckert, warum treffen wir uns in einer Kirche?
Wir haben einen Ort gewählt, der die zentrale Idee, die hinter allen drei neuen Systemen steht, transportiert. Im Mittelpunkt der Küche befindet sich nun der Tisch als Ort der sozialen Gemeinschaft. Die Inszenierung lädt unmittelbar dazu ein, die Perspektive zu verändern. Sie wird zum Treffpunkt, an dem wir uns Zeit lassen können, Leute treffen, entspannen und die Atmosphäre aus einem neuen Blickwinkel - vom Tisch aus - auf uns wirken lassen. Die Küchenmöbel selbst werden zum Träger von Atmosphäre, die der Mensch je nach Situation anpassen und so ganz unterschiedliche atmosphärische Eindrücke schaffen kann.

Was treibt Sie an?
bulthaup ist ein Küchenmöbelhersteller, der die Küche im soziokulturellen Kontext versteht. Dafür sind natürlich zunächst die Produkte wichtig. Aber Produkte sind immer nur das Ergebnis einer Überzeugung, einer Haltung. Deshalb stellen wir uns immer wieder die Frage, ob das, was heute unter Küche verstanden wird, bereits die Antwort auf die Wünsche und Bedürfnisse der Menschen ist. In unserer heutigen Gesellschaft schafft gerade die Überzeugung den Unterschied. Entscheidend ist, dass das Individuum sich in seinen Anforderungen an die Welt verwirklichen möchte. Deshalb geht es um gemeinsame Werte. Und diesen Werten wollen wir mit unserer Überzeugung und damit unseren Produkten gerecht werden.

Die Küche verändert sich stetig, ist eingebettet in komplexe wirtschaftliche, soziale und kulturelle Kontexte.
Genau. Mit der Einführung der Kücheninsel beispielsweise hat bulthaup in den achtziger Jahren die Hausfrau von der Küche befreit. Die Kücheninsel stand plötzlich im Mittelpunkt des Raumes und hier wurde nicht mehr nur gekocht, sondern auch kommuniziert. Im Gegensatz zu den achtziger Jahren steht aber heute nicht mehr der Workflow, also der rein funktional-ergonomische Kochvorgang im Vordergrund, sondern vor allem die Kommunikation, das Miteinander in einem ganz auf die eigene Persönlichkeit abgestimmten Umfeld. Wir alle fühlen uns nur dann richtig wohl, wenn wir uns nach eigenen Vorstellungen und Ansprüchen entfalten können, wenn der Lebensraum unseren Interessen und Gewohnheiten entspricht. Deshalb steht bei unseren Produkten der Mensch mit seinen individuellen Wünschen und Bedürfnissen im Mittelpunkt.

Wie funktioniert das konkret?
Uns ist bewusst, dass man die Küche an sich nicht neu erfinden kann. Eine Küche – das ist ein Korpus, eine Front, eine Arbeitsplatte. Wir verfolgen auch keinen typischen Produkt- oder Designprozess analog einem Lehrbuch. Unsere Produkte sind das Resultat unserer Leidenschaft und Überzeugung. Mit einem sehr kleinen Team entstehen neue Innovationen. Man kann die Energie im Raum förmlich spüren. Das Ziel ist erreicht, wenn jeder im Raum einfach nur das Produkt betrachtet und spürt: Das ist richtig so. Eigentlich kann man dies nicht wirklich in Worte fassen, es ist mehr ein Gefühl.

Es wird aber immer weniger selbst gekocht.
Genau. Wir verbringen heute nur noch etwa vierzig Prozent unserer Zeit in der Küche mit der Zubereitung von Speisen. Wenn man heute von Küche spricht, dann denken viele in erster Linie an einen Ofen, die Abluft, die Mikrowelle, vielleicht auch an einen Kaffeevollautomaten – an die Elektrogeräte also, gar nicht so sehr an das eigentliche Küchenmöbel. Wir haben aber festgestellt, dass im Mittelpunkt des Wohnens nicht die Küche oder das Kochen steht, sondern der Tisch. Hier (klopft auf den Tisch) findet das Ergebnis dessen statt, was in der Küche zubereitet wird. Hier verbringen wir die meiste Zeit: beim Essen, Trinken und Kommunizieren.

Ist der Tisch für Sie deshalb wichtiger als die eigentlichen Küchenmöbel?
Wir produzieren ja nicht primär Tische, sondern sind ein Küchenmöbelproduzent. Doch Kommunikation macht heute siebzig Prozent der Tätigkeiten in Räumen aus, weshalb wir die Frage nach der Zukunft der Küche so beantworten: Denn auch wenn wir uns oft nicht mehr daran erinnern können, was wir eigentlich gegessen haben. Mit wem wir die Zeit verbracht haben, worüber wir gesprochen haben, wie wir uns dabei gefühlt haben – diese Momente bleiben uns in Erinnerung. Der Tisch ist deshalb Ausgangspunkt für die individuelle Wahrnehmung von Atmosphäre. Je nach Tageszeit oder Anforderung, sei es für ein gemütliches Frühstück oder für einen Kochabend mit Freunden, ändert sich unsere Perspektive. Wir wollen intuitive Funktionalität schaffen, die auf den Menschen ausgerichtet ist. Durch die Kombination aus Materialität und Licht sowie dem Spiel mit Ebenen bestimmt also jeder selbst unterschiedliche Funktionalitäten und verschiedene Atmosphären. Das klappt übrigens auch in kleinen Räumen.

Der Küchenmöbelmarkt ist hart umkämpft. Immer mehr Architekten entwerfen beispielsweise selbst Küchen, die dann von Tischlern individuell gefertigt werden. Warum soll man überhaupt noch eine Küche von bulthaup kaufen?
Unsere Antwort liegt vor allem in einem guten Produkt – basierend auf der Forschung und Entwicklung von neuen Materialtechnologien, wie beispielsweise die handwerklich extrem raffinierte Oberflächenbearbeitung von Lack, Laminat und Furnier durch unsere Meister. Die langjährige Erfahrung dokumentiert sich in hochwertigen Produkten, die auf Funktionalität, Langlebigkeit und Werthaltigkeit ausgerichtet sind. Nichts entsteht bei bulthaup zufällig. Gestaltung, Entwicklung und Produktion sind eng miteinander verzahnt. Bereits vor der ersten Konstruktionszeichnung werden alle Aspekte ergonomischer, ästhetischer, technischer sowie produktionsrelevanter Natur berücksichtigt. Bevor wir ein neues Produkt auf den Markt bringen, gehen diesen Langzeit- und Extremtests voraus, um so die präzise bulthaup-Qualität gewährleisten zu können. Und wir erreichen die Konsumenten durch eine konsequente Haltung. Menschen spüren, wenn etwas authentisch, zeitlos und damit richtig ist. Deshalb folgen wir auch keinen Trends. Es geht nicht darum, viele Farben zu haben, es geht darum, die richtigen Farben zu haben. bulthaup hat entweder einen einzigen Griff oder gar keinen – und der funktioniert auch nach zwanzig Jahren noch und sieht gut aus.

Ist bulthaup eigentlich „typisch Deutsch“?
Ich hoffe nicht (lacht). Es geht nicht um Made in Germany. Die Werte, die wir vertreten und aus denen unsere Produkte resultieren, sind transkulturell. Unsere Küchen stehen für Essen, Trinken und Kommunizieren. Weltweit teilen die Menschen das Bedürfnis nach Nahrung, die Freude am gemeinsamen Essen mit Freunden und der Familie. Feste und Feiertage werden gemeinsam am Küchentisch gefeiert. Essen hebt kulturelle Grenzen auf.

Egal ob Elektrogeräte- oder Küchenmöbelhersteller: Digitalisierung ist das Schlagwort der Stunde. Wie finden Sie das?
Digitalisierung im Sinne eines kalten Touchscreens ist uns fremd. Der globale gesellschaftliche Wandel war nie zuvor so schnell, umfassend und direkt erlebbar wie heute. Das schafft einerseits Freiheit und ungeahnte Möglichkeiten, führt uns aber auf der anderen Seite auch immer wieder zurück zu dem, was uns wirklich wichtig ist. Zu einfachen Freuden und ursprünglichem Genuss. Die Küche ist der einzige Ort, wo der Mensch noch mit den Händen arbeitet, kreativ sein kann und unmittelbar erlebt, wie etwas unter seinen Händen entsteht. Eine Küche, die intuitiv nutzbar ist und so nicht nur perfekte Funktionalität, sondern auch emotionalen Genuss ermöglicht. Jede Küche von bulthaup wird individuell geplant und gefertigt, sie ist auf den einen Menschen zugeschnitten, es gibt sie so nur einmal. Diese Küche ist der Ort, an dem er sich selbst verwirklichen kann. Der Ort, an dem er angekommen ist. Somit sehen wir Globalisierung und Digitalisierung nicht als Schlagwörter, sondern als soziokulturelle Entwicklungen, die wir auch als Chance begreifen.

Sie sind der Enkel des Firmengründers Martin Bulthaup. Wurde bei Ihnen zuhause eigentlich ständig über Küchendinge gesprochen?
Naja, nicht ständig. Aber ich bin natürlich auch mit den Freuden und Sorgen, die ein Familienunternehmen mit sich bringt, aufgewachsen.

Welchen Vorteil hat ein Familienunternehmen, wenn man Manager ist?
Man kann frei entscheiden. Man hat den Mut, eine Marke und auch ein Produkt aus einer Haltung heraus zu entwickeln. Man ist nicht getrieben von Banken und Kapitalgebern.

Welche Küche haben Sie zuhause?
Eine bulthaup b3 aus Laminat mit Laserkante – ganz klassisch schlicht. Aber wenn ich mir unsere neue Küchenwerkbank bulthaup b1 Mailand 2016 so ansehe (schaut hinüber): Die würde ich mir auch in meine Küche stellen. Als Unternehmer liebe ich jedes einzelne unserer Produkte. Sie werden nie erleben, dass wir Produkte auf den Markt bringen, von denen ich nicht selbst überzeugt bin, die ich nicht liebe.

Herr Eckert, vielen Dank für das Gespräch.

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