Menschen

Meisterin der Farben

Carolin Sangha, Kreativdirektorin von Schönbuch, im Interview

Als Kreativdirektorin hat Carolin Sangha die Marke Schönbuch maßgeblich geprägt. Im Interview spricht die vielseitige Designerin über die Garderobe als Wohnraum, die Beziehung zwischen Mode und Interior und inspirierende Hauswände.

von Judith Jenner, 19.02.2021

Carolin Sangha hat sich schon immer gerne mit schönen Dingen beschäftigt. Die Kindheit in Indien schärfte ihren Blick für Farben. 1998 gründete sie mit einer Freundin die Schuhmarke Flip Flop. Als Kreativdirektorin begleitete Carolin Sangha den Relaunch von Schönbuch im Jahr 2005. Seitdem ist sie verantwortlich für die Farbwelten der Schönbuch-Kollektion und für die Präsentation der Möbelkollektion auf Messen oder in Katalogen. Zudem entwirft sie Produkte wie die erfolgreiche Garderobe Line. Jedes Jahr legt sie einen Colour Code fest, für den sie Farben aus der 26 Töne umfassenden Grundpalette kombiniert, sie fügt neue Töne hinzu und lässt andere gehen. Neben ihrer Arbeit für Schönbuch betreibt die Grafik-, Mode- und Produktdesignerin in München ihre eigene Agentur und das nachhaltige Modelabel Casa Nata. Ihre Entwürfe sind geradlinig, zeitlos und klassisch, aber immer mit einem besonderen Twist.

Die Garderobe war lange ein Stiefkind in der Inneneinrichtung. Inwiefern konnte Schönbuch das ändern?
Carolin Sangha: Der Lebensraum der Menschen verändert sich, sodass der klassische Eingang, wie man ihn von früher kennt, häufig in der Architektur nicht mehr so berücksichtigt wird. Unser Ansatz ist, dass wir den Eingangsbereich als Wohnraum betrachten. Denn er ist der erste Raum, den ich oder meine Besucher betreten. Er sollte daher auch meine Persönlichkeit widerspiegeln. Neben Stauraum für Schuhe oder Mäntel sollte auch Platz sein, schöne Dinge zu zeigen. Gutes Licht und eine Sitzgelegenheit gehören ebenfalls dazu. Das findet sich alles in unserer Kollektion, die wir immer wieder an die Lebensrealität der Menschen anpassen.

Es kommen ja auch immer wieder neue Dinge hinzu, die im Flur verstaut werden wollen, beispielsweise Gesichtsmasken…
Genau. In meinem Flur steht die Kommode Collect von Schönbuch. An den Griffen der Schubladen hänge ich meine Masken auf. Das gibt eigentlich ein ganz schönes Bild.

Inzwischen finden sich in der Kollektion auch viele Produkte für andere Räume. Wie kam es dazu?
Wir haben zusätzlich zu den Basics eine Reihe von Lieblingsstücken herausgebracht. Sie drücken die Persönlichkeit des Bewohners aus, nicht nur im Flur, sondern auch in anderen Räumen. Das gilt auch für unsere Glasschalen oder unsere Tabletts. Diese kleinen Dinge halten unsere Kollektion zusammen.

Auch die Materialvielfalt ist größer geworden.
Ich komme aus der Mode und mir fehlte das Textile, das Weiche. Dem Möbelstück gibt es die Hülle und seine Identität. Wenn ich einer Bank ein weiches Polster auflege, gewinnt sie dadurch an Persönlichkeit. Das gleiche gilt für Glas oder Marmor, das gut in Verbindung mit lackierten Flächen funktioniert.

Inwiefern beeinflusst Ihr Mode-Hintergrund die Arbeit für Schönbuch?
Ziemlich zu Anfang meiner Zeit bei Schönbuch habe ich die Garderobe Line entworfen, eine ganz einfache Stange mit ausklappbaren Haken und damit so eine „Nicht-Garderobe“. Sie ist immer noch sehr erfolgreich. Für mich ist sie der Flip Flop unter den Garderoben, wovon man gerne auch mehrere hätte in unterschiedlichen Farben.

Wo sehen Sie Unterschiede zwischen der Interior- und der Modebranche?
Ein Unterschied besteht sicherlich in der Schnelllebigkeit der Mode. Interior ist etwas behäbiger. Da wünsche ich mir manchmal ein stärkeres Eingehen auf Trends. Für mich persönlich befruchten sich die Bereiche gegenseitig. Es fällt mir sehr leicht, im Interior mit Textilien und Farben zu arbeiten. Das zeigt sich auch in meiner Art zu entwerfen.

Inwiefern?
Wenn ich selbst designe, fange ich grundsätzlich mit dem Material und der Farbwelt an, genau wie in der Mode. Ein reiner Produktdesigner würde vielleicht eher von der Form ausgehen. Dieser Entwurfsprozess geht bei mir sehr schnell. Aufgrund meiner Erfahrung weiß ich, was zusammengeht und was nicht.

Entwerfen Sie analog oder digital?
Ich arbeite sehr analog und habe immer meinen Aquarellkasten dabei. Für die neuen Farbwelten von Schönbuch habe ich darin Farben gemischt und visualisiert. Ich zeichne alles und gebe es dann weiter in die Technik. Dabei habe ich sonst keine Berührungsängste mit Computern. Schließlich nutze ich sie in meinem dritten Betätigungsfeld, dem Grafikdesign, sehr stark zum Gestalten und Layouten. Aber beim Entwerfen möchte ich das nicht.

Farben spielen in der Kollektion von Schönbuch eine wichtige Rolle. Woher bekommen Sie Ihre Inspirationen?
Bei mir ist das reine Intuition, welche Farben gerade gebraucht oder gewünscht werden. Ich mache mir immer Moodboards und fotografiere überall, wo ich bin. Das trage ich zusammen, und dann entstehen aus diesen Bildern Farbwelten. Dieses Jahr habe ich die Farbcodes von Hauswänden verwendet. Im Oktober war ich in Lissabon und habe zwei Tage lang die Anstriche von Häusern studiert. Ich versuche, die Farben dann in Lack umzusetzen und teste, wie dieser in unterschiedlichen Lichtszenarien wirkt. Vor zwei Jahren kam der Colour Code durch die Werke des Künstlers Sterling Ruby zustande. Im vergangenen Jahr war ich viel am Meer und habe unter dem Motto „On The Beach“ oder „The Deep Blue Sea“ die Farben zusammengestellt.

Fehlen Ihnen diese Reisen in der Zeit der Pandemie?
Nicht reisen zu können, ist für mich sehr, sehr schwierig. Ich schaue viele Filme, die am Meer spielen, lese Zeitschriften und Bücher, aber es ist natürlich etwas anderes, als wenn man es selbst erlebt.

Welches Verhältnis haben Sie persönlich zu Farben?
Bei mir zu Hause sind die Wände schwarz oder grau. Das Grundgerüst muss ruhig sein. Davor darf dann als Kontrast auch ein pinkfarbener Hocker stehen. Es gibt auch einen schneeweißen Raum. Das brauche ich, um meine Augen zu beruhigen. Ich kann mich auch nicht komplett in Farbe kleiden. Manchmal trage ich wochenlang nur Schwarz und dann wieder Gelb oder Pink, aber nicht wahllos wie ein Papagei. Wer mich sieht, würde nicht vermuten, dass ich in einer Farbwelt arbeite. Aber diese Farbkleckse um mich herum brauche ich.

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