Menschen

Sitzen mit Matisse

Ein Gespräch über kreative Produktinszenierung beim Möbellabel more

Was passiert, wenn eine Grafikerin Designobjekte interpretiert? Das zeigt das Hamburger Möbellabel more im aktuellen Katalog. Gründer Bernhard Müller und Illustratorin Marie Doerfler sprechen im Interview über ihre Zusammenarbeit, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede ihrer Disziplinen und das Verhältnis von Kunst und Architektur.

von Judith Jenner, 31.10.2022

Mailand im Juni 2022: Auf dem Salone del Mobile fällt der Stand von more sofort ins Auge. Großformatige Bilder im fast märchenhaft anmutenden Stil von Marie Doerfler kontrastieren die geradlinigen Entwürfe und zitieren sie zugleich in räumlichen Szenen mit Menschen und Pflanzen. Sie wirken einladend und beruhigend, wohl auch, weil sich Marie Doerfler auf bekannte Künstler*innen wie Henri Matisse bezieht. Die 1993 in Regensburg geborene Illustratorin und Kommunikationsdesignerin arbeitet für Magazine, Kinderbuchverlage und Marken wie Dr. Hauschka. Im Interview sprechen die Künstlerin und der Architekt Bernhard Müller, geschäftsführender Gesellschafter und Gründer von more, über ihre Zusammenarbeit.

Herr Müller, wie sind Sie auf die Arbeit von Frau Doerfler aufmerksam geworden?
Bernhard Müller: Das kam über einen Kontakt aus unserem Studio zustande. Zu der Zeit hatte ich ein Interview gelesen mit jemandem, der für die Vogue in den Siebzigerjahren komplett von Fotos auf Illustrationen umgestiegen ist. Nach zahlreichen Gesprächen mit Grafikern und Illustratoren haben wir zum Glück Marie kennengelernt. Ihre Art, wie sie malt und Dinge interpretiert, war genau das, was wir uns vorgestellt hatten.

Was waren die ersten Schritte in der Zusammenarbeit?
Marie Doerfler: Für den Katalog 2021 lag der Fokus darauf, die Möbel mit Figur, Raum und Pflanze zu verbinden. Mir wurden die ersten Entwürfe der Kollektion zugesandt, sodass ich mich bereits im Zweidimensionalen mit der Form auseinandersetzen konnte. Im Showroom in Hamburg habe ich mir dann alles vor Ort ansehen dürfen. Mir wurden auch verschiedene Materialien mitgegeben mit ihrer verschiedenartigen Haptik und Struktur. Gerade die unterschiedlichen Schleifgrade beim Holz fand ich sehr beeindruckend. Aber auch die Textilien waren für mich wichtig, um einen Eindruck von der Farbgebung der Kollektion zu gewinnen.

Wie sahen Ihre Kataloge vorher aus, Herr Müller?
Bernhard Müller: Bis dahin hatten wir fast immer Still-Life-Fotografie im Katalog. Der Titel war eine Architekturaufnahme. Wir inszenieren unsere Produkte „on location“ in einem bis drei Shootings pro Jahr. Die Illustrationen einmal durch den Katalog zu spinnen, hatte auch den Effekt, einen ganz anderen Blick auf unsere Produkte zu gewinnen. Unsere Kunden haben viel mit Kunst und Architektur im Sinn. Anfangs wollten wir es abstrakter, bis wir uns entschieden, die Bilder eher gegenständlich zu gestalten und sie mit Leben zu füllen, ob nun durch Figuren oder Pflanzen.

Frau Doerfler, woher nehmen Sie die Inspirationen für Ihre Figuren?
Marie Doerfler: Für die Bildkompositionen mit Figur im Raum und die leicht verschobenen Perspektiven mit diesen grafischen Elementen dienten mir die Werke von Henri Matisse als Inspiration. Auch Rosie McGuinness hat sehr spannende Modeillustrationen und Tuschezeichnungen mit angeschnittenen Körpern gemacht. Wie oft in der Illustration, sind auch meine Arbeiten für more eine Wiederholung des Gezeigten aus einer anderen Perspektive.

Wie arbeiten Sie?
Marie Doerfler: Bei mir ist es eine Mischung aus analogen und digitalen Techniken. Ich sammle Ideen im Skizzenbuch, dann scanne ich sie ein und mache anschließend eine Reinzeichnung auf meinem iPad in ProCreate. Die drucke ich aus, lege sie auf den Leuchttisch, arbeite dann wieder analog mit der Bleistiftlinie und beginne, mit Tuschen, Acrylfarben und Kreiden in gedeckten Farben die Grundkomposition anzudeuten. In ProCreate stelle ich das Bild dann fertig und koloriere es. So kann ich auch immer wieder Änderungen und Abstimmungen vornehmen.

Herr Müller, sehen Sie dabei Parallelen zum Designprozess?
Bernhard Müller: Je nach Designer ist der Prozess sehr unterschiedlich. Ich arbeite immer noch gerne analog. Ich muss die Dinge in die Hand nehmen, drehen und anfassen können. Manchmal entsteht ein neues Produkt nur auf Basis einer Handskizze oder eines Modells. Ausgangspunkt sind oft kleine Details. Gerade haben wir einen Stuhl von Gil Coste in Arbeit. Der Entwurf ging von einem 1:10-Modell aus. Dieses haben wir digitalisiert und es dann aus Schaum, Pappe und Lehm 1:1 gebaut. Dann wurde dieses Modell erneut digitalisiert und noch einmal bearbeitet.

Kunst und Architektur ergänzen sich mitunter recht gut. Was können die Disziplinen voneinander lernen, wo bleiben Unterschiede?
Bernhard Müller: Ich finde es schade, dass es immer weniger Kunst im öffentlichen Raum gibt, denn Kunst ist ja auch ein Abbild der Gesellschaft. Generell denke ich, man sollte in seiner Disziplin bleiben und schauen: Wie kann sich das gegenseitig befruchten?
Marie Doerfler: Für mich unterscheiden sich Architektur und Kunst dadurch, dass Architektur begreifbar ist, wenn ich mich durch den Raum bewege. In der Kunst gibt es die Möglichkeit, durch einen Standpunkt mehrere Perspektiven wahrzunehmen und darzustellen. Den Austausch zwischen den zwei Disziplinen finde ich unglaublich wichtig und bereichernd, da durch die das gemeinsame Wirken, Räume mit unterschiedlichen Atmosphären bespielt werden können.

Herr Müller, an welchen Orten schauen Sie sich gerne Kunst an?
Bernhard Müller: In Madrid gibt es meiner Ansicht nach die besten Museen der Welt. Im Museo del Prado bin ich gerne bei den dunklen Goyas. Ich finde es erstaunlich, auf diesen großen Gemälden der alten Meister immer wieder etwas Neues zu entdecken. Die Neue Nationalgalerie in Berlin ist eines meiner Lieblingsgebäude, aber auch griechische und ägyptische Kunst faszinieren mich.

Wie wird der nächste Katalog von more aussehen?
Bernhard Müller: Im nächsten Jahr feiern wir unser 30-jähriges Jubiläum und werden den Katalog dafür mit freier Fotografie gestalten. Geplant ist ein Einleger, damit die Bilder nicht mit unseren Produktfotos in Konkurrenz treten. Auch unser Messestand ist bereits fertig und wird ganz anders aussehen als im Jahr 2022. Das Spannende an unserer Firma ist ja die Veränderung.

Facebook Twitter Pinterest LinkedIn Mail
Links

Marie Doerfler

mariedoerfler.com

Mehr Menschen

Erhöhte Erdung

Sebastian Herkner über sein neues Sofaprogramm für Ligne Roset

Sebastian Herkner über sein neues Sofaprogramm für Ligne Roset

„Qualität und Nachhaltigkeit gehören zusammen“

Ein Gespräch mit Johanna Ljunggren von Kinnarps

Ein Gespräch mit Johanna Ljunggren von Kinnarps

Form follows availability

Sven Urselmann über kreislauffähige Einrichtungskonzepte

Sven Urselmann über kreislauffähige Einrichtungskonzepte

Möbel, die das Leben bereichern

René Martens über den holistischen Designanspruch von Noah Living

René Martens über den holistischen Designanspruch von Noah Living

Magie und Logik

Die italienische Designerin Monica Armani im Gespräch

Die italienische Designerin Monica Armani im Gespräch

„Wir haben eigentlich die Tapete neu erfunden“

Laminam-CEO Pierre Heck über die derzeit dünnste Keramikplatte der Welt

Laminam-CEO Pierre Heck über die derzeit dünnste Keramikplatte der Welt

Polychromes Naturerlebnis

Aurel Aebi von atelier oï über die Arbeit mit Holz

Aurel Aebi von atelier oï über die Arbeit mit Holz

Die Raummacherin

Interiordesignerin Maj van der Linden aus Berlin im Porträt

Interiordesignerin Maj van der Linden aus Berlin im Porträt

Sanfte Radikalität

Fabian Freytag über sein neues Buch, das Regelbrechen und die Magie Mailands

Fabian Freytag über sein neues Buch, das Regelbrechen und die Magie Mailands

Das Gute trifft das Schöne

Interview über die Kooperation von Arper und PaperShell

Interview über die Kooperation von Arper und PaperShell

Der Design-Rebell

Nachruf auf den Gestalter Gaetano Pesce

Nachruf auf den Gestalter Gaetano Pesce

Ein Designer in olympischer Höchstform

Mathieu Lehanneur im Gespräch

Mathieu Lehanneur im Gespräch

„Ein Schalter ist wie ein Uhrwerk“

Ein Gespräch über die Gira-Produktneuheiten mit Jörg Müller

Ein Gespräch über die Gira-Produktneuheiten mit Jörg Müller

„Alle am Bau Beteiligten haben Verantwortung“

Ein Gespräch über nachhaltiges Bauen mit Lamia Messari-Becker

Ein Gespräch über nachhaltiges Bauen mit Lamia Messari-Becker

Zwischen Euphorie und Askese

Studiobesuch bei Karhard in Berlin

Studiobesuch bei Karhard in Berlin

Die Storyteller von Södermalm

Studiobesuch bei Färg & Blanche in Stockholm

Studiobesuch bei Färg & Blanche in Stockholm

New Kids on the Block

Interior- und Designstudios aus Berlin – Teil 2

Interior- und Designstudios aus Berlin – Teil 2

„Wir müssen uns nicht verstellen“

Atelierbesuch bei Studio Mara in Berlin-Charlottenburg

Atelierbesuch bei Studio Mara in Berlin-Charlottenburg

New Kids on the Block

Interior- und Designstudios aus Berlin

Interior- und Designstudios aus Berlin

Neue Talente

Die wichtigsten Newcomer*innen des deutschen Designs

Die wichtigsten Newcomer*innen des deutschen Designs

Für die Schönheit des Planeten

Ein Gespräch über nachhaltige Möbel mit Andrea Mulloni von Arper

Ein Gespräch über nachhaltige Möbel mit Andrea Mulloni von Arper

Puzzle für die Wand

Interview mit Paolo Zilli, Associate Director bei Zaha Hadid Architects

Interview mit Paolo Zilli, Associate Director bei Zaha Hadid Architects

In Räumen denken

Vorschau auf die Boden- und Teppichmesse Domotex 2024

Vorschau auf die Boden- und Teppichmesse Domotex 2024

„Wenn man sich vertraut, kann man Kritik annehmen“

Muller Van Severen im Gespräch

Muller Van Severen im Gespräch

Conceptual Substance

Zu Besuch bei fünf crossdisziplinär arbeitenden Studios in Berlin

Zu Besuch bei fünf crossdisziplinär arbeitenden Studios in Berlin

„Ich betrete gerne Neuland“

Ein Gespräch über Akustik mit der Architektin Marie Aigner

Ein Gespräch über Akustik mit der Architektin Marie Aigner

„Mich interessiert, wie die Dinge im Raum wirken“

Peter Fehrentz im Interview

Peter Fehrentz im Interview

Sinn für Leichtigkeit

Das Designerduo Patrick Pagnon & Claude Pelhaître im Gespräch

Das Designerduo Patrick Pagnon & Claude Pelhaître im Gespräch

Experimentierfreudiges Duo

Im Designlabor von Niruk

Im Designlabor von Niruk

Perfekt im Griff

Jan Karcher von Karcher Design im Interview

Jan Karcher von Karcher Design im Interview