Projekte

Barrierefrei und schön dabei

Haus oder Hindernis? Fünf Beispiele, die zeigen, wie schön Barrierefreiheit sein kann.

von Julia Bluth, 26.03.2014

Für die einen sind es Häuser, für die anderen unbezwingbare Hindernisparcours aus hohen Schwellen, steilen Stufen, engen Türrahmen, kaum erreichbaren Arbeitsflächen und Fenstern ohne Aussicht. Denn leider sind viele Gebäude nach wie vor nicht rollstuhlgerecht – der alternden Gesellschaft und des steigenden Bewusstseins zum Trotz. Wir haben uns deshalb auf die Suche begeben und fünf ganz unterschiedliche Beispiele gefunden, die zeigen, wie schön Barrierefreiheit sein kann.

Ramp House
Die Architekten Thea und Ian McMillan aus Edinburgh kennen die Hürden des Alltags nur zu gut – ihre jüngste Tochter Greta ist auf einen Rollstuhl angewiesen. „In unserem eigenen Heim hatten wir die Möglichkeit, einen vollkommen integrativen Ort zu entwerfen. Eine Rampe erschließt alle Geschosse und ermöglicht so echte Gleichberechtigung in der Nutzung des Wohnraums“, erläutern sie. Das Besondere dabei ist, dass sie nicht einfach ein Haus ohne Treppen geschaffen haben, sondern das gesamte Raumnutzungskonzept rund um die Rampe herum planten: „Wenn sich Greta im Wohnbereich befindet, gibt es sechs verschiedene Räume, in denen wir uns bewegen können, ohne dass sie uns dabei aus den Augen verliert oder nicht mehr mit uns kommunizieren könnte.“ Ihr Ramp House mitten im beschaulichen Vorort Portobello ist beliebter Treffpunkt von Gretas Freunden und ermöglicht der Achtjährigen mit ebenso viel Leichtigkeit zu spielen wie ihre Altersgenossen. „Ein solch inklusives Haus zeigt den Besuchern, dass Erreichbarkeit nichts mit Einschränkungen zu tun haben muss, sondern ein Vergnügen sein kann“, betonen Thea und Ian McMillan, „viele haben uns schon gefragt, warum Gebäude eigentlich nicht immer mit Rampen entworfen werden.“

Tree House

Ein zweistöckiges Reihenhaus im Londoner Stadtteil Tower Hamlets war für eine Familienmutter im Rollstuhl immer mehr zur Falle geworden. Da in den siebziger Jahren zwei Weberhäuser aus dem 19. Jahrhundert zu einer Wohneinheit zusammengefügt worden waren, befanden sich selbst die verschiedenen Nutzungsbereiche des Untergeschosses auf zwei Ebenen – leicht erhöht oberhalb des Gartens, der nur über eine Treppe erreicht werden konnte. Als die Hausbesitzerin feststellte, dass sich ihr Alltag auf einen einzigen Raum zu beschränken begann, wandte sie sich an 6a Architects. Sie wünschte sich eine Verbindung der unteren Räume sowie ein geräumiges Schlafzimmer mit angrenzendem Badezimmer und direktem Zugang zum Garten. „Wir wollten die rollstuhlgerechten Baumaßnahmen als positiven architektonischen Antrieb begreifen, der das Haus besser werden lassen würde als zuvor“, so die Architeken, „um dies zu erreichen, planten wir das ganze Gebäude um den Garten herum.“ Ihr langgestreckter Anbau, das 57 Quadratmeter große Tree House, windet sich um den alten Baumbestand und integriert dabei auch den zentralen Essigbaum des Gartens. Der hölzerne Bungalow ist über eine Rampe mit der Veranda des Haupthauses verbunden und bietet seiner Bewohnerin die gewünschte Terrasse mit einem optimalen Ausblick auf den Garten und die Aktivitäten der restlichen Familie. Mit dem Tree House haben 6a Architects einen geradezu paradiesischen Rückzugsort geschaffen, der der belastenden Isolation der Bauherrin ein Ende setzt.


Orchard House

Im ländlichen Wiltshire hat Studio Octopi einer Kunsthandwerkerin den Traum vom energieeffizienten Leben und Arbeiten in den eigenen vier Wänden erfüllt. „Die Auftraggeberin wollte ein nachhaltiges Stück bedarfsgerechte Architektur schaffen, dass dennoch nicht ausschließlich durch die Nutzung ihres Rollstuhls definiert wird und sich harmonisch in die Landschaft einfügt“, erklären die Londoner Architekten. Orchard House entstand auf dem Grundstück eines ehemaligen Küchen- und Obstgartens, der sich hinter einer alten Steinmauer versteckte. Bei ihrem Entwurf orientierte sich Studio Octopi an Stil und Materialität traditioneller Landwirtschaftsgebäude und gestaltete die Fassade aus Kalkputz und Holzverschalung mit nachhaltiger Schafswollisolation. Die ursprüngliche Ummauerung aus lokalem Kalkstein wurde wieder errichtet und verleiht auch den neuen Gärten eine ursprüngliche Abgeschiedenheit. „Der flache Grundriss, die achtsame Anordnung der Fenster sowie eine Galerie auf halber Höhe ermöglichen eine Vielzahl verschiedener Ausblicke auf das Gebäude und seine Gärten. Zwei große Schiebetüren können dazu genutzt werden, das offene Erdgeschoss zu verschließen, indem die Eingangshalle abgesperrt oder die Bibliothek und das Hauptschlafzimmer vom geräumigen Wohnbereich abgetrennt werden“, so die Architekten. Hölzerne Terrassen entlang der Nord- und Südseite erweitern das Orchard House nach außen und ermöglichen der Auftraggeberin uneingeschränkte Bewegungsfreiheit.

House in Hyogo
In einem schicken Villenviertel im japanischen Hyogo haben die Architekten von Shogo Aratani Architects den Begriff der Barrierefreiheit buchstäblich auf die Spitze getrieben. Das Bauland an einem Hügel verfügt über ein steiles Gefälle, das den Entwurf der Architekten stark prägt. „Der natürliche Kontext des Grundstücks brachte diese Gegebenheiten nun mal mit sich, und es wirkte organischer, sich auf den Kontext einzustellen“, erklärt Shogo Aratani, „drei Bereiche wurden geschichtet und über Rampen vom Eingang bis zum Dach miteinander verbunden“. Das Gebäude besteht aus drei sich überkreuzenden, monolithischen Formen, die entlang des Hügels ansteigen. Im am niedrigsten gelegenen, westlichen Volumen befindet sich der Eingang sowie ein Gästebereich. Am höchsten Punkt, im südöstlichen Teil, können sich die Bewohner in ihre  privaten Räume und den Schlafbereich zurückziehen. Das dritte Volumen wirkt als Verbindungsglied und beherbergt den zentralen Wohnbereich sowie eine Garage, die von der Nordseite aus erreicht werden kann. Von außen ein statischer Betonbau, wirkt das Haus in Hyogo von innen geradezu exzentrisch. Die langen Verbindungsrampen zwischen den verschiedenen Bereichen verleihen dem Gebäude eine ungewöhnliche Dynamik und wirken wie das krasse Gegenteil einer Notwendigkeit.

House in Kitaoji
Viel Sichtbeton und wenig Einblicke kennzeichnen auf den ersten Blick das vom Architekturbüro Torafu Architects entworfene Eckgebäude in einem ruhigen Vorort von Kyoto. Und tatsächlich passten Koichi Suzuno und Shinya Kamuro ihren Entwurf in erster Linie dem Bedürfnis des Bauherrn und seiner Familie nach Privatsphäre an – und in zweiter Linie seinem Rollstuhl. „Wir entwarfen einen großen Innenraum mit einzelnen, durch Möbel unterteilten Bereichen, um eine ausreichende Distanz nach außen zu schaffen. Diese kompakte Bauweise ließ viele, mitunter sperrige Durchgänge überflüssig werden“, erklären sie, „da wir Fenster zur Straße hin vermieden, öffneten wir den Innenraum nach oben, sodass viel Licht und Luft hereinkommt“.  Alle Einbaumöbel sind in ihrer Höhe genau an die Maße des Rollstuhls angepasst und lassen ihm stets genug Spielraum, während ein Fahrstuhl die zwei Geschosse des Gebäudes miteinander verbindet. Dieses Einfamilienhaus ist zu 100 Prozent rollstuhlgerecht – und sieht gar nicht so aus.



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