Beton im Fels
Eine Villa an der Costa Brava von Marià Castelló Architecture
Im Örtchen El Port de la Selva im Norden der Costa Brava hat der Architekt Marià Castelló eine Villa realisiert. Der 310-Quadratmeter-Bau für eine Familie mit vier Kindern erstreckt sich über zwei Ebenen. Die Innenräume öffnen sich zu mehreren Höfen und Terrassen mit Blick aufs Meer.
Auch am Mittelmeer kann es mitunter ganz schon rau werden. Zwar zählen die Strände der Costa Brava 210 Sonnentage im Jahr. Dennoch wehen in den Frühlings- und Herbstmonaten oft eisige Landwinde, die nicht selten Sturmstärke erreichen. Das Wechselspiel aus prallem Sonnenlicht und Starkwind hat die Planung eines Hauses für eine sechsköpfige Familie bestimmt. Die Villa entstand auf einem Hanggrundstück des Puig Gros, eines 325 Meter hohen Berges, dessen Ausläufer die Hafenstadt El Port de la Selva umrunden.
Im Stein verankert
Das Gestein der Bergformation ist vulkanischen Ursprungs. Es besitzt eine markante, dunkle Färbung und ist ausgesprochen hart. Dennoch entschied sich der auf Formentera ansässige Architekt Marià Castelló – Marià mit absteigendem Akzent auf dem letzten Vokal ist im Spanischen ein Männername –, das untere der beiden Stockwerke in den Fels zu schlagen. Das Haus soll somit sicheren Halt gegenüber den starken Nordwestwinden – Tramontana genannt – finden. Indem das erste Geschoss im Fels verschwindet, verringert sich die physische Präsenz des Gebäudes. Die untere Ebene nimmt Garage, Technikräume, Bäder sowie ein Gästeschlafzimmer auf.
Monolithischer Bau
Das Dach des Untergeschosses definiert eine großzügige Terrassenebene, auf der sich das Leben der Familie abspielt. Über der Garage spannt sich der Pool hinweg, der mithilfe eines holzbeplankten Stegs betreten wird. Dieser kann auf Schienen zur Seite gefahren werden, um die darunter liegende Garage bei Bedarf mit Sonnenlicht zu fluten. Oberhalb der Terrassenebene erheben sich zwei eingeschossige Volumina, die die Schlafzimmer, Bäder und Wohnküche aufnehmen. Die Flanken und Rückseiten der beiden Körper sind vollständig aus Sichtbeton gearbeitet, sodass eine monolithische Wirkung entsteht.
Schutz vor Wind und Sonne
Die massiven Wände werden jeweils nur von einem schmalen Fensterband oder einer einzelnen Tür durchbrochen. Über Letztere wird der Holzsteg betreten, der Zugang zum Pool gewährt. Zur Hangseite öffnen sich die beiden Baukörper vollständig mit bodentiefen Fenstern und vorgelagerten Terrassen. Zwischen den beiden aufragenden Betonkörpern verläuft ein gläserner Verbindungsgang, der Winde außen vor hält und dennoch den Blickkontakt zum Meer nicht unterbricht. Die Terrassenebene wird durch die aufsitzenden Gebäudeteile in mehrere Höfe gegliedert, die Schutz vor Wind und Sonne gleichermaßen bieten.
Licht und Schatten
Das Untergeschoss öffnet sich an der Rückseite des Hauses zu mehreren Patios. Die bodentiefen Fenster und Schiebetüren sind leicht zurückgesetzt, sodass die darüber auskragende Terrassenebene sowie die beiden Sichtbetonvolumina der zweiten Geschossebene als Dächer dienen. Das Sonnenlicht wandert entlang der zerklüfteten Felswand in die Untergeschossebene. Der Stein wird damit wirkungsvoll in Szene gesetzt. Zugleich entsteht eine angenehm gedämpfte Lichtstimmung – perfekt um in den heißen Nachmittagsstunden einen ruhigen, kühlen Ort zum Entspannen zu finden.
Beton trifft Fels
Die Materialität von Sichtbeton zieht sich als wiederkehrendes Motiv durch das gesamte Gebäude – in den Innen- und Außenräumen. „Die steinige Natur des Materials stellt einen intensiven Dialog mit dem felsigen Untergrund her. Seine Widerstandsfähigkeit gegenüber starken Winden und der Salzluft macht es zu einer der langlebigsten Optionen mit geringem Wartungsaufwand“, ist Marià Castelló überzeugt. In den Innenräumen ist der Sichtbeton fast ausschließlich an den Decken sichtbar. Die meisten Wände sind weiß verputzt oder mit Paneelen aus Eichenholz verkleidet.
Komplementäre Rohstoffe
Das warme Naturmaterial kommt auch bei den Fenster- und Türrahmen sowie bei einem Großteil der maßgefertigten Möblierung zum Einsatz. Auch einige Klassiker wie der Wishbone Chair von Hans J. Wegner finden in naturbelassener Eiche Verwendung. Es geht darum, einen atmosphärischen Ausgleich gegenüber der Schroffheit des Betons zu finden. Schließlich entsteht aus der Balance von Gegensätzen Harmonie. Eine weitere Kontinuität liegt in der Verwendung von Pòrfit, einem Kies, der aus dem Aushub des felsigen Untergrunds gewonnen wurde. Er findet sowohl für die Verkleidung der Dachflächen als auch für die Böden der Terrassen und Patios Verwendung. Das Haus sondert sich nicht ab. Es verschmilzt mit seiner Umgebung.
FOTOGRAFIE Marià Castelló Architecture
Marià Castelló Architecture
| Projektname | Port de la Selva |
| Typologie | Wohnhaus |
| Ort | Port de la Selva. Spanien |
| Wohnfläche | 310 m2 |
| Architektur | Marià Castelló Architecture |
| Bauleiter | José Antonio Molina + Lorena Ruzafa + Marià Castelló |
| Bauingenieur | Joan Noguer |
| Struktur-Ingenieur | Think Enginyeria SLP |
| Gebäude-Ingenieur | QS Enginyeria i Associats SLP |
| Entwurfsteam | Lorena Ruzafa und Marga Ferrer |
| Planungszeit | 2016-2019 |
| Bauprozess | 2019-2021 |
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