Projekte

Ein Miniloft als Wette

Im Marais baute Rémy Bardin ein kleines Atelier in ein kompaktes Miniloft um

von Jana Herrmann, 29.05.2017

Schon seit Jahren beeindruckt Rémy Bardin mit seiner Fähigkeit, knapp bemessenen Wohnraum bis auf den letzten Zentimeter zu optimieren und selbst den tristesten Apartments Eleganz und Wohnlichkeit zu verleihen. Nun gelang dem französischen Architekten ein wahrer Coup: Auf 17 Quadratmetern Grundfläche konstruierte er ein genial durchdachtes Miniloft mit einer Ausstattung, wie sie in der Regel nur in geräumigen Wohnungen Platz findet. Petit Pari – die Wette hat er gewonnen.

Unkonventionelle Aufträge scheinen auf Rémy Bardin eine besondere Anziehungskraft auszuüben, so verfügen zahlreiche der von ihm umzubauenden Ausgangsobjekte über einen unlogischen Grundriss, vergessene Fenster und viel zu wenig Raum für die Bedürfnisse und Wünsche ihrer Nutzer. Auch sein letztes Projekt, ein nur 17 Quadratmeter großes, ehemaliges Künstleratelier im Pariser Viertel Marais, lockte mit großen Herausforderungen. Die Auftraggeber, ein neuseeländisches Paar in seinen Fünfzigern, wollen das Objekt nur als Zweitwohnsitz nutzen und in der restlichen Zeit vermieten. Aus diesem Grund wünschten sie sich ein „modern eingerichtetes Apartment mit jeglichen Funktionen, die eine großzügig geschnittene Wohnung bietet, plus maximalen Stauraum für ihre Koffer und persönlichen Gegenstände.“

Schmal und hochgewachsen
Zwar bot die beachtliche Deckenhöhe von über vier Metern viel Potenzial für zusätzlichen Wohnraum, dennoch war offensichtlich viel zu wenig Platz vorhanden, um alle Vorstellungen der Auftraggeber umzusetzen. Dieses Problem gab dem Projekt auch seinen Namen – Petit Pari, was auf Deutsch „kleine Wette“ bedeutet. Wenig hilfreich war ebenso der Umstand, dass der Vorbesitzer das Atelier als Wohnstätte genutzt hatte – auch wenn dieser eine Zwischenebene in den Raum ziehen und unter diese eine geschlossene Küche und ein kleines Badezimmer einbauen lassen hat. Doch diese Konstruktion erwies sich schnell als wenig platzoptimierend und kaum funktional. Gerade die Treppe in den oberen Schlafbereich gab architektonische Rätsel auf, da sie entlang des gesamten vollverglasten Eingangsbereichs platziert wurde und damit dem Objekt nicht nur viel Licht vorenthielt, sondern zugleich auch den Raum der ohnehin winzigen, angrenzenden Küche reduzierte.

Drehkreuz Treppe
An dieser Stelle setzte Rémy Bardin für den Komplettumbau an: Die bis dahin geschlossene Küche öffnete er in den Wohnbereich und verlegte den Treppenaufstieg auf die gegenüberliegende Wandseite. Um zusätzliches Raumvolumen und Transparenz zu gewinnen, konstruierte er die neue Treppe aus flachen Holzleisten und filigranen Metallelementen, wodurch sie geradezu über dem Boden zu schweben scheint. Auf der oberen Ebene ersetzte er die durchgehende Trennwand durch eine schlichte, hölzerne Arbeitsplatte und schuf damit nicht nur einen neuen Bürobereich, sondern auch wesentlich mehr Raumtransparenz.

Bett mit Waschmaschine
Den Wunsch nach viel Stauraum bediente der Architekt mit dem Einbau eines vier Meter breiten Schrankes und mehrerer Kästen unter dem Doppelbett, wo sogar eine Waschmaschine Platz fand. Zudem schuf er Raum für einen begehbaren Kleiderschrank, indem er die Wand des oberen Nebentraktes bis zu dessen äußersten Kante vorzog. Auf der unteren Ebene entstand dagegen Stauraum, um darin vorwiegend funktionelle Einrichtungen wie Heizkörper und Spülmaschine zu verstecken. Ein Wandschrank kann mit wenigen Handgriffen in einen ausziehbaren Tisch verwandelt werden, der Platz für bis zu fünf Personen bietet.

Originelle Modernität
Die so entstandenen klaren Raumstrukturen unterstreicht Rémy Bardin geschickt durch die Kombination von Holzoberflächen und weißen Wänden, die mit den wenigen bunten Wohnaccessoires und Möbeln harmonieren. Ein schönes Detail bilden die Lichtspiele hinter der Gitterwand des Bücherregals, das der Architekt an die Längsseite des begehbaren Kleiderschranks auf der oberen Etage platzierte. Wunderbar verrückt, aber dennoch vollkommen stimmig, ist die Präsenz der Vertigo-Leuchte des französischen Herstellers Petite Friture, die üblicherweise eher in weiten Räumen Verwendung findet und hier in über vier Metern Höhe über dem winzigen Wohnbereich thront. Trotz der räumlichen Beschränkungen hat Rémy Bardin es bei diesem Projekt geschafft, die Wünsche seiner Auftraggeber umzusetzen und das scheinbar Unmögliche möglich zu machen. Wette gewonnen! Das zu behaupten, hat er damit allen Grund.

Links

Projektarchitekt

Rémy Bardin

www.bardinarchitecte.paris

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