Projekte

In die Zukunft gedacht

Architektonische Konzepte und Ideen mit neuen Perspektiven

2020 ist das Jahr, in der die Welt in Schockstarre gefallen ist. Der Blick in die Zukunft scheint ungewisser denn je. Zumindest für eine kurze Zeit. Denn die Krise brachte auch eine (längst bekannte) Erkenntnis zu Tage: Architektur- und Designprojekte geben zukunftsweisende Impulse – und das nicht nur, weil durch die Pandemie ein Rückzug in den privaten Raum stattgefunden hat.

von Annette Schimanski, 16.11.2020

In dem Bewusstsein, dass die Bedeutung und Notwendigkeit langfristiger, verantwortungsbewusster und vor allem umweltschonender Konzepte und Projekte wichtiger denn je sind, verlieren Architekt*innen und Designer*innen weiterhin nicht die Nachhaltigkeit aus den Augen. So treibt der norwegische Möbelhersteller Vestre beispielsweise den Bau seiner Fabrik The Plus, entworfen und geplant vom dänischen Büro BIG, voran. Die Emissionen bei der Produktion sollen bis zu 50 Prozent reduziert werden. Die für den Bau abgeholzten Kiefern werden nahezu komplett in dem Projekt wiederverwendet. Der Transport der Materialien und Produkte wird mit elektrobetriebenen Tesla-Fahrzeugen erfolgen. Beim Wasserverbrauch hat Vestre sich ein besonders hohes Ziel gesetzt: 90 Prozent des Wassers soll wieder in den Produktionskreislauf zurückfließen.

Fokus auf Holz
Das Bewusstsein für umweltfreundliche Nachhaltigkeit ist in sämtlichen Bauformen angekommen, so auch in urbanen Wohn- und Büroräumen. Der Werkstoff Holz schwebt vielen Architekt*innen bereits seit Jahren als eine mögliche Lösung vor, was sich unter anderem in Holzhochhäusern zeigt, die im wahrsten Sinne des Wortes immer höher hinaus wollen. Kaden+Lager planten Skaio in Heilbronn, das mit 34 Metern höchste Gebäude in Holzbauweise in Deutschland. Mjøstårnet im norwegischen Brumunddal wurde von Voll Arkitekter geplant und ist mit 85,4 Meter das höchste Holzhochhaus der Welt. Der kleinere ökologische Fußabdruck beim Bau mit Holz im Vergleich zu anderen Werkstoffen könnte sich als zukunftsweisendes Modell herausstellen. Als nachwachsender Rohstoff, der zudem einen Teil des klimaschädlichen CO2 speichert, ist Holz für die Zukunft gerüstet.

In den Himmel
Einst stellte Le Corbusier mit der Idee der Wohnmaschine ein kompaktes, reproduzierbares Modell vor. In der Unité d’Habitation konnte ein bequemes, wenngleich sehr funktionales Leben stattfinden, denn Dinge des alltäglichen Gebrauchs waren im Gebäude integriert. Der akute Wohnplatzmangel sorgt für ein Revival dieser damals revolutionären Idee. Piero Lissonis Studio Lissoni Casal Ribeiro stellte mit Skylines eine moderne Variante dieses Konzepts vor. Das Hochhaus, das in New York stehen soll, beinhaltet Wohnraum, Schulen, Freizeitmöglichkeiten und sogar ein Krankenhaus. Das Gebäude macht sich die Vertikalität auf einer Grundfläche von 80 mal 130 Metern zunutze und soll sich selbst versorgen können – mit Erdwärme, Photovoltaikanlagen, einem Regenwasserrückgewinnungssystem und einem durchdachten Wassernutzungskonzept. Vertikal an der Fassade verlaufende Stahlkabel sind als Gerüste für Pflanzen und Klettergewächs gedacht, um die inzwischen sehr beliebte Idee des „vertikalen städtischen Dschungels“ umzusetzen. Die Idee für Skylines entstammt der aktuellen Lebensrealität. „Das Jahr 2020 und die globale Pandemie haben unsere Schwächen und Mängel auf struktureller Ebene aufgezeigt und uns veranlasst, neue Denkweisen für die Stadt und Infrastruktur zu entwickeln“, heißt es aus dem Büro Lissoni Casal Ribeiro.

In Wohnkabinen
Der junge malaysische Designer Haseef Rafiei hat Vertikalität und die maximale Nutzung von Fläche noch ein Stück weitergedacht. Er entwarf ein modulares Gebäude nach dem Prinzip eines Snackautomaten. Bewohner*innen können sich einen Pod nach ihren Wünschen gestalten und in eine Hochhauskonstruktion einsetzen lassen – mit automatisierten Kränen ähnlich wie der Mechanismus, der einen Schokoriegel oder das Getränk aus einem Automaten befördert. Die Struktur wäre jederzeit nach oben hin erweiterbar, falls notwendig. Die einzelnen Wohnkabinen sollen im 3D-Druckverfahren hergestellt werden.

In der Gemeinschaft
Ein Konzept, das die Idee des Zusammenlebens vollkommen anders interpretiert, ist das Co-Living. Es weist in der Tat einige Parallelen zum Co-Working auf. Knapper Wohnraum, hohe Mietpreise und eine Vereinsamung vieler Menschen machen eine Behausung mit gemeinsam genutzten Flächen, ergänzt durch private Rückzugsorte, nicht nur für Studierende attraktiv. Familien, digitale Nomaden, Mittdreißiger, die fest im Leben stehen, suchen in diesem Konzept ein Zuhause, das eine höhere Qualität aufweist als eine Studenten-WG, besser gelegen und geplant ist – im besten Fall teilt man mit den Mitbewohnern eine ähnliche (Lebens-)Philosophie. Der Wunsch in einer Gemeinschaft zu leben, ist bei vielen größer, als Geld zu sparen. Es untermauert außerdem eine Bewegung, die in den vergangenen Jahren immer mehr an Unterstützung gewinnt: Own nothing, rent everything. Der Besitz von Gebrauchsgegenständen ergibt nicht für alle Menschen Sinn. Angefangen beim Auto bis hin zum Werkzeug kann heutzutage geliehen oder getauscht werden. Das Teilen von Wohnfläche, Besitz und Gegenständen scheint für viele unterschiedliche Bevölkerungsgruppen ein erstrebenswertes Zukunftsziel zu sein.

Auf dem Wasser
Das niederländische Waterstudio hat sich der Entwicklung von Projekten auf dem Wasser verschrieben. Floating Cities sind angesichts des dramatischen Klimawandels eine zukunftsweisende Idee, findet der Gründer Koen Olthuis. Es gilt, die „Art und Weise, wie wir mit Wasser in der bebauten Umwelt leben, zu überdenken“, sagt er. Mit Konzepten wie einzelnen statischen sowie beweglichen Einfamilienhäusern auf Wasser bis hin zu einem 40 Meter hohen Turm aus Beton, Glas und Brettsperrholz, der im Hafen von Rotterdam errichtet werden soll, versucht das Büro die Wasserflächen rational zu nutzen – abseits von ausladenden, schwimmenden Städten und futuristischen Unterwasserzivilisationen, die häufig als letzte Rettung der Menschheit in der Klimakrise dargestellt werden.

Unter der Erde
Ein extravaganter und gewagter Entwurf, den die Corona-Pandemie hervorbrachte, stammt vom ukrainischen Büro Sergey Makhno Architects. Das Team entwickelte den ultimativen Rückzugsort, einen post-apokalyptischen Luxusbunker, der nicht nur mit Wohn-, Ess- und mehreren Schlafzimmern in Sichtbeton, Holz und Edelstahl, sondern auch mit einem Kino, einem Indoor-Garten, einem Desinfektionsraum sowie medizinischen Stationen und einem Helikopterlandeplatz ausgestattet ist. „Es ist eine Überlegung über den Fortbestand des menschlichen Lebens unter jeglichen Umständen“, fasst Sergey Makhno seinen Entwurf zusammen. Das Projekt Plan B soll mit einer Wasseraufbereitungsanlage und einem Generator unabhängig von äußeren Einflüssen funktionieren, sodass das Überleben mehrerer Familien gesichert ist – Luxus und Wohnlichkeit inklusive.

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