Korsisches Ufo unter britischer Flagge
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Militärische Relikte sind als Wohnsitz schwer im Kommen – und das bei weitem nicht nur seit Christian Boros’ Berliner Kunst-Bunker. Im Osten Englands hat der britische Designer Duncan Jackson einen Verteidigungsturm aus den Napoleonischen Kriegen erworben und in ein Privathaus für sich und seine Familie umgebaut. Umgeben von dreieinhalb Meter dicken Wänden wird der Rückzug ins Private keineswegs nur steinerne Wirklichkeit. Ein schwebend-leichter Dachaufbau verwandelt den einstigen Geschützstand in ein Wohnzimmer mit Panoramablick.
Die Franzosen waren den Briten schon immer suspekt. Ein Umstand, der umso mehr an Brisanz gewann, als Napoleon Bonaparte 1799 die Macht ergriff. 164 runde Befestigungstürme ließ König Georg III. in den Jahren 1804 bis 1814 entlang der Küsten von England, Wales, Irland sowie der Kanalinseln errichten, um gegen eine Invasion gewappnet zu sein.
Als Vorbild der sogenannten Martello-Türme gilt ein Befestigungsturm am Kap Martello auf Korsika, an dem sich britische Truppen im Februar 1794 beinahe die Zähne ausbissen. Drei Tage dauerte der Beschuss mit schwerer Artillerie sowohl von der Land- als auch der Seeseite des Ende des sechzehnten Jahrhunderts errichteten Turms, bis sich dessen 38-köpfige Besatzung den Angreifern geschlagen gab. Befeuert von der Idee, den französischen Truppen auf ähnlich hartnäckige Weise Widerstand zu leisten, wurde die Konstruktionsweise des Turms nach Großbritannien importiert und an den aktuellen Stand der Waffentechnologie angepasst.
Dichter Verteidigungsring
Rund zehn Meter messen die Türme in der Höhe und verjüngen sich von einem Durchmesser von 19 Metern an der Basis auf zwölf Meter an der Dachkante. Gegenüber dem korsischen Vorbild wurden somit rund fünf Meter hinzugewonnen, die vor allem in ein massiveres Mauerwerk übersetzt wurden. Auf dem Dach verfügten die Türme über eine um 360 Grad schwenkbare Kanone, mit der die zwölfköpfige Besatzung auch weit entfernte Schiffe und Angreifer von Land ins Visier nehmen konnte. Die Position der Türme wurde so bestimmt, dass sich ihre Schussfelder gegenseitig überlappten und somit keine Lücke im Verteidigungsgürtel auftat.
Bis Mitte des 19. Jahrhunderts übernahmen die Türme eine wichtige Rolle in der Verteidigung. Doch mit immer leistungsstärkeren Kanonen, die selbst dem 3,60 Meter dicken Mauerwerk spielend zusetzen konnten, wurden die Türme ihrer Funktion beraubt. Nach dem Abzug der Soldaten dienten die freistehende Bauwerke als Wohnungen und Lagerräume. James Joyce widmete einen Abschnitt seines Romas Ulysses dem Martello-Turm im irischen Sandycove, in dem er selbst eine Woche verbrachte. Dennoch blieben immer mehr der Befestigungsbauten leer und sind heute zunehmend vom Verfall bedroht.
Behutsamer Umbau
Vor allem dieser Aspekt hat die Denkmalschützer vom English Heritage und der Küstenverwaltung von Suffolk gesprächsbereit gemacht, als sie die Anfrage für ein ungewöhnliches Umbauprojekt erhielten. Duncan Jackson, Gründer der Londoner Designagentur Billings Jackson Design, hatte den 1808 erbaute Martello-Turm Y im ostenglischen Suffolk erworben. Auch dieser wurde zuletzt im späten 19. Jahrhundert bewohnt und zeigte mittlerweile erhebliche Risse im Mauerwerk, was ihm einen Platz auf der Liste einsturzgefährdeter Denkmale einbrachte. Zusammen mit dem Londoner Architekten Piercy Conner plante er den Umbau des Turms in eine 120 Quadratmeter große Wohnung, ohne dessen äußere Erscheinung – mit Ausnahme eines zusätzlichen Dachaufbaus – zu verändern.
Die Unterteilung der Räume im Inneren wurde beibehalten. Betreten wird der Turm über eine außenliegende Treppe in der ersten Etage, die einst als Lagerraum für Waffen und Munition diente. Im Obergeschoss, wo während der militärischen Nutzung die Schlafräume der Mannschaft lagen, wurden insgesamt drei Schlafzimmer eingerichtet, die über winzige Schießscharten mit Tageslicht versorgt werden. Die Decke vollzieht auf dieser Etage eine umlaufende Wölbung, die die Außenmauern mit einer freistehenden Säule in der Mitte des Turms verbindet. Als stabilisierendes Element reicht sie bis ins Untergeschoss hinab, wo ein Tank – wie 1808 ersonnen – über ein System aus Röhren im Inneren des Mauerwerks mit Regenwasser gefüllt wird.
Fliegendes Dachwerk
Sichtbar wird der Umbau vor allem im Wohn- und Essbereich, der sich im Dach befindet. Die halbkreisförmigen Befestigungsmauern, in denen die Kanonen um einen zentralen Ankerpunkt geschwenkt wurden, konnte in die heutige Nutzung schlüssig integriert werden. So dient die Kante, auf der die Räder der Kanonenwagen entlangrollten, heute als steinerne Sitzbank. Auf der gegenüberliegenden Seite wurde die Küche als halbkreisförmiges Band über dem steinern Sockel platziert, während eine runde Kücheninsel den Ankerpunkt der Kanone in ihrer Mitte umschließt.
Darüber hinweg wölbt sich ein organisch geschwungenes Dach, das mit runden Fensteröffnungen viel Tageslicht in das Innere holt. Filigrane Stahlträger sorgen dafür, dass das 360-Grad-Panorama nicht versperrt wird und das Dach über den historischen Mauern zu „schweben” beginnt. Die rahmenlosen Fester unterstützen diese Wirkung und halten schließlich auch jene steife Brise ab, die den Soldaten einst kräftig um die Nase wehte.
FOTOGRAFIE Edmund Sumner
Edmund Sumner
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