Projekte

Provisorisches im Dauerhaften

Neue MCM-Boutique in München von Gonzalez Haase AAS

von Norman Kietzmann, 23.10.2019

Industrieller Charme trifft auf Referenzen aus den Siebziger- und Achtzigerjahren: Das Berliner Büro Gonzalez Haase AAS hat für MCM ein neues Interieur-Konzept entwickelt, das in die Gründungszeit der früheren Münchner Marke eintaucht und zugleich den Blick nach vorne wirft. 

MCM? Diese drei Buchstaben sorgen ein Stück weit für Verwirrung. In Deutschland werden sie noch immer mit jener Taschenmarke aus München verbunden, die mit dem Bussi-Bussi-Image der bayerischen Landeshauptstadt so eng verwoben war wie Helmut Dietls Achtzigerjahre-Kultserie Kir Royal. Cool ist definitiv etwas anderes. Im Ausland hingegen, allem voran in Asien, ist die Marke heute schwer angesagt und zudem deutlich breiter aufgestellt als hierzulande. In Tokios glitzerndem Einkaufsviertel Ginza erhebt sich eine achtetagige MCM-Boutique – und die jungen Fashionistas geben sich die Klinke in die Hand. Verkehrte Welt?

Rasanter Wandel 
Der Wandel geschah leise. In den 2000er-Jahren stand die 1976 von Michael Cromer gegründete Marke (das Kürzel MCM steht für Modern Creation München) vor dem Bankrott. Nach mehrmaligen Besitzerwechseln wurde sie von der südkoreanischen Geschäftsfrau Sung-Joo Kim übernommen. Sie verlegte den Firmensitz von München nach Zürich, baute ein neues Vertriebsnetz und vor allem ein neues Image auf. Zuerst mit dem Designer Michael Michalsky, ab 2018 mit dem früheren Adidas-Kreativdirektor Dirk Schönberger. 

Von seinem Berliner Studio aus setzt er die Marke auf rasantem Wachstumskurs. 2020 soll der Umsatz zum ersten Mal auf über eine Milliarde Euro klettern. Ein Schwergewicht, das vor allem im Heimatland einen Imagewechsel bewirken will, um an die Erfolge in Asien anzuknüpfen. Damit das gelingt, hat Schönberger die Berliner Architekten Gonzalez Haase AAS beauftragt, ein neues Store-Konzept für die zweite Münchner Boutique an der Maximilianstraße 28 zu entwerfen.

Klare Geometrie
Innenräume werden in der Mode als Strategie der Markenbildung gesehen. Und Gonzalez Haase – das Büro wurde 1999 von der Architektin Judith Haase und dem Szenografen Pierre Jorge Gonzalez gegründet – haben sich hier bereits Lorbeeren verdient mit ihren Shopping-Interieurs für Balenciaga, Acne Studios oder Andreas Murkudis. Für die neue MCM-Boutique in München haben sie die Zeitregler geradewegs auf die Gründungszeit des Labels zurückgefahren, als Produzenten wie Giorgio Moroder oder Frank Farian in München den Disco-Sound kreierten.

Die eigens für die Boutique angefertigte Möblierung basiert auf den geometrischen Grundformen Kreis, Dreieck und Quader. Zwischen Decke und Boden eingespannte Metallstangen tragen Taschenablagen oder Kleiderstangen. Grauglänzender Velourstoff kommt nicht nur für die runden Hocker zum Einsatz, sondern ebenso als Ummantelung zweier Säulen inmitten des 168 Quadratmeter großen Verkaufsraums. Für Nachtclub-Atmosphäre sorgen industrielle Metallketten, die den Stoffsäulen vorgehangen sind und in ihrer Länge changieren. An ihren unteren Enden sind S-förmige Haken angebracht, die zur Präsentation von Taschen und Accessoires genutzt werden können.

Starke Pigmentierung 
Auf eine klassische Schaufensterinszenierung wird verzichtet. Von der Straße aus können die Passanten durch die gesamte Weite des Raumes schauen. Lange schmale LED-Leisten sind unterhalb der grau verputzten Decke abgehangen und spannen sich von einer Raumseite zur anderen. Gonzalez Haase AAS setzen hier auf ein vertrautes Stilmittel, das sie bereits an anderer Stelle erprobt haben: Sie verdoppeln die Lichtleisten in wohl kalkuliertem Abstand und lassen die Lichtfarbe – die eine weiß, die andere leicht gelblich – variieren. Die Lichtbänder setzen einen horizontalen Konterpunkt zu den vertikalen Metallständern, die die Warendisplays in Position halten. Die Inneneinrichtung verschmilzt nicht mit Wand und Decke, sondern bewahrt Distanz – fast so, als sollte der Zustand des Provisorischen ins Dauerhafte überführt werden. 

Der Star des Interieurs ist jedoch zweifelsohne der königsblaue Teppich, der den gesamten Boden bedeckt. Die Pigmentierung ist so stark, dass die Möbel, Metallständer und Stoffsäulen geradezu über diesem Untergrund zu schweben scheinen. Ein schönes Detail: An den Sockelzonen der Einrichtungsobjekte zeichnen sich ebenso blaue Verläufe ab wie an den Wänden. Die leuchtende Farbe kann nicht nur als Referenz an die bayrische Landesflagge gelesen werden, sondern ebenso an die Cocktailkleider der mittleren Achtzigerjahre – die Entstehungszeit der Kir-Royal-Serie, als MCM zu einer internationalen Marke aufstieg. 

Veränderliche Komposition
Verläufe spielen auch bei den freistehenden Umkleidekabinen eine Rolle, die Gonzalez Haase AAS mit Latex-Lamellen vom übrigen Raum abtrennen. Ihr kühler Rosaton greift die Farbe der runden Metallablagen auf, die im vorderen Teil der Boutique zur Präsentation von Taschen dienen. Die Lamellen werden an gebogenen Metallschienen entlang bewegt, die unterhalb der LED-Lichtleisten von der Decke abgehangen sind. Der Naturkautschuk ist leicht transparent. Indem er in mehreren Schichten hintereinander gehangen wird, ist genügend Sichtschutz garantiert. Dennoch scheinen an einigen Stellen die Farben des Teppichbodens und dahinter abgestellter Dinge hindurch. Dieser Verzicht auf Eindimensionalität zieht sich durch das gesamte Interieur. Es vermeidet eine starre Erscheinung und wirkt wie ein offener Setzkasten, der durch die Komposition der Waren immer wieder neu verändert werden kann: genau richtig, für eine Marke, die räumlich zu ihren Ursprüngen zurückkehrt und zugleich den Sprung nach vorne sucht. 

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