Projekte

Soul in Seoul

Galerie König im MCM Haus von Neri & Hu

Gangnam-Style trifft Kunst: Neri & Hu haben ein früheres Bürogebäude und Parkhaus in Seoul in eine MCM Boutique umgebaut. Das oberste Stockwerk sowie die Dachterrasse dienen als neue Dependance des Berliner Galeristen Johann König. Sichtbeton und Bronze verbinden sich zu einem stilistischen Doppel.

von Norman Kietzmann, 19.04.2021

Die Zukunft des Shoppings liegt in unerwarteten Verbindungen. Modeboutiquen warten immer häufiger mit Bücherecken, Cafés und manchmal auch mit eigenen Ausstellungsräumen auf. Wie hierbei der Schulterschluss zu einer renommierten Galerie gesucht wird, ist in Fernost zu beobachten. Die einst angestaubte Münchner Koffermarke MCM erfindet sich neu unter der Regie ihrer südkoreanischen Eigentümerin Sung-Joo Kim und ihres Chefdesigners Dirk Schönberger – und erfreut sich vor allem in Asien unter Hipstern bereits großer Beliebtheit. Um dem Tokioer Flagship-Store – in deutscher Schreibweise MCM Haus genannt – zusätzlichen Glanz zu verleihen, eröffnete der Berliner Galerist Johann König 2019 eine Galerie im Obergeschoss. Nun hat ein neues MCM Haus in Seoul eröffnet – und wieder ist die König Galerie mit dabei.

Sportliche Verwandlung
Die großen Modemarken mieten im lebendigen Gangnam-Viertel nicht einfach nur die Erdgeschosse bestehender Gebäude. Sie errichten ihre eigenen Bauwerke – als architektonische Visitenkarten in der Stadt. Auch MCM ließ sich diese Form der Markenbildung nicht nehmen und beauftragte das Shanghaier Architektur- und Designbüro Neri & Hu. Allerdings wurde hier nicht von Grund auf neu geplant. Stattdessen wurde ein bestehendes, fünfgeschossiges Bürogebäude mit angeschlossenem Parkhaus umgebaut und in ein neues Fassadenkleid gehüllt – und zwar in einem sportlichen Zeitrahmen von lediglich vier Monaten.

Licht und Schatten
Über einem mit Betonpaneelen verkleideten Sockel erhebt sich eine schimmernde Metallfassade. „Weil sie nach Norden ausgerichtet ist, haben wir uns für bronzefarbene Paneele entschieden, die so viel Tageslicht wie möglich reflektieren“, so Lyndon Neri und Rossana Hu. Den winzigen Fenstern sind puristische Erker vorgelagert, die sich teils in die Vertikale, teils in die Horizontale erweitern und damit eine genaue Lesbarkeit der Etagen vermeiden. Aufgrund dieser Unregelmäßigkeit wird der Höhensprung zwischen dem früheren Bürogebäude und dem Parkhaus nach außen kaschiert. Die Erkerfronten sind mit bronzefarbenen Metallnetzen bespannt, die die Plastizität der Fassade verstärken und für differenzierte Schattenwürfe sorgen.

Fließender Raum
Im Inneren der Boutique öffnet sich das Erdgeschoss mit großen Fenstern zur Straße sowie zu einem begrünten Innenhof. Der Raum weitet sich auf doppelte Höhe – dank eines rechteckigen Einschnitts im Boden des Obergeschosses. Diese Öffnung wird von einer hölzernen Brüstung umringt, deren Materialität von den Treppenstufen, der Kassentheke sowie großformatigen Plattformen zur Präsentation von Handtaschen und Rucksäcken aufgegriffen wird. Maßgefertigte Holzregale reihen sich entlang der grauen Betonwände. Freistehende Vitrinen werden von filigranen Metallfüßen über den ebenfalls aus Sichtbeton gegossenen Boden gehoben, als würden sie auf Stelzen inmitten eines stillen Gewässers balancieren.

Bronzene Lamellen
Das Treppenhaus wird von einer durchlässigen Wand aus geöffneten Bronzelamellen von den Verkaufsräumen getrennt. Die gleiche Struktur – diesmal sind die Lamellen jedoch seitlich verdreht – schirmt die Blicke auf die Rück- und Seitenwände des Treppenhauses ab. Runde Spiegel verleihen der Passage von einem Stockwerk zum anderen zusätzliche Weite. Zudem sorgen sie für unerwartete Reflexionen des Interieurs, der Produkte sowie der Kunden selbst. Im zweiten Obergeschoss wird ein VIP-Bereich hinter grauen Vorhängen verborgen. Auf einer erhöhten Holzebene werden Produkte aus limitierten Kollektionen in Szene gesetzt. Die Umkleidekabinen warten mit Wänden aus gewelltem und geripptem Beton auf, sämtliche Haken und Regale sind aus Bronze gearbeitet. Der Materialkontrast wird durch die Vorhänge verstärkt, die ebenso in der warmen Farbigkeit des Metalls gehalten sind.

Kollektiver Einstand 
In der fünften Etage des MCM Hauses hat die Galerie König Seoul eröffnet. Auch die darüberliegende Dachterrasse gehört dazu und dient als holzbeplankter Skulpturengarten mit Blick über die Stadt. Die Berliner Galerie ist in Südkorea keine Unbekannte und hat bereits mehrfach an den Messen Art Busan sowie der Korean International Art Fair (KIAF) in Seoul teilgenommen. Der neue, dauerhafte Standort wurde als klassischer White Cube gestaltet. Zur Eröffnung wird eine Gruppenausstellung von 20 Künstlern gezeigt, die von der Galerie vertreten werden – darunter Skulpturen von Tatiana Trouvé, Monica Bonvicini, Erwin Wurm, Gemälde von Katharina Grosse, Norbert Bisky, Conny Maier oder grafische Arbeiten von Camille Henrot. Die Eröffnungsausstellung ist noch bis zum 2. Mai zu sehen.

Facebook Twitter Pinterest LinkedIn Mail
Projektinfos
Projekt MCM Haus Seoul
Typologie Modeboutique, Galerie 
Adresse 412 Apgujeong-ro, Cheongdam-dong, Gangnam-gu, Seoul, Südkorea
Entwurf Lyndon Neri & Rossana Hu 
Verantwortliche Partner  Christine Chang, Wendy Tsai 
Designer Kevin Chim, Wu Dong, Jiameng Li, Sheila Lin
Partner Produktdesign Brian Lo 
Produktdesign Simin Qiu
Partner Grafikdesign Christine Neri
Grafikdesign Haiou Xin
Links

Projektarchitekten

Neri & Hu

www.neriandhu.com

König Galerie

www.koeniggalerie.com

Mehr Projekte

Von der Brot- zur Denkfabrik

Flexibler Co-Working-Space in Wien

Flexibler Co-Working-Space in Wien

Im rechten Licht

Sieben Beispiele der Verschattung in der Architektur

Sieben Beispiele der Verschattung in der Architektur

Multifunktionales Penthouse

Loft in München von allmannwappner

Loft in München von allmannwappner

Architekturatelier mit Galerie

Studio In D-Tale gestaltet Büro für einen Kunstliebhaber

Studio In D-Tale gestaltet Büro für einen Kunstliebhaber

Polychrome Praxis

12:43 Architekten gestalten Behandlungsräume in Le Corbusier-Farben

12:43 Architekten gestalten Behandlungsräume in Le Corbusier-Farben

Die Schaufenster-Agentur

Flexible Büroflächen in Stuttgart von Seebald

Flexible Büroflächen in Stuttgart von Seebald

Arbeiten im Kraftwerk

Studio Perspektiv verwandelt Industriedenkmal in Co-Working-Space

Studio Perspektiv verwandelt Industriedenkmal in Co-Working-Space

Marktplatz für gute Ideen

Kommunikativer Büroumbau von Saguez & Partners in Paris

Kommunikativer Büroumbau von Saguez & Partners in Paris

Zahn-Spa mit Grünzone

Naturnahe Praxisräume von i29 in Amsterdam

Naturnahe Praxisräume von i29 in Amsterdam

Ein Büro als Formwandler

Club-Galerie-Office von ŠA Atelier für die litauische Architekturstiftung

Club-Galerie-Office von ŠA Atelier für die litauische Architekturstiftung

Ätherische Höhle

Das Interior von Beyond Space beamt ein Büro in eine Unterwasserblase

Das Interior von Beyond Space beamt ein Büro in eine Unterwasserblase

Weinbar mit Whiteboard

Ein Stockholmer Büro mit Tresen von Note Design Studio

Ein Stockholmer Büro mit Tresen von Note Design Studio

Arbeiten im Minka-Haus

DDAA macht ein japanisches Wohngebäude zum Büro

DDAA macht ein japanisches Wohngebäude zum Büro

Mehr Platz für Kreativität

Büroerweiterung in Berlin von Kemmler Kemmler

Büroerweiterung in Berlin von Kemmler Kemmler

Die Büro-WG

Office mit Retailfläche in Madrid von Plutarco

Office mit Retailfläche in Madrid von Plutarco

Monochrom und multifunktional

Isern Serra renoviert ein Kreativstudio in Barcelona

Isern Serra renoviert ein Kreativstudio in Barcelona

Hygge auf Tasmanisch

Ein hölzernes Büronest von Cumulus Studio

Ein hölzernes Büronest von Cumulus Studio

Zuhause im Architekturbüro

Wohnliches Office in Sydney von Alexander &CO.

Wohnliches Office in Sydney von Alexander &CO.

Naturnah arbeiten

Nachhaltiger Büroneubau von haascookzemmrich STUDIO2050

Nachhaltiger Büroneubau von haascookzemmrich STUDIO2050

Alter Bestand, neue Arbeitswelt

De Winder Architekten bauen Hamburger Verlagshaus aus

De Winder Architekten bauen Hamburger Verlagshaus aus

Ein Ort für die Magie des Zufalls

Co-Working im Londoner Design District

Co-Working im Londoner Design District

Herz aus Beton

Philipp von Matt gestaltet ein Künstlerhaus in Berlin

Philipp von Matt gestaltet ein Künstlerhaus in Berlin

Über den Dächern Berlins

Büroausbau für eine agile Arbeitsumgebung von buerohauser

Büroausbau für eine agile Arbeitsumgebung von buerohauser

Eidgenossen in Chicago

Das Schweizer Konsulat von HHF und Kwong Von Glinow

Das Schweizer Konsulat von HHF und Kwong Von Glinow

Schillerndes Vorzeigebüro

Co-Working-Space von Ivy Studio in Montreal

Co-Working-Space von Ivy Studio in Montreal

Makeover à la Marcelis

Umgestaltung eines Forschungszentrums in Rotterdam mit USM-Möbeln

Umgestaltung eines Forschungszentrums in Rotterdam mit USM-Möbeln

Luft nach oben

Umbau einer Lagerhalle in Buenos Aires zur Bürolobby

Umbau einer Lagerhalle in Buenos Aires zur Bürolobby

Kompakt und kontemplativ

Apartment von Francesc Rifé Studio in Barcelona

Apartment von Francesc Rifé Studio in Barcelona

Wohnen mit System

Sanierung des modularen Wohnhauses von Fritz Haller

Sanierung des modularen Wohnhauses von Fritz Haller

Red Room in Valencia

Moderne Zahnklinik Impress von Raul Sanchez

Moderne Zahnklinik Impress von Raul Sanchez