Warschauer Retrofuturimus
Apartment mit markantem Raumteiler von Mistovia Studio
Weg mit den Wänden! Der Innenarchitekt Marcin Czopek von Mistovia Studio sorgte in seinem Warschauer Projekt Port Praski für mehr Weite und Offenheit. In den großzügigen Räumen des Apartments trifft nun roher Beton auf ein eklektisches Interieur.
Direkt an der Weichsel liegt das Warschauer Neubaugebiet Port Praski. Auf dem ehemaligen Hafenareal entstand in den vergangenen Jahren ein ganz neues Stadtviertel. Es zeichnet sich durch grüne Plätze und Straßen zwischen modernen Wohn- und Bürobauten aus. Als Vorbild diente die Hamburger HafenCity. In dieser Nachbarschaft baute das Designstudio Mistovia für einen Anwalt ein 75-Quadratmeter-Apartment aus, in dem üppige Materialvielfalt und industrieller Minimalismus keinen Widerspruch darstellen.
Weniger Wände
Marcin Czopek vom Mistovia übernahm die Planung direkt nach dem Kauf der Wohnung. „Eigentlich sah der Grundriss mehrere kleine Zimmer vor“, sagt der Innenarchitekt. „Doch weil der Bauherr zuvor in einem Einfamilienhaus gelebt hatte, wünschte er sich mehr Weite und Großzügigkeit.“ Nachdem er die meisten Wände entfernen ließ, entstand ein großer Wohnraum mit offener Küche. Lediglich eine breite Stahlbetonstütze musste aus statischen Gründen bleiben. Frei nach dem Motto „If you can’t hide it, highlight it“ machte sie Marcin Czopek zum Blickfang. Er ließ erst den Putz entfernen, um die Säule dann mit perforierten Glaskeramiksteinen zu ergänzen und in einen Raumteiler zu verwandeln. Ein Gemälde des polnischen Künstlers Zbigniew Olszyna auf rauem Beton über einem Sideboard aus Holz auf der einen Seite sowie ein Metallregal auf der anderen Seite heben sie zusätzlich hervor.
Reduzierte Kulisse
Überhaupt geben erst die entkleideten Decken und Wände sowie der Boden aus Mikrozement den vielen unterschiedlichen Materialien und Oberflächen eine Bühne. Was heute mühelos und wie der Urzustand der Wohnung wirkt, ist paradoxerweise das Ergebnis großen handwerklichen Könnens. „Den Putz zu entfernen, war eine interessante Herausforderung, die viel technisches Know-how der Handwerker voraussetzte“, erklärt Marcin Czopek. „Aber das Ergebnis war es wert. Denn unter anderem kam eine einzigartige Decke mit Spuren des Baus darunter hervor.“
Durchdachte Details
Nach dem Entblättern konnte Marcin Czopek die Wohnung mit einer Materialvielfalt füllen, die auch seine anderen Projekte auszeichnet. Eigentlich stellte sich der Bauherr ein industrielles Setting aus Beton und Grautönen vor. Doch mithilfe von Materialmustern konnte ihn der Innenarchitekt von mehr und mehr Farben überzeugen. Als Kontrast zu den kühlen Betonwänden dienen zum Beispiel Wandverkleidungen aus auffälligem Wurzelholzfurnier. Abgerundete Formen bestimmen Einbauten, Türbögen und Möbelstücke. Sie erinnern an die Sechzigerjahre und geben der Wohnung zusammen mit Möbeln aus unterschiedlichen Epochen einen subtilen Retrocharme. Die ovale Kücheninsel, eine Maßanfertigung mit Edelstahlfronten und Arbeitsplatte aus blauem Quarzit, ruht auf Beinen im Stil von Eero Saarinens Tulip-Serie. Dazu passt ein chromfarbener Drahthocker.
Freude an Vielfalt
Die Begeisterung für unterschiedliche Oberflächen ist Marcin Czopeks Gestaltungskonzept anzumerken. So kommen verschiedene skulptural anmutende Eyecatcher-Lichtschalter in seinem Projekt Port Praski zum Einsatz. Furchtlos lässt er auf engem Raum ausdrucksstarke Materialien nebeneinander auftreten, zum Beispiel in den Bädern. Während im Gästebad kleinteilige Fliesen in Pudertönen vorherrschen, prägen großflächige Wandverkleidungen in Terrakotta-Farbtönen aus Rosso-Francia-Marmor hinter der frei stehenden Badewanne und neben einem Heizkörper im Industriestil das Master-Bad. Ruhiger geht es im Schlafzimmer zu. Es ist der einzige Raum, in dem der Putz an den Wänden blieb. Dort schaffen Einbauten aus Holz ein harmonisches Erscheinungsbild. Perspektivisch lässt sich der Grundriss anpassen und ein zusätzlicher Raum abteilen.
Für Marcin Czopek verbindet das Projekt „Pragmatismus mit ungehemmtem künstlerischem Ausdruck“. Die Referenzen an vergangene Zeiten schaffen einen Wiedererkennungswert, der die Räume wohnlich wirken lässt – gerade im Kontrast zur industriellen Hülle.
FOTOGRAFIE ONI Studio ONI Studio
| Architektur | Mistovia Studio |
| Ort | Warschau, Polen |
| Projektname | Port Praski |
| Fläche | 75 Quadratmeter |
| Fertigstellung | 2025 |
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