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Bloß nicht anecken

2000-2020: Die neue Zeitlosigkeit im Möbeldesign

Vielen neuen Möbeln sieht man nicht an, ob sie von heute sind oder schon seit Jahrzehnten existieren. Sie suggerieren eine Zeit ohne Zeit. Doch wieviel Sicherheit verträgt das Design?

von Norman Kietzmann, 05.10.2020

In den vergangenen zwei Dekaden hat sich das Wohnen neu erfunden. Im Jahr 2000 standen die Zeichen ganz auf Retro-Futurismus. Die Möbel wandelten auf den Spuren des Space Age Designs, das von Fortschrittsglauben und Optimismus erfüllt war, die sich auch zum Anbruch des neuen Jahrtausends richtig anfühlten. Wie bei den Vorbildern aus den Raumschiff-verrückten Sechziger- und Siebzigerjahren standen Kunststoff und poppige Farben im Mittelpunkt. Das Design in den Wohnungen und Büroräumen der New Economy sollte Spaß machen. Es besaß etwas Verspieltes und Ephemeres. Es feierte den Moment, nicht die Ewigkeit. 

Seitdem hat sich viel verändert. Der Neue Markt und die noch junge Digitalwirtschaft wurden durch den 2000er Börsencrash auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Geschehnisse wie der 11. September 2001 und die Finanzkrise 2008 verstärkten die Hinwendung zur Vernunft. Parallel ist das Bewusstsein für Ökologie und Nachhaltigkeit gestiegen und spätestens seit der Fridays-for-Future-Bewegung 2018 zum Allgemeingut geworden: Nicht nur im Denken, sondern auch in den Kaufentscheidungen. 

Ruhige Alleskönner
Die Möbelfirmen wissen, dass sie die Kunden nur dann erreichen, wenn ihre Produkte zwei, drei oder mehr Dekaden Bestand haben können. Und so sind die poppigen Formen der frühen 2000er-Jahre Stück für Stück einer neuen Gestaltung gewichen, die sich vom Verdacht des Vergänglichen befreien will. Will heißen: Klare Formen, die sich an den Archetypen ihrer jeweiligen Typologie bedienen und so das Momenthafte hinter sich lassen. Sie kaschieren ihren zeitlichen Ursprung. Indem sie den Eindruck erwecken, bereits  seit mehreren Dekaden zu existieren, schaffen sie Vertrauen. 

Wurden Wohninterieurs in den Sechzigerjahren noch aus einem Guss geplant, zählt heute der Patchwork-Gedanke. Neue Möbel und Objekte sollen nicht als Fremdkörper wahrgenommen werden. Als stilistische Chamäleons sollen sie sich stattdessen in jede Umgebung einfügen. Auch darin liegt ein Argument, die neuen Dinge in ihrer Formensprache weder anecken noch auftrumpfen zu lassen. Sie nehmen sich in ihrem Gestus zurück und sind daher mit Antiquitäten, Erbstücken und Flohmarkt-Funden kompatibel. 

Materialien für die Ewigkeit
Um die Haltbarkeit der Möbel zu optimieren, wird heute die gesamte Materialität auf den Prüfstand gestellt. Hatten frühere Generationenen kein Problem mit laminierten Oberflächen, so stehen die Zeichen nun auf Authentizität. Natürliche Materialien wie Massivholz oder Leder sind besonders gefragt, weil sie würdevoll altern und eine charmante Patina annehmen können. In unruhigen wie wechselhaften Zeiten soll der Alltag mit handfesten Werten geerdet werden. Auch ist mit zunehmender Digitalisierung das Bedürfnis nach sinnlichen Materialien und haptischen Texturen gestiegen. Kunststoffe sind klar auf dem Rückzug. Und wenn es sie noch gibt, dann in Form von Biokompositen oder auf Basis recycelter Ausgangsstoffe. 

Marmor und andere Natursteine werden längst nicht nur für Küchenarbeitsplatten verwendet, sondern sind aus dem Möbelbau der letzten zehn Jahre kaum noch wegzudenken. Einige Hersteller verwenden das schwergewichtige Material für Tischplatten, andere fertigen massive Gegenstände daraus, die nicht nur mit einem enormen Gewicht aufwarten. Sie punkten zugleich mit einer biblischen Lebensdauer, die mehrere Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende betragen kann. Ein stärkeres Zeichen gegen die Wegwerfkultur kann man kaum setzen.

Rückgriff ins 20. Jahrhundert
Das zeitlose Design steht dennoch vor einem Problem: Es muss etwas Neues produzieren, will es aber nicht danach aussehen lassen. Natürlich kann das Rad nicht jeden Tag neu erfunden werden. Anders als in der Mode, wo die wechselnden Jahreszeiten eine beständige Rotation der Kollektionen bewirken, bleiben die erfolgreichen Produkte im Möbeldesign über Dekaden am Markt. Und immer häufiger wird Entwürfen, die seit sechzig oder siebzig Jahren in den Archiven schlummern, als Reeditionen neues Leben eingehaucht. So geben sie den Kunden die vermeintliche Sicherheit, einen designgeschichtlich relevanten Entwurf zu erwerben und keine Eintagsfliege. 

Doch die neuen Entwürfe müssen neben den Klassikern und Neuauflagen bestehen können. Bei aktuellen Möbeln und Interieurs sind verstärkt Anklänge an die Fünfzigerjahre-Moderne, an das Bauhaus sowie an das Art déco zu sehen. Die historischen Vorbilder werden jedoch nicht wortwörtlich übernommen, sondern mit veränderten Proportionen und einer neuen Farbpalette aufgefrischt. Auch diese Hybride aus gestern und heute entziehen sich weitgehend der zeitlichen Zuordnung. Ihre Strategie gleicht dem Tragen einer Tarnkappe: Sie sind zwar präsent, scheuen jedoch eine klare Erkennbarkeit. 

Aufbruch ins 21. Jahrhundert
Mit Zeitlosigkeit zu kokettieren und gleichzeitig Sichtbarkeit zu erzeugen, klingt wie ein unauflösbarer Widerspruch: Vor allem, wenn viele Designer und Hersteller dieselbe Strategie verfolgen. Gewiss ist es gut, dass das Möbeldesign mit einem langfristigen Blick nach vorne Verantwortung zeigt. Doch dauerhaft kann es zeitloses Design nicht geben. Die große Party der Jahrtausendwende mag vorüber sein. Doch es braucht auch weiterhin einen Funken, der auf den Nutzer überspringt. Und dieser Funken – man kann auch von der Seele der Dinge sprechen – wird im Hier und Jetzt entfacht: Durch eine Vision, die bis in die Zukunft hinausreicht.

Dieser Artikel ist Teil des Dossiers: 2000-2020: 20 Jahre Interior & Design

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