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Hyper, Hyper

Der Concorso d’Eleganza rehabilitiert die Autos der Neunzigerjahre

Auf der Jagd nach automobiler Schönheit: Der Concorso d’Eleganza ist nach der Corona-Pause wieder zurück. Vor der Kulisse des Grandhotels Villa d’Este am Comer See sind die elegantesten Fahrzeuge der Welt gezeigt worden. Auch wenn die goldenen Fünfziger- bis Siebzigerjahre dominieren, haben es gleich sieben Flitzer aus den ästhetisch fragwürdigen Neunzigern in den Wettbewerb geschafft.

von Norman Kietzmann, 06.10.2021

Nicht alle Juwelen lassen sich am Finger tragen. Einige können auch gefahren werden. Die schönsten, seltensten und charmantesten von ihnen werden beim Concorso d’Eleganza prämiert. Das älteste Oldtimer-Treffen der Welt findet seit 1929 auf der Terrasse und in den Gärten des Grandhotels Villa d’Este am Comer See statt. 2020 hatte der Wettbewerb Pandemie-bedingt pausieren müssen. In diesem Jahr ist der sonst übliche Maitermin auf das erste Oktoberwochenende verschoben worden. Sorgenfalten bereitete den Sammler*innen dabei weniger das Wetter, sondern eher die Kastanienbäume voller Früchte. Wer will sich schon eine Karosserie verbeulen lassen, die in einer zweistelligen Millionen-Liga rangiert?


Rasen mit Clark Gable
Alter spielt bei diesem Wettbewerb eine Rolle – aber mit anderer Bewertung als im echten Leben: Hier wird jedes zusätzliche Jahr als gesteigerte Attraktivität interpretiert. Noch immer ziehen die Wagen aus den Vorkriegsjahren die Blicke auf sich – allein schon wegen ihrer eindrucksvollen Größe und Skulpturalität. Für einen besonders starken Ausschlag auf dem Eleganz-Barometer sorgte ein schwarzer Delage D8-120 S aus dem Jahr 1938 – ein Cabriolet mit fließenden, tropfenförmigen Radverkleidungen und einer auffallend flachen Windschutzscheibe. Auch ein 1937er Lagonda LG45 Rapide war zu sehen, der einst Clark Gable gehörte. Der extrem schnittige Wagen erhielt seinerzeit die Zulassung als schnellstes Straßenfahrzeug der Welt und vermochte die Grenze von 100 Meilen pro Stunde (circa 160 km/h) locker hinter sich zu lassen.

Galanter Größentransfer
Auch wenn ein grau-blauer Lancia Dilambda aus dem Jahr 1930 den Publikumspreis Coppa d’Oro gewann, lag ein anderes Modell in der Gunst der Gäste fast gleich auf: ein Isotta Fraschini 8C Monterosa mit strahlend hellblauer Karosserie. Derselbe Wagen hatte bereits 1949 am Concorso d’Eleganza teilgenommen und kehrte nun mit originalgetreu restauriertem Exterieur und Interieur an den Schauplatz des Wettbewerbs zurück. Dass Größe nicht alles ist, zeigt der Fiat 500 Abarth aus dem Jahr 1957 mit einer Karosserie von Pininfarina. Die Turiner Designer*innen hatten mehrere Details großer Ferrari-Modelle – darunter die organisch wirkenden Abdeckung der Frontscheinwerfer oder das Layout des Armaturenbretts – auf den nur 3,3 Meter langen Zweisitzer transferiert.

Tiefes Schwarz
Von vollendeter Schönheit: der 1961er Ferrari 400 Superamerica, von dem nur 35 Exemplare gebaut worden sind. Die auf dem Gelände der Villa D’Este am Comer See gezeigte Ausführung ist die einzige mit einer Karosserie aus Aluminium. Der in edlem Tropical Black lackierte Wagen ist mit einem 340 PS starken Vier-Liter-V8-Motor ausgestattet. Mit dem Ferrari 250 GT TDF wurde zum siebten Mal in Folge ein italienisches Fahrzeug mit der begehrten Trophäe Best of Show gekürt. Nur zwei Exemplare sind 1956 in Serie gebaut worden. Mit dem hier gezeigten hatte der Eigentümer noch am Tag der Erstzulassung beim Langstrecken-Autorennen Mille Miglia in Italien teilgenommen.

Das dreckige (halbe) Dutzend
Auch wenn der Fokus des Concorso d’Eleganza noch immer auf den Fünfziger- bis Siebzigerjahren liegt: Nachdem vor vier, fünf Jahren die ersten Achtziger-Modelle den strengen Auswahlprozess des Wettbewerbs bestanden haben, schlug nun die Stunde der Neunziger. Eine Zeit, die gefühlt noch viel zu nah liegt, um sie mit Klassiker-Status zu assoziieren. Und obendrein ist sie auch noch mit allerhand ästhetischen Scheußlichkeiten verbunden, die seinerzeit auf die Straßen losgelassen wurden. Doch die Zeit heilt bekanntlich alle Wunden und so überrascht auch der erneute Blick auf sieben Hypercars, die in Motorleistung und Karosseriebau alles in den Schatten gestellt haben, was in den Neunzigern in den regulären Handel, geschweige denn auf die Straße, kam.

300 km/h aufwärts
Da wäre der Isdera Commendatore 112i aus dem Jahr 1993. Die nur 1,04 Meter hohe Karosserie ist vom deutschen Konstrukteur Eberhard Schulz entwickelt und dank hoher Aerodynamik für die Rennstrecke optimiert worden. Der 1995er McLaren F1 war das erste in Serie gefertigte Fahrzeug mit einer Monocoque-Karosserie aus Karbon. Der Fahrer sitzt in der Mitte, während die beiden Beifahrersitze seitlich versetzt dahinter angeordnet sind. Aus heutiger Sicht eher manieriert wirken die Formen des Mercedes-Benz CLK GTR: ein 1996 bei AMG entwickelter Rennwagen, der sich optisch an dem Serien-Coupé CLK orientierte und mit wulstigen Spoilern und Verkleidungen aufwartet. Es ist das erste Mal, dass dieses Fahrzeug in der Öffentlichkeit präsentiert wurde.

Heute und morgen
Die Gegenwart durfte auch am Comer See nicht fehlen. Rolls-Royce stellte das viersitzige Cabriolet Boat Tail vor. Der Name der Einzelanfertigung verweist auf das fließend abfallende Heck, das nicht nur formal Assoziationen an das Deck einer Riva-Yacht erweckt, sondern auch durch seine Materialität aus Edelholz. Per Knopfdruck öffnen sich die Klappen der Heckoberfläche und halten alles parat, was es für ein elegantes Picknick braucht: gekühlte Getränke, die passenden Gläser und edles Besteck, einen Sonnenschirm und zwei Hocker aus karbonfaserverstärktem Kunststoff.

Einen Ausblick in die Zukunft gewährte das Konzept-Fahrzeug BMW i Vision Circular. „Beim Thema Elektrifizierung sind wir schon weit gekommen. Doch die nächste Stufe wird sein, die Fahrzeuge nach den Prinzipien der Kreislaufwirtschaft zu gestalten“, sagt Adrian van Hooydonk, Leiter BMW Group Design. Auch ohne an Gesetzvorgaben denken zu müssen, konnten die Gestalter*innen das Fahrzeug von Grund auf neu denken. „Teile wegzulassen, ist natürlich ein wichtiger Schritt. Nichts zu kleben. Oder die Karosserie aus recyceltem Aluminium zu bauen, wofür wir aber noch die ganze Lieferantenkette umbauen müssen“, so Adrian van Hooydonk.

Pop-Künstler am See
Am letzten Tag des Concorso d’Eleganza nahm der Designchef des Münchner Autobauers an einem Designtalk mit Jeff Koons teil. Der US-Künstler war per Helikopter aus Florenz eingeflogen, wo er im Palazzo Strozzi die Soloausstellung Shine eröffnet hatte. Am Comer See hat er eine von ihm gestaltete Sonderedition des BMW 8er Gran Coupé vorgestellt. Der Wagen wurde inmitten einer weißen Box gezeigt, Handys und Kameras mussten vor dem Betreten abgegeben werden. Ein zu unterschreibender Vertrag untersagt die Weitergabe sämtlicher Details bis zur offiziellen Premiere im Februar 2022. Mehr dazu im nächsten Jahr.

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Links

Concorso d'Eleganza Villa d'Este

www.concorsodeleganzavilladeste.com

Concorso d'Eleganza 2019

Elvis bis Karajan

www.baunetz-id.de

Concorso d'Eleganza 2017

Auf Linie gebracht

www.baunetz-id.de

Concorso d'Eleganza 2016

Spoileralarm am Comer See

www.baunetz-id.de

Concorso d'Eleganza 2016

Disko am Lago

www.baunetz-id.de

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