Licht als Plattform
Light + Building 2026: Vom Leuchtenprodukt zur vernetzten Infrastruktur in der Architektur
Die Light + Building 2026 zeigt einen klaren Wandel: Licht entwickelt sich vom Produkt zur vernetzten Gebäudeplattform. Für Architekt*innen und Interior Designer*innen eröffnet das neue Möglichkeiten in Planung, Gestaltung und Energieeffizienz – und verschiebt die Rolle von Beleuchtung grundlegend.
Die Transformation der Branche gewinnt an Tempo. Was sich vor zwei Jahren bereits andeutete – das Fehlen prägender Designmarken (Flos, Grau oder Ingo Maurer) im Bereich der dekorativen Beleuchtung – setzte sich 2026 fort: Weitere Namen, darunter Artemide, Midgard, Sammode verzichteten aus unterschiedlichen Gründen auf eine Messepräsenz. Und dennoch fiel die Bewertung der Veranstalter positiv aus: insgesamt 1.927 Ausstellende und 144.767 Besuchende – trotz aktueller, geopolitischer Lage im Nahen Osten.
Mit dem Motto „Be Electrified – Electrifying Places. Illuminating Spaces.“ unterstreicht die Light + Building 2026 deutlich: Die Grenzen zwischen Licht- und Gebäudetechnik verschwimmen. Im Fokus stehen vernetzte Systeme, intelligente Infrastruktur und nachhaltige Lösungen.
Vom Leuchtenprodukt zur vernetzten Lichtplattform
Die entscheidenden Entwicklungen zeigen sich weniger bei einzelnen Leuchten, als in systemischen Gesamtlösungen. Licht wird als Teil einer vernetzten, datenbasierten Gebäudeplattform verstanden. Sensorik, KI-gestützte Steuerungen und kommunikationsfähige Leuchten ermöglichen eine präzise, bedarfsgerechte Lichtverteilung, angepasst an Anwesenheit, Tageslicht und Nutzungsszenarien.
In sämtlichen Anwendungsfeldern – von privaten Wohnräumen über das Objekt bis hin zu Industrie und urbaner Infrastruktur – stehen skalierbare und kommunikationsfähige Lösungen im Mittelpunkt. Damit verschiebt sich die Rolle der Beleuchtung: vom Objekt hin zur infrastrukturellen Ebene, die Atmosphäre, Funktion und Energieeffizienz verbindet.
Licht als Planungsinstrument in Architektur und Interior Design
Gerade in Büro- und Bildungsbauten kann Beleuchtung räumliche und organisatorische Funktionen übernehmen. Sie strukturiert Arbeitsbereiche, reagiert dynamisch auf Nutzung und optimiert gleichzeitig Energieverbrauch und visuelle Qualitäten. Ein Beispiel ist die Stehleuchte Skena von Zumtobel, entwickelt mit BAID Architekten: indirektes, blendfreies Licht, kombiniert mit Präsenz- und Tageslichtsensorik sowie Schwarmfunktion. Sie steht dadurch genau dort zur Verfügung, wo es benötigt wird – während ungenutzte Bereiche automatisch gedimmt bleiben.
Anwendungsbezogene Lichtlösungen statt Standardprodukte
Mit der aktuellen Lichtbandlösung E-Line Pro unterstreicht Trilux den Trend zu hochgradig spezialisierten Lichtsystemen. Die Leuchte erreicht Wirkungsgrade von bis zu 200 lm/W und kombiniert Effizienz mit hohem Sehkomfort. Mit 22 anwendungsspezifischen Lichtverteilungen bietet das System für jede Situation in Industrie, Retail oder Office passende Lösungen. Ergänzt wird das System durch Tunable White Varianten für Human Centric Lighting (HCL). E-Line-Leuchteneinsätze lassen sich werkzeuglos gegen die neueste Generation tauschen.
Neue Einfachheit: Komplexität im System, Klarheit im Produkt
Während die technologische Komplexität wächst, verschiebt sie sich zunehmend in digitale Infrastrukturen, Cloud-Plattformen und IoT-Systeme. Steuerung, Konfiguration und Wartung werden remote durchgeführt. Sichtbare Produkte, Module und Interfaces hingegen werden minimalistischer, modularer und stärker in architektonische Konzepte integriert.
So nutzt die neue Türkommunikation IP von Gira eine IP-basierte Infrastruktur und kommuniziert über bestehende Netzwerkstrukturen. Systeme lassen sich einfacher integrieren und flexibel erweitern. Ähnlich bei Siedle. Die Plattform Siedle IQ kombiniert eine Cloud- und IoT-basierte Architektur mit modularen Video-Tür- und Innenstationen während die Hardware aus der Feder von Industriedesigner Eric Degenhardt bewusst minimalistisch bleibt.
Neue Gestaltungsfreiheit durch integrierte Gebäudetechnik
Die fortschreitende Systemintegration eröffnet neue Gestaltungsqualitäten und -spielräume. Hersteller Jung erweitert sein Produktportfolio um den Magnetic Charger im klassischen Jung-Schalterdesign, integrierte Lademöglichkeit für mobile Geräte.
Elektroausstattung kann sich als integraler Bestandteil von Architektur, Interior Design und Planung verstehen – auch über einzelne Gewerke hinweg. Mit der Kooperation Dornbracht x Jung bündeln beide Marken ihre Material- und Fertigungskompetenz und bieten erstmals eine einheitliche Oberfläche für Armaturen und Schalter an. Erste Anwendung ist ein gebürstetes Echtmetall in Bronzefarbton, das die Schalterprogramme von Jung und die Armaturen von Dornbracht visuell und haptisch verbindet.
Mit einer neuen haptischen Dynamik setzte auch der Designnachwuchs Akzente: Bei dem Konzept Diff:o von Julia Huhnholz und Luke Frommann stehen analoge Lichtinteraktionen im Mittelpunkt. Die Pendelleuchte bietet zwei Lichtcharaktere – einen direkten Spot und ein weiches, diffuses Licht. Durch einfaches Ziehen am textilen Diffusor verschiebt sich die Lichtquelle innerhalb der Leuchte und verändert Richtung und Qualität des Lichts.
Materialeffizienz und Kreislaufwirtschaft in der Lichttechnik
Einen weiteren Gestaltungsspielraum liefert die technologische Präzision, durch die besonders kompakte, hochfunktionale und materialeffiziente Bauformen möglich werden.
Der flächenbündige Sensor VISO 28 von Georg Bechter Licht steht exemplarisch dafür: Er kombiniert Bewegungs- und Tageslichterfassung für eine präzise Lichtsteuerung und erlaubt eine lichtschwellengesteuerte Regelung von Jalousien.
Solche Lösungen mit minimalen Gehäusen senken den Ressourcenverbrauch und vereinfachen Installation und Wartung. Überhaupt, so zeigte die Messe in Frankfurt, nimmt das Thema Nachhaltigkeit deutlich Fahrt auf. Hersteller setzen verstärkt auf modulare Konstruktionen, werkzeuglose Zerlegbarkeit und langfristig austauschbare Komponenten.
Mit seinem neuen Remanufacturing Service stellt Zumtobel die Weichen für zirkuläre Beleuchtungslösungen. Der standardisierte Service verlängert die Lebensdauer ausgewählter Leuchtsysteme und kombiniert Wiederverwendung mit technologischer Modernisierung. Ähnlich bei Georg Bechter Licht: Die minimale Leuchtenkollektion System Dot 28 wurde gerade mit C2C in Gold zertifiziert.
Human Centric Lighting (HCL) als planerische Realität
Mit wachsendem Wissen über die Wirkung des Lichts auf Gesundheit, Wahrnehmung und Atmosphäre wird Beleuchtung zum strategischen Element der Innenarchitektur.
Gerade in verdichteten Wohn- und Arbeitswelten könnten moderne Lichtsysteme künftig unterschiedliche Szenarien – Arbeiten, Wohnen, Entspannen – flexibel unterstützen.
Entscheidend wird dabei ihre Vernetzbarkeit: Konnektivität ermöglicht adaptive Räume, die auf Nutzung reagieren und ohne bauliche Eingriffe umprogrammiert werden können.
Lichtwissen zugänglich machen
Während Lichttechnik zunehmend komplexer wird, stellt sich die Frage nach der Zugänglichkeit des Wissens dazu. Der Londoner Lichtdesigner Moritz Waldemeyer, den wir auf der Light + Building trafen, formuliert klar: „Wir wissen heute mehr denn je, wie entscheidend Licht für das Wohlbefinden ist – gerade in Innenräumen. Doch nicht jeder kann sich Lichtdesigner oder Installateure leisten. Deshalb sollte die Lichtindustrie ihr Wissen viel stärker verfügbar machen – über offene Ressourcen und Lernplattformen, online wie offline. So könnten Menschen lernen, mit einfachen Mitteln Licht bewusster, sinnvoller und ästhetischer einzusetzen.“
Die Light + Building 2026 zeigte eine Branche im Wandel. Zwischen Kreislaufwirtschaft, Cloud-Architekturen und präziser Lichttechnik entsteht so ein neues Verständnis von Beleuchtung: Licht wird zur adaptiven Infrastruktur, die Räume organisiert, Energie intelligent nutzt und atmosphärische Qualität schafft.
Für Innenarchitekt*innen eröffnet diese Entwicklung neue Gestaltungsspielräume. Doch woher kommt künftig die Energie für die allumfassende Plattform Licht? Moritz Waldemeyer: „Solarenergie ist eine der elegantesten Formen der Energiegewinnung, die wir haben – sie verbindet Physik, Ingenieurskunst und Infrastruktur. Jetzt geht es darum, sie intelligent und in großem Maßstab zu nutzen.“
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