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Meister Lampe vom anderen Stern

von Norman Kietzmann, 26.10.2012


Er hat Wolken aus Licht gebaut, Leuchten in rotierende Sonnen verwandelt und die blanke Glühlampe salonfähig gemacht. Gino Sarfatti war nicht nur der einflussreichste Lichtdesigner Italiens, sondern ebenso ein talentierter Unternehmer. Der Begründer des Leuchtenherstellers Arteluce hat Archetypen heutiger Leuchten bereits in den dreißiger bis siebziger Jahren vorausgedacht, die Generationen anderer Gestalter beeinflusst haben. Anlässlich seines 100. Geburtstags widmet die Mailänder Triennale dem 1985 verstorbenen Sarfatti seine erste umfassende Retrospektive.



Es begann mit einer Vase. Keiner schönen zugegebenermaßen. Aber immerhin, sie kam aus Murano – nur wenige Kilometer vom Geburtshaus Gino Sarfattis entfernt. Ein Freund seiner Mutter fragte ihn, ob er aus dem hässlichen Ding eine Leuchte bauen könne. Also zupfte er die Lampe aus der Kaffeemaschine seiner Mutter heraus und platzierte sie inmitten der gläsernen Vase: „Ich erhielt ein Licht, das passend zum Schreiben und gleichzeitig zum Erhellen des gesamten Raumes geeignet war“, begeisterte sich Gino Sarfatti für seinen ersten „Leuchtenentwurf“.
 
Designer und Unternehmer

Die Geschichte ereignete sich Mitte der dreißiger Jahre. Der junge Luftfahrtingenieur musste wenige Monate zuvor sein Studium abbrechen, weil sein Vater – ein einflussreicher, venezianischer Reeder – durch das Schiffsembargo des Völkerbundes seine Geschäftsgrundlage und bald darauf sein gesamtes Vermögen verlor. Die Familie zog von Venedig nach Mailand, wo Gino Sarfatti 1937 eine kleine Werkstatt für Leuchten eröffnete. Ihr Name „Illuminazione razionale“ (rationale Beleuchtung) war durchaus Programm, wollte er doch einen Schlussstrich unter die historisierenden Leuchtenungetümer setzen, die seinerzeit die italienischen Wohnzimmer fest im Griff hatten.

Auch wenn die Familie selbst kaum Geld besaß, waren ihre Verbindungen in die einflussreichen Zirkel von Mailand noch immer intakt. Vor allem seine Mutter erwies sich als engagierte Botschafterin für die Leuchten ihres Sohnes und konnte eine Reihe von Investoren ausfindig machen. Mit ihren Mitteln gründete Sarfatti zusammen mit dem Architekten Maurizio Temestini im Februar 1939 das Unternehmen Arteluce. Er selbst wurde nicht nur zum Kreativchef berufen, sondern hielt als Generaldirektor ebenso die unternehmerischen Zügel in seiner Hand.

Rotierende Sonnen


„Sarfatti war keiner dieser „Meister“, die erst dachten, dann zeichneten und im Anschluss nach jemandem Ausschau hielten, der ihre Vision realisieren könnte. All diese Schritte passierten zur selben Zeit bei ihm“, erklärt Silvana Annicchiarico, Direktorin des Triennale Design Museums. Dass sich das Unternehmen rasant entwickelte, verdankte es nicht nur dem Umstand, dass Architekten wie Franco Albini, Lucio Fontana und Albe und Lica Steiner Sarfattis Entwürfe orderten. Sie brachten im überaus wortwörtlichen Sinne Bewegung in die Welt der Beleuchtung.

„Zu beleuchten bedeutet für mich, das Licht dorthin zu bringen, wo wir uns befinden könnten“, machte Sarfatti deutlich. Diese wohl gewählten Worte klangen wie ein Manifest für seine gesamte Arbeit. Denn Leuchten waren für ihn keine statischen Objekte, die man lediglich an- und ausschalten konnte. Sie waren auf ungewohnte Weise mobil. Leuchtenschirme ließen sich stets über Kugelgelenke und Scharniere verdrehen und auch die Lichtquellen saßen nur selten in der Mitte. Ausbalanciert von teleskopartigen Armen, vermochten sie wie kleine Sonnen um ihren Fuß zu rotieren oder wurden zu kleinen Sternenhimmeln an der Decke gruppiert.

Ideengeber einer gesamten Generation

Die Sputnik-Leuchten der fünfziger Jahre nahm Sarfatti bereits 1940 mit der Serie Mod. 2003 vorweg. Statt Namen trugen die Leuchten ausschließlich Modellnummern, die ab 100 aufwärts Wandleuchten, ab 500 aufwärts Schreibtischleuchten, ab 1000 aufwärts Stehleuchten, ab 2000 aufwärts Pendelleuchten und ab 3000 aufwärts Deckenleuchten kennzeichneten. Sarfatti scheute auch nicht davor zurück, die Glühlampe offen sichtbar zu lassen und damit direktes Licht in den Wohnraum zu bringen. Seine Leuchte Mod. 518 (1940) ist der gedankliche Vorläufer für Achille Castiglionis berühmter Lampadina (1972) für Flos sowie neuere Entwürfe wie die 2011 vorgestellte Tischleuchte Mr. Light von Javier Mariscal für Nemo.

Mehr als 600 Leuchten hat Gino Sarfatti zwischen 1937 und 1973 entworfen, von denen 230 in der Mailänder Ausstellung zu sehen sind. Dass diese in chronologischer Reihenfolge präsentiert werden, offenbart keine Einfallslosigkeit der Kuratoren, sondern macht die Evolution in seiner Arbeit transparent. Beeinflusst von neuen Materialien und immer kompakteren Leuchtmitteln, sind seine frühen, hoch eleganten und filigranen Entwürfe einer zunehmend spröderen Sprache gewichen. Seiner 1973 vorgestellten Leuchte Mod. 611/P e G dient als Reflektor lediglich eine plane, quadratische Silberfläche, die über dem offen liegenden Spotlight hinweg schwebt.

Leuchtende Galaxien

„Architekten werden von der Idee des „Schönen“ gequält, selbst in ihren Träumen. Aber ich bin kein Architekt“, erklärte Sarfatti, der vor allem in der Logik der Natur Inspiration für seine Formen und Konstruktionen fand. Da ihm eine einzelne Lichtquelle zu dominant erschein, entwarf er stets Familien unterschiedlicher Leuchtpunkte, die im Raum verteilt wurden. Vor allem die Kugel entsprach seiner idealen Form des Lichts und wurde ab 1957 in unzähligen Varianten immer weiter verfeinert. Waren es anfangs einzelne Glaskugeln, die von dünnen Metallringen gehalten wurden, verdichtete Sarfatti die Kugel sogar zu einer fulminanten Galaxie. Tausende von Leuchtkugeln gruppierte er 1972 unter die Decke des Teatro Reggio in Turin. Erst durch diese leuchtende Wolke erhielt der Bau von Carlo Mollino seine charakteristische Raumwirkung.

Dass es schwer sein dürfte, diese Arbeit zu übertreffen, mag sicher auch den Anstoß für Sarfatti gegeben haben, sich keine zwölf Monate später aus dem Geschäft zurückzuziehen. Er verkaufte Arteluce im erfolgreichsten Jahr des Firmenbestehens mitsamt der Rechte an sämtlichen Entwürfen an den Leuchtenhersteller Flos und verbrachte seinen Lebensabend am Comer See, wo er 1985 verstarb. Dass ihm erst 2012, zu seinem 100. Geburtstag, die erste große Retrospektive gewidmet wurde, ist umso erstaunlicher. Denn geklaut haben beim Erfinder des modernen Lichts in Italien alle – sogar die, die heute selbst als große Meister gefeiert werden.

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www.triennale.it

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