Menschen

Atmosphären des Alltags

Ein Gespräch mit dem Architekten Takero Shimazaki

In Tokio geboren, kam Takero Shimazaki mit 14 Jahren nach England. Er studierte an der Bartlett School of Architecture in London und unterrichtet seit vielen Jahren an renommierten Universitäten der britischen Hauptstadt. Heute unterhält er eine eigene Akademie sowie ein Architekturbüro, mit dem er konzeptstarke private und öffentliche Gebäude realisiert. Im Interview erklärt Shimazaki, wie aus Linien Sprache und aus Beton zarte Atmosphären werden. Und wie rosa eine Ballettakademie sein darf.

von Nina C. Müller, 12.01.2021

Sie unterrichten seit zehn Jahren an renommierten Londoner Architekturinstitutionen und haben selbst eine Schule, das t-sa Forum, gegründet. Was bedeutet Ihnen diese theoretische Auseinandersetzung?
Die Lehre war mir schon immer sehr wichtig. 2000 habe ich an der Oxford Brookes University damit begonnen, Architektur zu unterrichten. Ich hatte immer das Gefühl, wenn ich nicht unterrichte, dann fehlt den Projekten die nötige Stimulanz oder Basis, um Gedanken und Ideen für die Praxis zu entwickeln. Ich glaube aber, dass die verschiedenen Institutionen und Formate wie das t-sa Forum, in denen ich lehrte, unterschiedliche Ansätze haben. An der London Metropolitan University inspirierten mich die Architekten, die dort unterrichteten – sowohl ihre Bauten als auch ihre Inhalte. Die Architectural Association hingegen war wesentlich konzeptioneller. Es ging viel mehr um eine Position in der Welt, um Einstellungen zu Dingen, zu Politik und um soziale Aspekte. In meinem Büro entwerfen wir Gebäude, versuchen aber, diese Kultur zu vermitteln und ich denke, das hat der Praxis immer geholfen.

Mit dem Tiverton House haben Sie eine Garage in eine Wohnung mit fast klösterlicher Qualität verwandelt. Wie gelingt eine solche Transformation?
Den Auftrag zu diesem Projekt erhielten wir wegen unseres Bloomsbury-Kinos in einem brutalistischen Wohnhaus am Russell Square, das der Auftraggeber gesehen hatte. Dessen Atmosphäre basierte auf etlichen Szenen aus einem Film des russischen Regisseurs Andrej Tarkovsky. Ähnlich beeinflusste mich – über meine gesamte Karriere – das Buch „Lob des Schattens“ von Jun'ichiro Tanizaki. Und auch ein Gemälde von William Turner, das von einer Unschärfe des Raumes geprägt ist. Das physische Gebäude als Objekt verwischt hier gewissermaßen mit der Stimmung und dem Kontext. Zur gleichen Zeit besuchte ich mit meinen Studierenden Kirchen in Italien. Ich sah eine Beziehung zwischen diesen Gebäuden und dem Gemälde. Und fragte mich, wie man etwas so Schweres wie ein Kircheninneres auf so zarte, weiche Weise malen kann. Das wollte ich mit Beton erreichen.

Ihre Vorstudien sind kleine Kunstwerke für sich, feine Zeichnungen und farbige Aquarelle, die Texturen und Atmosphären zeigen. Wie gehen Sie vor, wenn Sie einen Entwurf beginnen?
Ich gehe von Linien aus. Bei anderen kann es zum Beispiel eine Computerzeichnung sein, aber ich beginne immer ausschließlich mit einer Bleistiftlinie. Dabei wird die Linie zur Ebene, die Ebene zu einer Form und die Form zu einem Raum und so weiter. Es ist also in gewisser Weise immer nur der Raum oder es sind die Linien – oder wie ich sie ausrichte. Die Idee für das Material kommt oft später. Und das klingt wirklich verantwortungslos, aber oft kann es von einem Kunden stammen. Ich habe das Gefühl, mit vielen Materialien arbeiten zu können. Es kann den Dialog mit den Bauherren beeinflussen, muss aber am Anfang nicht unbedingt definiert sein. Vielmehr interessiere ich mich für die Idee einer Sprache in der Architektur und dafür, wie Linien diese Sprache erzeugen können. Palladio-Zeichnungen faszinieren mich. Sie sind ein Beispiel dafür, wie man lediglich mit der Überlagerung von Linien etwas Unglaubliches erschaffen kann.

In einem Ihrer Projekte planten Sie ein Fenster speziell für den Hund der Bauherren. Wie kommt es zu solch detaillierten Betrachtungen?
Details sind etwas, das ich von dem Architektenpaar Alison und Peter Smithson lernte. Sie versetzten sich einmal in die Katzen ihres Auftraggebers, was einen großen Eindruck auf mich machte. Es geht dabei um Vorstellungskraft. Im Gestaltungsprozess an Landschaften, Gärten oder Tiere zu denken, hilft dabei, sich von der realen Welt zu befreien und einen anderen, jenseitigen Raum zu imaginieren. Mit Details kann man eine Geschichte oder ein Narrativ konstruieren. Zwar sind sie in jedem Projekt anders. Aber im besten Fall beinhalten sie etwas des gesamten Projekts. Und auch umgekehrt, sollte man das große Ganze im Detail sehen.

Sie sind in Japan aufgewachsen. Kürzlich realisierte Ihr Büro ein Apartment, das man als Hybrid aus westlicher und fernöstlicher Architektur beschreiben kann. Wie sind Sie vorgegangen?
In Asien hat man feinere Variationen und Abstufungen von Räumen. Japan ist außerdem ein Land mit extremen Wetterbedingungen, weshalb das Leben mit der Natur – im Gegensatz zu ihrer Abspaltung und Kontrolle – eine wesentliche Rolle spielt. All diese Aspekte führen zu einer anderen Wertschätzung von Raum. Die Bauherren hatten eine sehr feine Wahrnehmung asiatischer Architektur und Mentalität. Ohne große Diskussionen war mir klar, dass sie die gleichen Ideen hatten wie ich. Wir versuchten unterschiedliche Wahrnehmungen und Tiefen zu erzeugen. Wir schufen Variationen mit Trennwänden, Tatami-Matten und einem japanischen Steinpflaster im Eingangsbereich, um den Eindruck unterschiedlicher Räume zu kreieren. In jeder Geste waren wir uns bewusst darüber, wie Räume durch Materialien, Töne und Texturen entstehen. Und Atmosphären für die täglichen Rituale der Bewohner erzeugen.

Gerade arbeitet t-sa mit der Royal Academy of Dance an ihrem neuen Hauptgebäude in London. Können Sie einen Ausblick auf den Entwurf geben? Warum wird er rosa?
Wir entwerfen sieben Tanzstudios, ein Performance-Theater, ein Hauptfoyer, ein Geschäft, ein Café und Mitarbeiter-Büros. Es handelt sich um eine enorme Fläche, man könnte hundert Barbican-Apartments dort unterbringen. Aber auch hier geht es wieder um Details und Rituale, nur für einen wesentlich größeren Kontext und viel mehr Menschen. Es geht darum, mit so wenig Mitteln wie möglich eine spezielle Umgebung zu schaffen. Am Anfang nutzten wir hellrosa Reflexionen. Inzwischen geht es mehr in Richtung eines tieferen Pinks. Aber man sagte mir, man müsste in einem Ballettraum vorsichtig mit Rosa sein (lacht). Ich mag Pink. Im Bloomsbury-Kino haben wir rosafarbenen Beton verwendet – und das war sehr erfolgreich. Ich fühle mich von vielen dieser softeren Farben angezogen. Paradoxerweise haben sie eine kühne, kraftvolle Präsenz.

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Takero Shimazaki Architects

www.t-sa.co.uk

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