Menschen

Design in Quarantäne

Ein Gespräch mit Gonzalez Haase AAS

Eigentlich hätten wir Gonzalez Haase AAS gerne in ihrem Atelier besucht. Inmitten der Corona-Krise treffen wir sie nicht persönlich, sondern digital, über einen Video-Anruf. Trotz Quarantäne geht der Betrieb des Berliner Büros weiter – aus dem Homeoffice. Wie aber gelingt die Gestaltung von Räumen, wenn Bewegung und Kontakte auf ein Minimum beschränkt werden müssen? Umso mehr, wenn man auf die Zusammenarbeit verschiedener Gewerke angewiesen ist? Wir sprachen über das Büro von heute, kritische Gestaltung und die Farbe von Corona.

von Nina C. Müller, 25.03.2020

Gonzalez Haase AAS, das sind Judith Haase, Pierre Jorge Gonzalez und ein 14-köpfiges Team, das sich normalerweise in der Potsdamer Straße trifft. Von dort aus realisieren sie Auftragsarbeiten für private wie kommerzielle Kunden auf der ganzen Welt. Ihr Hintergrund: Architektur, Grafikdesign und Typografie. Ihre Expertise: minimalistische Innenräume, die durch sensible Materialwahl und künstlerische, fast trickreiche Beleuchtung eine unverwechselbare Handschrift tragen. Man findet sie in diversen Sparten, darunter Mode, Kunst, Kultur, Gastronomie und Bildung – um nur einige zu nennen. Jetzt sitzen die beiden Geschäftsführer in ihren Wohnungen in Prenzlauer Berg und Mitte. Studiobesuche finden nur noch selten statt. Stattdessen jeden Morgen ein gemeinsamer Skype-Call mit den Kollegen in Heimarbeit. Im Interview berichten sie, wie sie ihr Unternehmen in Zeiten der Krise am Laufen halten und über ihren Anspruch im Design, bei dem sie auch sonst zu außergewöhnlichen Maßnahmen greifen.

Seit einigen Tagen arbeiten viele Firmen in Heimarbeit. Wie funktionierte Eure Umstellung auf Homeoffice? Pierre Jorge Gonzalez: Tatsächlich hatten wir schon vorher Pläne, Prozesse effektiver zu gestalten und auch mehr Verantwortung an Mitarbeiter abzugeben, um selbst etwas ortsunabhängiger, sprich aus der Ferne arbeiten zu können. Das haben wir zwar langsam vorbereitet, aber natürlich nicht in diesem Umfang. Es dauerte dieser Tage eine Weile bis wir uns komplett umgestellt hatten. Jetzt ist alles eingerichtet.
Judith Haase: Bisher fanden wir Konferenz-Calls immer unangenehm. Selbst mit großen Unternehmen war es schwierig, da es meist technische Probleme gab. Diesmal aber, wenn wir morgens zusammenkommen, funktionieren die Gespräche mit mehreren Partnern reibungslos. Dadurch, dass man mit Skype auch Bildschirme teilen kann, konnten wir uns gemeinsam Zeichnungen ansehen und darüber diskutieren. Und manchmal läuft es sogar konzentrierter als im Büro, was uns sehr überrascht.

Kann das Homeoffice die Arbeit vor Ort ersetzen? Judith Haase: Für unsere Projekte sind wir in der Regel mehrmals vor Ort: Zuerst, um das Umfeld zu sichten und erste Ideen zu entwickeln, dann um genaue Maße zu nehmen und später, um die Installation zu begutachten, wenn das Mobiliar eintrifft. Nach Abschluss sind wir zudem nochmals für die Shootings mit den Fotografen unterwegs.
Pierre Jorge Gonzalez: Projekte, bei denen eine Sichtung des Ortes im Vorfeld aus Kostengründen nicht möglich ist, weil sie weit entfernt liegen, lehnten wir bisher ab. Unsere Arbeitsweise funktioniert nicht, wenn wir den Raum nicht kennen. Momentan versuchen wir bei auswärtigen Terminen nicht in Kontakt mit anderen zu kommen. Das funktioniert aufgrund der Arbeitsteilung, bei der es keine Überschneidungen gibt. Dennoch halten wir immer Rücksprache mit dem Personal und nehmen Rücksicht, wenn sich jemand unsicher fühlt.

Welche neuen Anforderungen an Büros kommen dadurch hinzu? Judith Haase: Es ist bemerkenswert, dass wir in letzter Zeit zunehmend Aufträge für Büroräume hatten. Der Trend geht dahin, dass man nicht mehr alleine, sondern in offenen Bereichen und mit vielen Leuten zusammensitzt. Und, dass Bewegung mit Laptop und Telefon innerhalb des Büros erleichtert wird. Als Kontrast dazu entwerfen wir gerade Arbeitsräume, die neben sozialen auch separate Zonen haben, gewissermaßen Inseln, mit denen man sich akustisch oder optisch abschotten kann und mit denen man sogar im Geheimen arbeiten kann. Das ist zum Beispiel in der Produktentwicklung relevant. Jetzt kommt das Homeoffice hinzu, womit man sich selbst in Quarantäne begeben kann. Aber auch hier geht es interessanterweise wieder um Transparenz. Denn mit Skype erhält man sofort Einblicke in die Wohnung seiner Mitarbeiter. Das verrät einiges über ihr Leben. Gerade haben wir eine Funktion auf Skype entdeckt, mit der man den Hintergrund verschwommen darstellen kann. Mit dieser Einstellung werden Details wie Buchtitel oder Ähnliches unkenntlich gemacht.

Krisen oder Katastrophen sind keine ganz neuen Themen für Euch. Schon 2018 entstanden ein Buch und eine Ausstellung in München mit dem Titel „Catastrophe Colours“. Was hatte es damit auf sich? Pierre Jorge Gonzalez: Diese Arbeit ist als kritisches Statement zu verstehen. Wir haben ein Farbspektrum entwickelt, bei dem jeder Ton für eine menschengemachte Katastrophe steht. Damit unterscheiden sie sich von unserer aktuellen Krise. Wir haben festgestellt, dass die Erinnerungen daran immer stark mit medialen Bildern und somit auch mit Farben verknüpft sind. Mit dem Buch beziehungsweise dem Farbfächer beziehen wir uns auf ein Phänomen in der Designwelt. Die Auswahl von Farben ist doch meist ein beliebiger Prozess. Man wählt sie, weil sie etwas repräsentieren, das wir gerade mögen, sozusagen das Begehren des jeweiligen Moments. Auch die Industrie vermarktet Farben mit poetischen Namen und Motiven aus der Natur wie etwa Blumen. Dieses System wollten wir durchbrechen. Wir fragten uns, wie man Farben aussucht, wenn man sie stattdessen mit Katastrophen assoziiert, wenn das schöne Gelb oder Orange nunmehr für ein bestimmtes Unheil steht. Die Farbe der Corona-Krise könnte ein Grünton sein. Tatsächlich haben wir uns gerade gefragt, ob wir diese Idee in ein Projekt einfließen lassen sollten.

Welche Rolle spielt Kritik oder Irritation in Eurer Gestaltung? Judith Haase: In all unseren Arbeiten fügen wir ein kritisches Momentum ein. Es geht nie nur um Schönheit. Es geht immer auch um ein seltsames, irritierendes Element, etwas das man wahrnimmt, wenn man den Raum betritt, und bei dem man nicht genau weiß, ob man es mag.
Pierre Jorge Gonzalez: In unserem letzten Projekt haben wir das Interieur mit Türen aus Polycarbonat unterteilt. Aber statt sie einfach senkrecht zur Architektur zu stellen, haben wir sie ein ganz kleines bisschen gedreht. So reflektiert das Polycarbonat das Licht nicht längs in den Raum, sondern diagonal. Das schafft etwas sehr Überraschendes und Unerwartetes. Und es verwirrt, weil die Richtung der Reflexion schwer nachzuvollziehen ist. Wir arbeiten viel mit der Modeindustrie. Vor allem hier ist es uns wichtig, kritische Aspekte einfließen zu lassen.
Judith Haase: Im Fall von MCM, einer Luxusmarke mit Sitz in Zürich, haben wir zum Beispiel eine Kette benutzt. Wir setzen sie überdimensioniert um, verchromt und um eine Säule geschlungen, wodurch sie an ein Schmuckstück erinnert. Erst wenn man sich ihre Details genauer anschaut, wird klar, dass es sich tatsächlich um eine Kette handelt. Dann assoziiert man eher die Fetisch- oder Clubszene.

Dieses Design eckt ja durchaus an. Wen wollt Ihr erreichen? Pierre Jorge Gonzalez: Wir arbeiten natürlich in erster Linie für unsere Kunden. Aber wir beziehen in unsere Überlegungen auch die Endnutzer oder Endkunden mit ein. Und an manchen Stellen weiß man einfach, dass man etwas Ungewöhnlicheres machen kann. Die Kunden, vor allem große Unternehmen, wollen natürlich effiziente Lösungen, um Geld zu verdienen. Wir versuchen aber etwas zu entwerfen, das unser Kunde möglicherweise selbst gar nicht sieht. Wir gehen nicht davon aus, dass jeder unser Design versteht. Einige interessiert es nicht, andere nehmen vielleicht etwas von der Tonalität des Raumes mit. Und wieder andere analysieren und verstehen sie. Es handelt sich hier allerdings um etwas, das man nicht beschreiben kann. Eine kritische Dimension, ähnlich wie ein Gemälde, das auch ohne Worte kritisch sein kann. 

Das Wesen Eurer Räume aber bleibt zurückgenommen. In einigen Fällen könnte man sogar sagen, sie wirkten roh, karg oder leer. Wie entstehen diese Entwürfe? Pierre Jorge Gonzalez: Was all unsere Projekte eint, ist der Wunsch, zu reduzieren. Innenräume werden gemeinhin als etwas wahrgenommen, was man befüllt. Wir hingegen fragen uns, was nicht strukturell mit dem Raum verbunden ist und was man wegnehmen, statt hinzuzufügen kann. Und selbstverständlich arbeiten wir auch mit den Auftraggebern heraus, was sie brauchen und erwarten. Aber wir entwickeln unser eigenes Konzept, das nicht direkt mit der Funktion des Kunden verbunden ist, wie eine Art Designstudie. Sie entsteht fast separat und wird dann mit den Bedürfnissen der Auftraggeber verwoben.

Wie genau arbeitet Ihr mit Licht und Farbe? Pierre Jorge Gonzalez: Wir behandeln Licht nicht als Objekt. Wir verstehen es nicht als schönen Lampenschirm, sondern als eine einfache Quelle, die wir zeigen. Man kann es absorbieren, reflektieren und streuen. Daher spielen wir mit Oberflächen.
Judith Haase: Wir arbeiten hauptsächlich mit rohen, unbehandelten und unbeschichteten Materialien. So ist das, was man sieht oder fühlt dasselbe, was sich im Inneren dieses Rohstoffs befindet. Wir streichen auch nichts an. Farbe kommt bei uns aus dem Material und nicht als zusätzliche Schicht. Wir verwenden sie nicht dekorativ, sondern in den Raum integriert. Daher hat jedes Projekt einen anderen Ansatz, denn wir finden ja auch jedes Mal eine andere Architektur vor.

Häufig arbeitet Ihr mit anderen Kreativen zusammen. Zu Euren letzten Auftraggebern gehören etwa Bureau Mirko Borsche in München oder der Osloer Künstler Lars Ø Ramberg. Wie können solche Kooperationen funktionieren? Judith Haase: Sie sind erfolgreich, wenn sie interdisziplinär sind und unsere Partner aus anderen Bereichen kommen. Dann werden Arbeit und Ergebnis spannend. Mit Architekten wäre es komplizierter. Mit Modedesignern, vor allem, wenn man ihre Mode mag, kann es sehr inspirierend sein. Der Artdirector Demna Gvasalia machte aus Balenciaga ein sehr zeitgemäßes Label. Gleiches gilt für das internationale Label Alyx. Das machte uns die Arbeit sehr angenehm. Sie trieben uns stark voran, unsere eigenen Entwürfe zu machen. Aber da die Auftraggeber selbst Designer sind, involvieren sie sich auch. Es dürfen nur nicht zu viele Leute beteiligt sein, sie sollten mögen, was wir tun und sich nicht zu stark einbringen wollen. Wir brauchen unsere Freiheit – dann funktioniert es.

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