Herr der Hotels
Interview mit dem Architekten und Designer Matteo Thun
Klar und einfach statt prunkvoll und protzig: Wir haben mit Matteo Thun – anlässlich seiner Hotelerweiterung für das Bella Vista in Trafoi – darüber gesprochen, wie er Zeitlosigkeit gestaltet, warum er der Landschaft zuhört, was die Seele eines Orts ausmacht und welche Rolle die Präsenz der Natur dabei spielt.
Seine Heimat sind die Berge: Matteo Thun wuchs in Südtirol auf und prägt die Architektur der Region heute wie kaum ein anderer. Der Italiener trägt das Prädikat Stardesigner, gehört zu den bekanntesten Kreativen seiner Zunft – und das ganz ohne spektakuläre Handschrift à la Gehry, Hadid oder Libeskind. Thun setzt auf Klarheit, Reduktion, Verbundenheit.
Gibt es eine unbequeme Wahrheit, die die Designbranche gern verdrängt?
Ja, zu oft konzentriert sich die Branche darauf, Produkte attraktiver und begehrenswerter zu machen, anstatt sie wirklich nachhaltig zu gestalten. Nachhaltigkeit bedeutet nicht, ein Produkt mit einem „grünen“ Etikett zu versehen, sondern Objekte mit dauerhaftem Wert zu schaffen, die sowohl physisch als auch emotional Bestand haben. Das nachhaltigste Produkt ist oft eines, das Menschen ein Leben lang behalten möchten.
Wie muss ein Hotelzimmer heute gestaltet sein, damit man ein Leben lang dorthin zurückkehren möchte?
Es sollte auf das Wesentliche reduziert und einfach sein. Gleichzeitig muss es alles bieten, was der Gast benötigt, jedoch in seiner reinsten Form. Zeitlosigkeit entsteht durch Klarheit, Proportion und Authentizität, nicht durch Trends. Eine klare Gestaltungssprache hat die Fähigkeit, über Generationen hinweg aktuell zu bleiben.
Sie beschreiben den neuen Flügel des Hotels Bella Vista in Trafoi als „Nest“. Was verbinden Sie mit diesem Bild?
Die Idee basiert auf einer eindrucksvollen Erinnerung: Einem Bartgeier, den ich dabei beobachtete, wie er über Trafoi seine Kreise zog. Es ist ein sehr seltenes, majestätisches Tier.
Welche Designidee steckt hinter der Erweiterung des Hotels?
Der neue Flügel, der mit dem historischen Gebäude verbunden ist, zeichnet sich durch eine leichte äußere Holzkonstruktion aus, die sich harmonisch in die umgebende Landschaft einfügt. Großzügige Panoramafenster rahmen die Gipfel des Stilfser Jochs und der Engadiner Dolomiten ein, lösen die Grenze zwischen Innen- und Außenraum auf und holen die Schönheit der Natur direkt in das Hotelerlebnis herein.
Wie gehen Sie generell an ein Hotelprojekt heran?
Jedes Projekt beginnt mit dem, was wir den Genius Loci nennen: die einzigartige Seele eines Orts. Denn unsere Aufgabe besteht nicht darin, der Landschaft Architektur aufzuzwingen, sondern ihr zuzuhören. Das bedeutet, die Natur, die lokalen Traditionen und die Materialien des Orts zu respektieren.
Sie begeistern sich für den Genius Loci beim Bella Vista. Wie haben Sie sich der Seele dieses speziellen Orts angenähert?
Am Fuße des Ortlers, des höchsten Bergs Südtirols, war es unmöglich, die Natur nicht in den Mittelpunkt des Projekts zu stellen. Wir haben die Landschaft in ihrer reinsten Form betrachtet und sie jede gestalterische Entscheidung leiten lassen. Daraus entstand die Idee einer Architektur, die sich beinahe selbstverständlich mit ihrer Umgebung verbindet, um Teil der Landschaft zu sein.
War es herausfordernd, den Neubau harmonisch mit dem Bestand zu verbinden?
Die Verbindung entsteht durch einen Kontrast. Wir respektieren die Identität des historischen Gebäudes und ergänzen sie durch eine zeitgenössische Architektursprache, die auf denselben Werten basiert: Einfachheit, Authentizität und Respekt vor der Landschaft. Materialien, Proportionen und die Beziehung zur Natur schaffen einen Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
Wie genau gelingt es, dass sich das Haus so entspannt in seine Umgebung einfügt?
Die Verwendung natürlicher Materialien, insbesondere von Holz, spielt dabei eine wesentliche Rolle. Ebenso wichtig ist das architektonische Konzept selbst. Anstatt sich nach außen auszudehnen, richtet sich das Gebäude nach innen und erinnert, wie anfangs erwähnt, an die schützende Form eines Nests. Dadurch entstehen ununterbrochene Ausblicke auf die Landschaft, während die Natur ständig Teil des Gästeerlebnisses bleibt. Ob in der Stube, in der Sauna oder im Zimmer, der Berg bleibt stets der eigentliche Protagonist.
Und wie beeinflusst die Architektur das Erlebnis der Gäste?
Die Architektur fungiert als ruhiger Rahmen, der es den Gästen ermöglicht, die außergewöhnliche Landschaft in ihrer ganzen Intensität zu erleben. Wahrer Luxus bedeutet hier, mit einem atemberaubenden Ausblick aufzuwachen und sich jederzeit mit der Natur verbunden zu fühlen. Mitten im Nationalpark Stilfserjoch zu sein, umgeben von Stille, frischer Luft und beeindruckenden Landschaften, bietet etwas, das heute immer seltener geworden ist: die Möglichkeit, langsamer zu werden, zu sich selbst zurückzufinden und echtes Wohlbefinden durch Stille zu erleben.
Inwiefern lassen sich Luxushotellerie und Nachhaltigkeit miteinander vereinbaren?
Nur wenn Luxus für Überfluss und Verschwendung steht, ist Nachhaltigkeit schwer erreichbar. Wird Luxus jedoch als Qualität, Langlebigkeit, Authentizität und Wohlbefinden verstanden, können Nachhaltigkeit und Luxus nicht nur nebeneinander bestehen, sondern sich gegenseitig stärken. Die Zukunft der Hotellerie liegt genau in diesem Gleichgewicht.
Wie lässt sich dieser Anspruch konkret in Architektur und Hotelplanung umsetzen?
Die wichtigsten Entscheidungen fallen bereits zu Beginn eines Projekts: nur das zu bauen, was wirklich notwendig ist, die Landschaft zu respektieren, langlebige Materialien zu wählen, den Energieverbrauch zu reduzieren und flexible Räume zu schaffen, die sich im Laufe der Zeit anpassen lassen. Nachhaltigkeit ist keine einzelne Maßnahme, sondern ein ganzheitlicher Ansatz, der jeden Aspekt eines Projekts prägt. Die besten Projekte in dieser Hinsicht sind tief in ihrer Landschaft verwurzelt, nutzen lokale Materialien und Handwerkskunst, handeln verantwortungsvoll und vermitteln ihren Gästen ein authentisches Gefühl für den Ort. Beim nachhaltigen Luxus geht es darum, bedeutungsvolle Erlebnisse zu schaffen und gleichzeitig Natur, Kultur und Ressourcen zu respektieren. Die erfolgreichsten Hotels sind jene, die das Gefühl vermitteln, nur an genau diesem Ort existieren zu können.
Matteo Thun
www.matteothun.comMehr Menschen
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