Chilenisches Stapelspiel
Teurer Fleck, beeindruckende Architektur: Wohnhaus am Hang.
Von der Straße aus ist es kaum zu erkennen: Wie ein Ableger der Fahrbahn, die sich entlang der Küste schlängelt, wirken Dach und Einfahrt der Casa MO. Der Bau selber versteckt sich vor dem menschlichen Auge. In dem Gebäude des Architekten Gonzalo Mardones ordnet sich alles dem Ausblick unter. Die beeindruckende Kistenarchitektur erschließt sich dem Besucher erst im Inneren.
Zapallar ist einer der teuersten Flecken Chiles: Wer hier ein Haus besitzt, gehört höchstwahrscheinlich zur Elite des Landes. Die Stadt schlängelt sich an der Pazifikküste entlang und bietet den Bewohnern nicht nur eine Vielzahl an spektakulären Ausblicken, sondern auch wunderschöne Sandstrände mit glasklarem Wasser: der perfekte Ort für ein außergewöhnliches Feriendomizil.
Ohne Orientierung
Die Casa MO ist eingegraben: Von der Straße aus betritt oder fährt man hinab auf das Dach des Gebäudes und erschließt den Bau von oben nach unten über Treppen und Rampen. Das Haus besteht aus drei übereinander gestapelten Etagen, die wie Bauklötze verdreht und versetzt zueinander angeordnet sind. Das oberste Geschoss ragt weit über die unteren Ebenen hinaus: Hier befinden sich das Wohnzimmer und eine vorgelagerte Terrasse, von der aus die Bewohner Richtung Pazifik und Horizont schauen. Je weiter es in die Tiefe geht, desto privater werden die Räumlichkeiten: Wie bei einem Bergstollen kann die Orientierung kurzzeitig verloren gehen, bis ein weiterer Ausblick auf die Natur das Koordinatensystem wieder zurechtrückt.
Gelenktes Licht
Das Spiel mit der Stapelung zeichnet sich auch im Innenraum deutlich ab: Atrien und Galerien erzeugen Schnittstellen und verbinden die versetzten Ebenen. Zusätzlich lenken sie das Tageslicht, das neben den wenigen Fenstern auch durch Deckenöffnungen in die Räume fällt, in die Zimmer ohne Außenbezug. Während sich ein Großteil des Gebäudes in den Hang gräbt, besitzt jede Etage eine Terrasse, die sich zum Ozean hin öffnet. Durch Dachüberhänge aus betonierten Balkendecken werden die Außenbereiche vor starker Sonne und Westwinden geschützt – und verschmelzen dank ihrer Materialität mit der Architektur.
Chemische Geheimwaffe
Der introvertierte Eindruck wird auch durch die monochrome Farb- und Materialwirkung der Fassade und der Innenräume verstärkt: Alles erstrahlt in stumpfem Weiß, einzig die Fenster und Geländer wurden aus Zedernholz gefertigt. Eine besondere Rolle beim Bauprozess spielte der Einsatz von Titandioxid, das dem Beton und den Farbanstrichen im Innenraum beigemischt wurde. Der Stoff besitzt verschiedene Qualitäten, die sich positiv auf die Wohnatmosphäre auswirken. Sein Brechungsindex ist größer als bei den meisten organischen Stoffen und sorgt dadurch für eine optimale Lichtstreuung. So wird das einfallende Tageslicht aufgewertet. Gleichzeitig bindet das Oxid, ähnlich wie bei Bäumen, toxische Gase, die durch Autos entstehen.
Seiner kubischen Formensprache und dem Fokus auf das Wesentliche bleibt sich der junge, chilenische Architekt Gonzalo Mardones bis ins Detail treu. Mit seiner felsenhaften Gestalt und dem Wechselspiel aus offenen und geschlossenen Volumina erinnert das Haus ein wenig an die Architektur Tadao Andos und Peter Zumthors: eine perfekte Mischung aus Skulptur und Spiel mit den natürlichen Gegebenheiten.
FOTOGRAFIE Nico Saieh
Nico Saieh
Mehr Projekte
Radikale Wunderkammer
Ein Rundgang durch das Apartment MOM von J. Mayer H. in Berlin
Geheilter Bestand
Umbau und Erweiterung eines Fuhrwerkerhauses in Düsseldorf von Nidus
Im Rhythmus des Alltags
Unkonventioneller Umbau in Barcelona von Skye Maunsell und Jordi Veciana
Neubau mit Seele
Wohnhaus der Innenarchitektin Julie Thiers in Flandern
Spuren im Bestand
Umbau einer Villa in Posen von Adam Wierciński
Mehr Raum als Quadratmeter
Wohnungsumbau Casa JAM von gon architects in Madrid
Salbeigrün in Florenz
Sanierung einer historischen Villa in Florenz von bucci quentin
Hierarchie in Blockfarben
Apartment für zwei in Mailand von Marabelli Marongiu Architetti
Das Erbe des Freibeuters
Restaurierung eines Stadthauses in Katalonien von Raúl Sánchez
Klangfarben des Wohnens
Apartment in Minsk für einen Musikliebhaber von Mihail Kurnosov
Alles in Butter
Constanze Ladner kleidet eine Wohnung bei Wiesbaden in sanftes Gelb
Wohnen im Werden
Tifliser Hausmodernisierung von David und Alexander Brodsky
Sensibel, aber kompromisslos
Ferienhaus von STEINBAUER architektur+design in Waidmannsbach
Hinter die Fassade geschaut
Umbau in Ostflandern: Objekt Architecten im Dialog zwischen Tradition und Moderne
Fort im Forst
Ringbau von Fernanda Canales im mexikanischen Valle de Bravo
Räume ohne Raster
Ein radikal geöffneter Grundriss von RDTH architekti in Prag
Wohnen in der Beletage
Umbau einer Altbauwohnung in Charlottenburg von Batek Architekten
Grauzone mit Aussicht
Puristisches Rooftop-Apartment von unprofessional.studio in Taipeh
Generationswechsel im Siedlungshaus
atelier brum baut Kölner Reihenhaus in offenen Wohnbau um
Transluzenter Blockbau
Wohnturm aus Glas und Gitter von Studioninedots in Amsterdam
Skulpturaler Unterschlupf
Nachhaltige Holzhütte in den Pyrenäen
Helix aus Stahl
Architettura Tommasi gestaltet Loft in historischem Adelspalast in Padua
Glutroter Kokon
Reihenhaus-Modernisierung von Pablo Sanchez Lopez in London
Beton und Behaglichkeit
BekArch transformiert eine Prager Backstube in ein helles Studio-Apartment
Urbaner Lückenfüller
Zwei Wohnbauten von Pend in Edinburgh
Fifty Shades of Marble
Mistovia verwandelt einen Krakauer Rohbau in ein Zuhause mit Atelier
Haus der Gegensätze
Architektura baut in der Nähe von Prag ein ungewöhnliches Familiendomizil im Wald
Holz in Bewegung
Wohnhaus im Tessin mit außergewöhnlichem Parkett
Brücke zum Meer
Wochenendhaus von Omer Arbel in Kanada
Ziegel im Zentrum
Umbau eines Siedlerhauses in der Uckermark von Klöpfel Zeimer Architekten