Projekte

Stimmungsvolle Konsumtempel

2000-2020: Best-of Retail

Von eleganten Showrooms bis hin zu durchdachten Concept Stores: Der stationäre Handel muss sich zunehmend etwas einfallen lassen, um in Zeiten boomender Online-Shops bestehen zu können. Retail-Projekte haben sich in den vergangenen 20 Jahren zu atmosphärischen Gesamtkunstwerken entwickelt. Wir stellen die Highlights vor.

von Judith Jenner, 14.11.2020

Taschen Shop von Philippe Starck, Berlin (2000)
Die Coffeetable-Books des Taschen-Verlags brauchen Raum, um wirken zu können. Für den Flagshipstore des Verlags in Berlin ließ sich der französische Designer Philippe Starck von der Natur inspirieren: Die Reliefs von Tischen in mattem Gold erinnern an geschwungene Äste. Ein nachempfundener Baumstamm erstreckt sich vom Boden bis zur Decke. Dagegen nehmen sich die schwarzen Bücherregale an den Wänden vornehm zurück. Jedes Fach ist illuminiert, um die Foto- und Designbände, aber auch einzelne, gerahmte Kunstwerke optimal in Szene zu setzen.

Prada Epicenter von OMA, New York City (2001)
Gemeinsam mit Rem Koolhaas und Ole Scheeren gestalteten OMA den gigantischen Flagshipstore von Prada in New York. Im Zentrum der 2.190 Quadratmeter großen Retail-Fläche im Erdgeschoss des ehemaligen Broadway Guggenheim steht eine Welle aus Zebrano-Holz. Sie verbindet die Stockwerke miteinander. Motorisierte Schaukäfige bewegen sich auf Schienen unter der Decke. Die technische Umsetzung oblag dem Büro Kram/Weisshaar. Es entwickelte unter anderem interaktive Umkleidekabinen mit Magic Mirrors. Sie ermöglichen es den Kunden, sich zeitverzögert aus verschiedenen Blickwinkeln zu sehen. Über RFID-Etiketten an Kleidungsstücken können Kunden Designerskizzen und Produktionsvideos zu einem bestimmten Artikel abrufen. So schaffen die Gestalter eine Verbindung zwischen digitaler Markenwelt und realem Kauferlebnis.

Stuart Weitzman Store von Fabio Novembre, Rom (2006)
Wie ein Kunstwerk schlängelt sich das Corian-Band von der Schaufensterauslage über die Decke und die Regalwände des Ladengeschäfts bis hin zu den Sitzbänken und der Schuhanprobe. Sogar mit dem dezenten Logo an der Straßenseite ist es verbunden. Die Idee entwickelte Fabio Novembre für das Geschäft von Stuart Weitzman in der Via dei Condotti in Rom. Der Mailänder Architekt übernahm das Gestaltungskonzept auch für andere Filialen des nordamerikanischen Schuhlabels, unter anderem in New York und Hamburg.

Andreas Murkudis' Store 81 von Gonzalez Haase, Berlin (2011)
Von der Druckerei zum Modetempel: Im ehemaligen Tagesspiegel-Haus an der Potsdamer Straße in Berlin richteten Gonzalez Haase den Concept Store von Andreas Murkudis ein. Der industrielle Charakter der beiden, insgesamt 1.000 Quadratmeter großen Räume blieb weitgehend erhalten. Sie werden durch die Beleuchtung ebenso in Szene gesetzt wie die Produkte. Ähnlich einer Stadt oder eines Dorfes schufen Gonzalez Haase topologische Unterteilungen für die einzelnen Marken und Produkttypen. Ausgewählte Waren werden auf monumentalen Tischen aus weiß gestrichenen Faserplatten präsentiert.

Camper Store von Nendo, New York City (2013)
Mehr als eintausend weiße Schuhrohlinge zieren die Wände des Camper Stores von Nendo in New York City. Die Schuhe sind Repliken des Camper-Modells Pelota. Sie sind so angeordnet, dass es wirkt, als würden sie durch die Luft laufen. Auf diese Weise fand das in Mailand und Tokio ansässige Designbüro einen kreativen Umgang mit den höher liegenden Flächen. Öffnungen in der Wand sind für die Ausstellung der aktuellen Kollektion gedacht. Mehr Platz für Schuhe ist auf den weißen Plattformen in der Mitte des Raumes. Ein ähnliches Konzept entwickelte Nendo für den Camper Store in Osaka.

Aesop Headquarter von Weiss–heiten, Köln (2014)
Der markante Sechzigerjahre-Bau von Karl Band ist typisch für die Kölner Nachkriegsarchitektur. Viele Jahre wurde er von einem Juwelier-Ehepaar bewohnt, das im Erdgeschoss sein Geschäft betrieb, bevor das australische Kosmetiklabel Aesop darin seine Deutschlandzentrale samt Flagshipstore eröffnete. Im ersten und zweiten Stockwerk befinden sich die repräsentativen Verkaufsflächen. Das Designteam wählte dafür – in Anlehnung an das Retro-Image des Labels – warme Holztöne aus. Im dritten Stockwerk befinden sich die Verwaltungsbüros und im vierten ein Raum für die Meditation und Entspannung.

Acne Studios von Sophie Hicks, Seoul (2015)
In Seouls Stadtteil Gangnam-gu befinden sich zahlreiche Boutiquen internationaler Brands. Sophie Hicks richtete für die schwedische Marke Acne einen Flagshipstore ein, der mit dem Gegensatz zwischen den weichen Stoffen der Kleidung und der eher industriellen Architektur spielt. Ohne jegliche Dekoration werden die Kleidungsstücke vor Betonwänden präsentiert. Zarte, im Raum angeordnete Kleiderstangen stehen im filigranen Gegensatz zu massiven Betontischen, auf denen besondere Stücke ausgestellt werden. Von außen erinnert das Gebäude an ein Gewächshaus, dessen milchige Scheiben ihm eine fast schwebende Erscheinung geben.

Bottletop Store von Krause Architects, London (2017)
Die gleichen Maximen, nach denen Bottletop seine Taschen produziert, sollten auch für das Design des neuen Flagshipstores in der Londoner Regent Street gelten. Das Londoner Büro Krause Architects entwarf das von Zaha Hadid-Bauten – wie dem Fährhafen in Salerno oder dem Bahnhof Neapel-Afragola – inspirierte Design. Umgesetzt wurde der Entwurf von der auf künstliche Intelligenz spezialisierten Firma Ai Build mit Kuka-Robotern. Sie verwendete für den Druck ein Filament des Unternehmens Reflow aus recyceltem Plastik, das zuvor gewaschen, zerkleinert und extrudiert wurde. Ein Vorteil der Druckmethode: Es fällt kein Müll an, sodass sich der Bottletop-Shop „einziger Zero-Waste-Laden der Welt“ nennt.

One-Off von Dimorestudio, Brescia (2018/2019)
Mit Referenzen an Stanley Kubricks Filme und Architekturvisionen aus den Sechzigerjahren richtete Dimorestudio die ungewöhnliche Damenboutique One-Off in Brescia ein. Auf drei Geschossen finden die Kundinnen nicht nur exklusive Mode, sondern auch allerlei humorvolle Interventionen, beispielsweise den runden Kassentresen mit Ponyfrisur. Die Mailänder Designer spielen mit den Epochen: So trifft ein beleuchteter Boden, der an einen Science-Fiction-Film erinnert, auf barocke Möbel. Weitere Objekte stammen aus der limitierten Möbelkollektion von Dimorestudio.

Espai Mietis von Evvo Retail, Barcelona (2020)
Ein Traum in Pastell empfängt die Kundinnen des Mietis-Flagshipstores im In-Viertel Poblenou in Barcelona. Das eigentlich auf die Gestaltung von Supermärkten spezialisierte Team von Evvo Retail nahm sich in diesem Fall einer Verkaufsfläche für edle Taschen und Kleidung an. Sie harmonieren farblich mit dem Tresen, den Wänden und dem Mobiliar. Selbst die Lüftungsrohre an der Decke sind Teil des Farbkonzepts und bilden einen industriellen Gegensatz zu den puristischen Möbeln. Vorhänge und ihnen nachempfundene Oberflächen sowie illuminierte Bögen als Durchgänge geben dem Geschäft eine wohnlich-mediterrane Atmosphäre.

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