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Katachi – Die leise Form aus Japan

von Claudia Simone Hoff, 01.04.2010


Japanische Dinge, die alt sind, sehen zuweilen aus, als ob sie jung wären. Woher das kommt? Dieser und weiteren Fragen geht eine Ausstellung nach, die derzeit im Berliner Bauhaus-Archiv zu sehen ist. Und der gewählte Ausstellungsort ist sicherlich kein Zufall, zeigen sich doch durchaus Parallelen zwischen der legendären deutschen Gestaltungsschule und japanischem Design. Nicht umsonst war Walter Gropius tief beeindruckt vom japanischen Gestaltungswillen, den er auf einer Reise durch das Land in den fünfziger Jahren entdeckte. In Berlin werden nun in sachlich-nüchterner Ausstellungsgestaltung mehr als einhundert Exponate zeitgenössischen japanischen Produktdesigns präsentiert.


Die in Berlin lebende Japanerin Miki Shimikawa ist Kuratorin der Ausstellung und hat das japanische Alltagsdesign in den Mittelpunkt der Schau gestellt. Entstanden ist ein Großteil der ausgestellten Dinge in Manufakturen und kleineren Werkstätten. Japaner hegen traditionell eine hohe Wertschätzung für handwerklich hergestellte Dinge, sie glauben sogar daran, dass die Dinge ebenso wie Menschen beseelt sind – eine Vorstellung, die in der Shintō-Religion wurzelt.

Wenn Neues aus Tradition erwächst
 
Bei den ausgestellten Stücken handelt es sich um Objekte, die entweder seit Jahrhunderten in Form und Aussehen unverändert geblieben sind oder traditionelle Vorbilder neu interpretieren. Und was gibt es nicht alles zu sehen im Ausstellungsraum gegenüber der neu eingerichteten Dauerausstellung zur Geschichte des Bauhauses: Teedosen, Essstäbchen, Schälchen und Sakebecher aus dem Küchenbereich, aber auch Dinge aus anderen Lebensbereichen wie Leuchten, Hocker, Schuhe, Fächer, Schmuck, Werkzeuge und Scheren.

Von europäischen Sehgewohnheiten und japanischer Gestaltungsphilosophie
 
Das verwendete Material der ausgestellten Objekte weist eine große Bandbreite auf: Holz, Lack, Bambus, Eisen und Papier – sie alle stehen in Japan in einer langen handwerklichen Tradition. Und die schlichte, auf das Wesentliche reduzierte japanische Form lebt gerade von der handwerklichen Perfektion, mit der die Objekte gestaltet und ausgeführt sind. Die europäischen Sehgewohnheiten sind auf die beeindruckende Ästhetik japanischer Produkte ausgerichtet: Diese visuelle Fokussierung greift allerdings zu kurz, unterliegt die traditionelle japanische Produktästhetik doch einer umfassenden Gestaltungsphilosophie, und die wiederum ist Grundlage für das alltägliche Leben. Zu den grundsätzlichen Kriterien der japanischen Gestaltungsphilosophie gehören Schlichtheit, Harmonie, Benutzerfreundlichkeit und die Geschicklichkeit, mit der Designer, Handwerker und Hersteller die natürlichen Materialien und deren Eigenschaften ausschöpfen.

Auch in der Küche: Umgang mit Form und Ritual

Katachi bedeutet in die deutsche Sprache übersetzt zwar „Form, Gestalt und Figur“, umfasst im Japanischen aber auch den rituellen Umgang mit dem Gegenstand, so beispielsweise im traditionellen japanischem Theater, dem Kabuki, in der Blumensteckkunst, dem Ikebana, oder auch bei der Teezeremonie. Das ausgestellte Urushi-Schalen-Set beispielsweise war ursprünglich ein Essgeschirr für Mönche. Die einfachen Schalen, die traditionell in Schwarz oder wie in der Ausstellung in Rot gestaltet sind, sind stapelbar und sparen Platz – was in den kleinen japanischen Wohnungen und Häusern von heute sicher kein Nachteil ist. Die Oberfläche der Schalen besteht aus einem, in mehreren Lagen aufgetragenen pflanzlichen Lack, Urushi genannt. Stäbchen, Löffel und ein Spatel ergänzen das Set, das mit einem Tuch umwickelt wird, das zusätzlich zur Reinigung der Gegenstände dient. Das Set in seiner schlichten Anmutung gibt eindrücklich den kargen Lebensstil der Mönche wider. Oder auch die Kurogaki-Teedose: Sie steht mit ihrer auffälligen schwarzen Holzmaserung für die streng ritualisierte Teezeremonie. Bei dieser kommen auch die Schaumbesen namens „Chasen“ aus Bambus zum Einsatz, mit dem Pulvertee nach dem Aufguss schaumig gerührt wird. Japanische Teekannen hingegen sind meist aus Gusseisen, Keramik oder Porzellan gefertigt.

Wenn jedes Reiskorn zählt
 
Untrennbar mit der japanischen Esskultur verknüpft sind auch die Essstäbchen, die in Japan immer aus Holz oder Bambus gefertigt sind (im Unterschied beispielsweise zu Korea, wo sie auch schon mal aus Metall bestehen können). Jedes Familienmitglied besitzt ein spezielles Stäbchen-Set, Gäste bekommen ihr eigenes. Stirbt ein Familienmitglied, werden als Zeichen der Trauer und des Respekts dessen Stäbchen in eine Schale mit Reis gesteckt. In der Ausstellung gibt es eine ganze Vitrine mit Stäbchen zu betrachten: gedrehte, roh geschnitzte oder farbige. Und warum japanische Kinder immer auch das letzte Reiskorn aufessen müssen, erklärt die Kuratorin der Ausstellung damit, dass nicht nur die Arbeit der Bauern zu achten sei, sondern die Lehre des Schintoismus die Japaner glauben lässt, „dass in jedem Reiskorn die Seele eines Gottes wohnt.“ Eigentlich eine schöne Vorstellung in Zeiten von Fastfood, genmanipuliertem Reis oder Gammelfleisch.
 
 
Weitere Informationen
 
Die zusammen mit dem Frankfurter Museum für Angewandte Kunst konzipierte Ausstellung „Katachi – Die leise Form aus Japan“ ist bis zum 2. Mai im Bauhaus-Archiv in Berlin zu sehen. Für den Design-Afficionado interessant ist sicher auch der neu gestaltete Shop des Bauhaus-Archivs. Gibt es hier sonst vor allem europäische Design-Kreationen von Bauhäuslern, Alvar Aalto oder zeitgenössischen Entwerfern wie Konstantin Grcic zu erwerben, so darf man sich zurzeit an einigen Kreationen von Naoto Fukasawa für „+- Zero“ oder über den „Acrylic Sponge Accessory Pop Up Ring“ von Masako Ban freuen.
 
Zur Ausstellung ist auch ein Katalog erschienen:

Katachi – Form
Herausgegeben im Auftrag des Dezernats für Kultur und Wissenschaft vom Museum für Angewandte Kunst Frankfurt am Main
Museum für Angewandte Kunst Frankfurt am Mai 2007
ISBN 3-88270-113-7; 19,90 Euro
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Links

Ausstellungsort

Bauhaus-Archiv Museum für Gestaltung

www.bauhaus.de

Film zur Ausstellung

www.art-in-berlin.de

Interview mit Naoto Fukasawa

www.designlines.de

Zur japanischen Teezeremonie

www.designlines.de

Zur japanischen Küchenkultur

www.designlines.de

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