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Noch einmal mit Gefühl: Die Orgatec 2008

von Jasmin Jouhar und Katja Neumann, 27.10.2008


Emotional soll es sein, positive Gefühle wecken, sinnliche Erfahrungen ermöglichen, ein Ort zum Wohlfühlen sein: Das sind Schlagworte, mit denen die Aussteller der Büromöbelmesse "Orgatec", die vom 21. bis 25. Oktober in Köln stattfand, das Büro der Zukunft beschreiben. Die belgische Firma „Bulo“ forderte sogar: „Love your office!“ Im Mittelpunkt der Büroplanung sollen das Individuum und seine Bedürfnisse nach Kommunikation, Rückzug, Komfort, Unterhaltung und Anerkennung stehen. Diese Haltung schlug sich auch auf die gezeigten Möbel an den Messeständen nieder: Neben den obligatorischen Drehstühlen und Containern gab es viele loungige Stühle und Sofas, flexible, auf die Nutzer einstellbare Möbelsysteme, weiche Polsterungen und stoffbezogene Trennwände in allen Farben des Regenbogens zu sehen.



Dass all diese Möbel zum Wohlfühlen am Ende jedoch meist im großen Büroraum mit offenem Grundriss stehen werden, in denen es alles andere als kuschelig zugeht, schreiben die Hersteller erst auf den hinteren Seiten ihrer hochglanzpolierten Imagebroschüren. Schon aus finanziellen Gründen scheint es keine Alternative zu geben zum ungeliebten, aber effizienten Großraumbüro, aktuell „open office“ genannt. Büroarbeit in Zeiten von Teams, Projekten und mobiler Kommunikation zu organisieren, fordert flexible, letztlich austauschbare Arbeitsplätze. Oder wie Sedus es formuliert: „Büros atmen ein und atmen aus.“ Sprich: Die Zahl der benötigten Arbeitsplätze kann unter Umständen stark schwanken.

Da wollen es die Hersteller den Büromenschen wenigstens so angenehm wie möglich machen an ihrem eigentlich ziemlich technokratischen Arbeitsplatz. Häufig ist auch die Rede von der (Stadt-)Landschaft des Büros, in der sich verschiedene Orte mit unterschiedlichem Charakter finden. „Es scheint fast so, als ob wir vor allem nicht arbeiten sollten“, resümiert Bulo den Trend zum Wohlfühlen – jedoch nicht ohne daran zu erinnern, dass funktionale Aspekte „aus Effizienzgründen auch erfüllt werden müssen“. Da muss es manchmal reichen, einem an sich nüchternen und praktischen Tischsystem wenigsten einen aufregend-emotionalen Namen zu geben, wie Sedus es bei seiner Messe-Neuheit „Temptation“ getan hat.

Arbeiten zwischen Kommunikation und Rückzug


Vitra als Branchenprimus widmete einen guten Teil seines riesigen, gut belebten Messestandes der Frage, mit welchen Möbeln die Bedürfnisse der Menschen im Büro erfüllt werden können. Getreu ihrem 2006 ausgegebenen Motto „Net’n’Nest“ verortet das Unternehmen den Büroarbeitsplatz zwischen den Polen Kommunikation und Rückzug. Der niederländische Designer Jurgen Bey bestückte unter dem Titel „Reset“ den Stand mit experimentellen Einzelstücken, die den Nutzern einen Ort zum Abschalten und neu Durchstarten bieten sollen. Etwa einen geschlossenen Hochsitz, der einen aus dem Trubel des Geschehens hebt. Oder eine schaumstoffgedämmte Kiste, in die man sich zurückziehen kann, wenn einem wieder mal alles zu laut ist.

Die Brüder Ronan und Erwan Bouroullec, bei Vitra für die emotionale Gestaltung zuständig, pflanzten ihrem bereits bekannten Bürodrehstuhl „Worknest“ zur akustischen Abschottung eine Art Haube auf und nennen die neue Variante „Workbay“. Lehnt man sich in diesem Drehstuhl entspannt zurück, dann sinkt man in eine sanft gedämpfte Atmosphäre ein. Der Wechsel zwischen Auf- und Abtauchen ist auch das Thema des bunten Einzelarbeitsplatzes „Playns“, ebenfalls von den Bouroullecs. Der Schreibtisch mit Schutzschirmen lässt sich elektrisch in der Höhe verstellen. Die Idee: Wer die Platte nach oben fährt und im Stehen arbeitet, signalisiert Offenheit und kann schnell mal etwas besprechen. Wer verborgen hinter den Screens sitzt, ist auf sich konzentriert und möchte nicht gestört werden. Auch im Chefbüro soll die Flexibilität Einzug halten: Alberto Meda präsentierte mit „ArchiMeda“ einen ebenfalls elektrisch höhenverstellbaren Tisch, der mit Holzfunierplatte ausgestattet die nötige repräsentative Ausstrahlung mitbringt. Außerdem stellte Vitra Neuheiten von Arik Levy, Werner Aisslinger, Jasper Morrisson und Antonio Citterio vor.

Entspannt durch den Büroalltag


Viele Hersteller sind offenbar darum besorgt, ob es im Büro auch entspannt genug zugeht. An zahlreichen Ständen warteten loungige Wohlfühlmöbel auf die Besucher. Bene („Coffice Curved“) und de Sede („DS-1264“) hatten großzügig gekurvte, farbige Bänke aufgebaut, auf denen man sich entspannt durch den Büroalltag schlängeln kann. Walter Knoll stellte einen bunten Lounge Chair namens „MYchair“ von Ben van Berkel und eine bewegliche Couch von EOOS vor. „Threesixty“ besteht aus zwei großen Sitzpolstern, die über je einen Metallzylinder mit einer durchgängigen Rückenlehne drehbar verbunden sind. Die Polster lassen sich je nach Gesprächssituation in verschiedene Konfigurationen drehen. Bei Interstuhl konnte man sich in einen mit Strick bespannten Sessel namens „Fit“ fallen lassen, der erst unter dem Gewicht des Körpers die Form einer Sitzgelegenheit annimmt.

Ganz und gar unemotional präsentierte sich dagegen der strenge, in Schwarz und Weiß gehaltene Stand des spanischen Herstellers Dynamobel, der ein leicht zusammenklappbares Tischsystem namens „Dublo“ für das untere Preissegment zeigte. Auch neu im Programm der Spanier: das System „1:10“, mit dem sich Böden, Decken und Trennwände verkleiden lassen. Das deutsche Traditionsunternehmen Wilkhahn nutzte die Messe, um das Ergebnis seiner Zusammenarbeit mit Stefan Diez zu präsentieren: den Stuhl „Chassis“. Das elegante Sitzmöbel aus plastisch verformtem Stahlblech, das mit Fachleuten aus der Automobilindustrie entwickelt wurde, existiert bisher jedoch nur als Prototyp. Züco wiederum hat sich mit vier Architekten zusammengetan, um in einer Reihe von Workshops ein neues Drehstuhlmodell zu entwickeln, den „4+“. Die Schweizer Firma zeigte außerdem den Lounge Chair „Perillo“ des Designers Martin Ballendat: Eine eingedrückte Schlaufe bildet bei diesem Modell den Sitz. Perillo gewann den Publikomspreis der diesjährigen Orgatec. Die Firma Dietiker, ebenfalls aus der Schweiz angereist, hatte auch einen neuen Stuhl im Gepäck: „Lamina“, der von dem jüngst verstorbenen Designer Hannes Wettstein stammt und jetzt posthum auf den Markt kommt.

Ganz neu im Büromöbelsektor ist dagegen der als Leuchtenhersteller und -designer bekannte Tobias Grau, der pünktlich zur "Orgatec" sein neues Tischprogramm „Table TG1“ präsentierte. Puristisch-elegant trägt das modular aufgebaute Tischprogramm unverkennbar die Handschrift des Designers. Die Tischplatte ist aus mehreren einzelnen Platten zusammengesetzt, die in verschiedenen Farben und Materialien angeboten werden. Diese lassen sich beliebig kombinieren, vom großen Konferenztisch bis zum heimeligen Schreibtisch ist also alles möglich. Neben dem neuen Tischprogramm präsentierte Tobias Grau auch die Leuchte „Falling“. Wie der Name schon sagt, handelt es sich dabei um eine schlanke Pendelleuchte, durch die das Licht wie Wasser von der Decke herab zu fallen scheint. „Falling“ ist als Einzelleuchte erhältlich oder in der Ausführung als „Falling Water“, bei der neun Leuchten als moderner Lüster fungieren und sich damit besonders für Entrees und Lobbys eignen.

Flexible Lichtkonzepte


Beleuchtung ist selbstverständlich ein Thema, mit dem sich auch die Büromöbelbranche auseinandersetzt. Denn was wäre das schönste Büro ohne das passende Licht? Dabei geht es nicht nur um die optimale Ausleuchtung der verschiedenen Arbeitsbereiche, sondern um Licht, das sich an die immer flexibler werdenden Arbeitswelten anpasst. So setzen die Hersteller vermehrt auf Leuchten, die sich gezielt an die jeweiligen Bedürfnisse anpassen lassen. Der Abschied von der guten alten Schreibtischlampe fällt nicht besonders schwer, angesichts der multifunktional und vor allem emotional anmutenden Lichtobjekte der schönen neuen Bürowelt. Ein fast kunstvolles Lichtobjekt war bei dem jungen schwedischen Leuchtenhersteller Wästberg zu sehen. Zur "Orgatec" präsentierte Magnus Wästberg die erste Kollektion von Tischleuchten, die schlicht nach ihrem Designer benannt sind. Ein besonders schönes Objekt ist dabei die LED-Tischleuchte „Massaud w08“, deren organische Form über eine Magnetkonstruktion mit einem kräftigen Fuß verbunden ist.

Ein innovatives Beleuchtungskonzept war zudem im Rahmen der Sonderausstellung „Office 2020“ zu sehen, das in konzeptioneller Zusammenarbeit mit der Professional Lighting Designers’ Association und der Hochschule Coburg entstand. Unter der Leitung von Prof. Uwe Belzner und Prof. Werner Kintzinger gestalteten die Studentinnen Janine-Doreen Mandau, Isabella Gribl und Daniela Lang ein Lichtkonzept für das Büro der Zukunft. Medial bespielbare Wände und Tische, Farbwechsel, Projektionen und Punktleuchten auf die einzelnen Arbeitsplätze setzen auf das Spiel mit Emotionen, Licht wird eingesetzt, um zu stimulieren, zu beruhigen oder sich zu konzentrieren. Auch für die unterschiedlichen Arbeitssituationen, vom „Work-Alone-Arbeitsplatz“ bis zur Teamkonferenz, erarbeiteten die Studentinnen diverse Lichtszenarien, die den Arbeitsprozess optimieren sollen. Denn nur, wer sich wohl fühlt, kann konzentriert und kreativ arbeiten.
Das "Office 2020" ist eine Vision der zukünftigen Arbeitswelt, die möglicherweise dafür geeigneten Mittel präsentierte der Hersteller Holzmedia aus Burgstetten mit Konzeptmöbeln und modularen Produktsystemen, die auf die Integration von Medientechnik ausgerichtet sind. Neben einem Konferenztisch mit ausfahrbaren LCD-Monitoren zeigte Holzmedia zwei neue Lichtmodule, in welche sich verschiedene Medientechnikelemente, wie Projektoren oder Kameras, integrieren lassen. Über eine individuell programmierte Mediensteuerung ist schließlich eine ganzheitliche Raumlösung möglich, die vom Boden über die Wand bis zur Decke alle Teile des Raumes mit einbezieht.

So nahm nach einem ungewohnt ruhigen Start am ersten Messetag das Geschehen schließlich sichtlich an Fahrt auf, die Gänge bevölkerten sich, auch mit zahlreichen Besuchern aus dem Ausland. Insgesamt zählte die Messegesellschaft rund 62.500 Gäste und 673 Aussteller aus 39 Ländern. Fast alle großen Hersteller waren auf der Messe vertreten und jeder wartete mit mindestens einer, wenn nicht mehreren echten Neuheiten auf. Wenn auch keine revolutionären Neuerfindungen darunter waren, so doch einige interessante „Neuinterpretationen des Themas Büro“, meinte Vitra-CEO Hanns-Peter Cohn.


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