Menschen

Arik Levy

von Jasmin Jouhar, 24.11.2008

Bühnenbilder, Lichtinstallationen, Skulpturen, Ausstellungskonzepte – und auch: Möbel. Arik Levy lediglich einen Designer zu nennen, greift sicher zu kurz. Er selbst sieht sich als viele verschiedene Personen mit unterschiedlichen Interessen, aber einem gemeinsamen Gehirn. Levy wurde 1963 in Israel geboren und studierte Industriedesign in der Schweiz. Er unterrichtete an verschiedenen europäischen Designschulen. Gemeinsam mit seinem Partner, dem Amerikaner Pippo Lionni, führt er seit 1997 das Studio ldesign" in Paris. Levy arbeitete bereits mit zahlreichen Herstellern zusammen, unter anderem entwarf er das Regal „Fluid" für Desalto, Sitzmöbel für Baleri Italia, ein Regalsystem für Zanotta und einen Arbeitstisch für Swedese. Anlässlich der Büromesse „Orgatec“ stellte er sein neues Möbelsystem „WorKit“ für Vitra vor. Designlines erzählte er, was die Zusammenarbeit mit Vitra besonders macht, warum fünf Sorten Milch besser sind als eine und wie er sich morgens unter der Dusche fühlt.

Herr Levy, lassen Sie uns mit dem neuen Produkt beginnen, das Sie für Vitra entworfen haben: das Büromöbelsystem „WorKit“. Welche Ideen waren für Sie zentral im Entwurfsprozess?


Kein Produkt kommt aus dem Nichts. Vitra und ich arbeiten seit sieben Jahren zusammen, am Anfang stand gleich ein sehr großes Projekt, die Firmenzentrale von Cartier in Paris. Und wir haben „ABC“ gemacht, ein leichtes Einzelarbeitsplatzsystem, das sehr gut funktioniert. Es war an der Zeit, einen neuen Ansatz zu entwickeln, der sich mit Flexibilität beschäftigt. Flexible Systeme können modular aufgebaut sein, aber modulare Systeme sind nicht per se flexibel. Die Welt verlangt nach Flexibilität, und mit dem neuen Möbelsystem können wir sie anbieten.

Flexibilität ist eines der großen Stichworte der Branche, alle sprechen von flexiblen und wandelbaren Bürokonzepten. Aber es sitzen doch noch immer viele Menschen jeden Tag am selben Schreibtisch, und nichts ändert sich für sie. Ist Flexibilität wirklich so wichtig?

Menschen bleiben Menschen – daran ändert sich nichts. Aber was in meinen Augen sehr wichtig ist, ist die Frage, ob man die Wahl hat. Wenn man die Wahl hat, kann man seinen Arbeitsplatz und auch sein Leben ganz anders gestalten. Wenn Sie die Auswahl unter fünf verschiedenen Milch-Marken haben, dann können Sie die Milch trinken, die Sie mögen. Aber wenn Ihr Supermarkt einen Exklusiv-Vertrag abgeschlossen hat und nur eine Marke anbietet, und der nächste Supermarkt fünf Kilometer weit weg ist, dann müssen Sie eine Sorte nehmen, die sie vielleicht gar nicht mögen. Schrecklich! Wir müssen Wahlmöglichkeiten anbieten. Flexibilität ist nur ein Wort – alle benutzen es, weil unser Vokabular irgendwie begrenzt ist.

Wie finden Sie heraus, welche Wahlmöglichkeiten die Nutzer Ihrer Produkte gerne hätten?


Wissen Sie, die Menschen wie wir, die im Bereich des „High-Level-Design” arbeiten, sind anspruchsvoll, wir reden nur miteinander – was auch wichtig ist. Aber ich rede gerne mit den Leuten, die meine Möbel aufbauen. Die Leute, die die Sachen verladen, die, die sie produzieren. Diese Leute sind meine Kunden. Sie wissen, was funktioniert und was nicht. Meine Aufgabe ist es, ihre Meinungen zu interpretieren und eine Antwort für jeden von ihnen zu finden. Wenn ein Elektriker nicht gerne mit meinem Produkt arbeitet, wird er seinen Job nicht gut machen und das Büro wird nicht gut funktionieren.

Sprechen Sie regelmäßig mit den Elektrikern oder den Monteuren?


Ich liebe das! Ich kremple meine Ärmel hoch und trage Kisten. Das macht Spaß und dabei lerne ich eine Menge. Für „WorKit” habe ich eine lange Liste mit allen möglichen Problemen erstellt. Mein Team und ich haben uns dann zusammengesetzt und uns für jedes eine Antwort überlegt. Ich möchte nicht in der Situation sein, einem Kunden etwas zu präsentieren, und er fragt: „Warum gibt es dieses oder jenes nicht? Kann ich das auch größer haben?“ Ich suche also Lösungen, aber sie müssen konkret sein. Ich will kein Design, ich will gute Produkte machen.

Wie bereits erwähnt ist „WorKit“ ist nicht Ihr erstes Produkt für Vitra. Charakterisieren Sie doch bitte Ihre Zusammenarbeit mit Vitra.

Vitra ist eine Firma, die nachdenkt. Eine Firma, die nachdenkt und auf ihr Herz hört – und auch auf meines. Vitra ist ein wunderbarer Ort, und wir arbeiten fantastisch zusammen. Wir treffen uns öfter als einmal im Monat. Es ist fast wie eine Familie. Das ist wichtig – schließlich geht es um Menschen. Ein Stuhl ist ein Stuhl, und ein Tisch ist ein Tisch. Wie viel gibt es dazu zu sagen? Aber über Menschen gibt es viel zu sagen!

Wie läuft die Zusammenarbeit konkret ab? Bieten Sie Ideen an? Oder werden Sie angefragt?


Es hat von beidem etwas. Vor allem aber füttere ich das Team ständig mit meinen Kommentaren, meinen Ideen, meinen Interpretationen der heutigen Welt. Da ich viel reise und viele verschiedene Sachen mache, kriege ich eine Menge Input. Wir bewerten das und ziehen da raus, was wichtig werden wird. Ein System wie „WorKit“ ist nicht etwas, das irgendwann anfängt oder endet. Es ist nicht wie ein Glas. Bei einem Glas hat man eine Zeichnung, es wird geblasen und fertig ist es. Ein System ist ein andauernder Prozess, offen für Veränderungen und Verbesserungen.

Es hört sich fast so an, als betrachteten Sie Vitra als Ihren eigenen Arbeitsplatz, als Teil Ihres Studios.


Das könnte man so sagen. So und anders herum. Prototypen von neuen Produkten lasse ich auch in meinem eigenen Studio aufbauen. Mein Studio wird zur Werkstatt. Mit WorKit haben wir täglich gearbeitet. Wir haben es verändert, wir haben es kaputt gemacht. Dann bin ich wieder zu Vitra gefahren und habe erzählt, was alles noch nicht funktioniert. Was noch überarbeitet werden muss.

Wenn Sie ein Arbeitmöbel oder eine Arbeitsumgebung entwerfen, was ist dabei für Sie das Wichtigste?


Wie ich bereits sagte, es geht mir um die Menschen. Das Wichtigste ist also, den Menschen Arbeitsplätze zu geben, wo sie sich verwirklichen können, wo sie sich besser fühlen und besser arbeiten. Das Konzept des „open space“ hat den Arbeitsplatz radikal verändert. In einem Einzelbüro sitzt man für sich allein und kann weinen oder am Telefon schreien. In einem offenen Raum geht das nicht. Die Menschen müssen lernen, auf ihre Kollegen zu achten. Sie müssen anders sprechen, sie müssen leiser sein, sie können das nicht mehr machen (klopft nervös mit den Fingerkuppen auf den Tisch). Wenn das vierzig Leute machen, kann man nicht mehr arbeiten.
Für mich ist das Wichtigste, allen Beteiligten auf allen Ebenen – den Planern, den Office Managern, dem Eigentümer, der das Geld ausgibt – all denen die Möglichkeiten zu geben, die Arbeitsplätze zu verändern, weiterzuentwickeln, zu vergrößern oder zu verkleinern. Ich komme gerne zurück und schaue mir Projekte an, die ich eingerichtet habe. Ich spreche mit den Mitarbeitern und höre mir an, ob sie gerne zur Arbeit kommen. Wenn jemand gerne arbeitet, dann ist das gut für die Firma und gut für ihn selbst. Ein schöner Moment für mich war, als ich kürzlich die Zentrale von Cartier wieder besucht habe. Alles sah gut aus, die Möbel waren in Ordnung, und die Leute zufrieden.

Wie sieht Ihr eigener Arbeitsplatz aus? Wo arbeiten Sie am liebsten?

Es gibt nicht den einen besten Ort für mich. Ich liebe mein Ferienhaus am Meer. Aber da arbeite ich auch nicht unbedingt besser als in meinem Büro. Ich arbeite am besten, wenn ich mich auf eine bestimmte Art und Weise fühle. Das merke ich morgens in der Dusche: Wenn ich die Augen schließe und das Gefühl habe, die Tropfen, die auf meinen Kopf fallen – das Wasser, es fließt durch meinen Körper und kommt aus meinen Zehen wieder raus. Dann ist ein guter Tag für mich, dann kann ich überall arbeiten, am Schreibtisch, im Schwimmbad, das ist egal. An einem schlechten Tag prallen die Tropfen wie wild von meinem Kopf ab … An so einem Tag sollte ich besser gar nicht arbeiten.

Wie wichtig sind Erfindungen – neue Technologien, neue Materialien – für Ihre Arbeit? Sehen Sie sich selbst als Erfinder oder Forscher?


Ich sehe mich selbst als Sozialwissenschaftler. Und als Bildhauer. Die einzigen beiden Dinge, die alle Menschheitskrisen überstanden haben, sind Kunst und Innovation. Wenn die Dinge, die man tut, nicht wenigstens einen klein wenig innovativ sind, werden sie nicht bleiben. Innovativ zu sein ist unsere Aufgabe als Designer. Neue Materialien sind schon wichtig, aber noch wichtiger ist, wie man sie einsetzt. Plastik ist nicht neu, Wabenstrukturen sind so alt wie die Bienen. Es geht um neue Wege, die Materialien zu verwenden. Im Falle von WorKit gingen die ganze Innovation und der ganze technische Aufwand in den kleinen Würfel, der das zentrale Element des Systems ist.

Ein anderes Thema, das immer wieder diskutiert wird in der Branche, ist die Nachhaltigkeit. Alles soll grün sein, grünes Design, grüne Materialien – ist das nur ein Trend, über den in fünf Jahren keiner mehr redet?

Darüber zu reden ist definitiv ein Trend. Wenn man sich allerdings an die Zeit vor etwa zehn Jahren erinnert: Damals machten alle braune, unbedruckte Verpackungen, weil sich bunt bedrucktes Material schlecht recyceln lässt. Zwei Jahre später hat sich keiner mehr dafür interessiert – die Verpackungen waren wieder schön bunt. Ein Desaster! Was ich als Designer machen kann, ist möglichst langlebige Produkte zu entwerfen. Sie müssen etwas aushalten, die Einzelteile müssen austauschbar sein, und das ganze Möbelsystem sollte anpassungsfähig sein. Es sollte Ansprechpartner für Wartung und Reparatur geben. Das alles trägt zur Nachhaltigkeit von Produkten bei. Wenn es ein Drittel weniger Zeit als üblich braucht, einen Tisch zusammenzubauen, dann ist auch das nachhaltig. Kosteneffiziente Systeme sind nachhaltig.

Sie entwerfen auch Bühnenbilder für Tanztheaterstücke und machen Kunst. Beeinflussen diese Projekte Ihre Arbeit als Designer?

Ich bin viele verschiedene Personen, die aber ein gemeinsames Gehirn haben. Mein Gehirn kann ich nicht teilen. Natürlich verlangt jedes Feld eine unterschiedliche Herangehensweise. Das Schöne am Theater ist, das es den Körper mit einbezieht. Es gibt Musik, es gibt Licht, es gibt das Publikum. Im Theater kann es passieren, dass eine Aufführung einen zum Weinen bringt. Ich selbst bekomme jedes Mal wieder eine Gänsehaut, wenn ich zur Generalprobe oder Premiere eines Stückes komme, an dem ich mitgearbeitet habe. Natürlich ist es auch aufregend, hier auf der Messe meine „Kinder“ zu sehen, wie sie eine eigene Existenz entwickeln und wie die Menschen auf sie reagieren. Aber die Theaterarbeit, die Kunst, die Lichtinstallationen, die Skulpturen, die Gemälde, die ich seit Jahren male, das alles ist die große Antithese zum Design. Das alles ist eine großartige Flucht in eine Welt ohne Beschränkungen. Und jedes Mal gibt es ein großartiges Comeback mit neuen Gefühlen und Ideen in die Welt der großen Beschränkungen.

Die letzte Frage: Was ist der größte Fehler, den ein Designer machen kann?

Design! Ein Designer sollte denken, nicht designen.

Herr Levy, vielen Dank für das Gespräch.
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