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Die Material-Profis

Interview mit Anna Tscherch und Carsten Wiewiorra

Als Planende und Lehrende beschäftigen sich Anna Tscherch und Carsten Wiewiorra intensiv mit Materialien. Im Interview erklären sie, wie durch den Fokus auf Innenräume die Materialvielfalt wächst.

von Judith Jenner, 29.03.2021

Fast 500 Seiten umfasst das „Construction and Design Manual – Materials and Finishes“, das Anna Tscherch und Carsten Wiewiorra 2019 herausgebracht haben. Eine deutsche Ausgabe erschien bereits einige Jahre zuvor unter dem Titel „Handbuch und Planungshilfe – Materialien und Oberflächen“. Als Basis diente den Architekten die Materialbibliothek der Detmolder Schule für Architektur und Innenarchitektur an der Technischen Hochschule Ostwestfalen-Lippe, die Carsten Wiewiorra leitete. Heute ist er Dekan und Professor im Bereich Ausbaukonstruktion und Werkstoffe. Anna Tscherch ist Professorin in Vertretung für Baukonstruktion und Baustoffe. Neben Lehre und Forschung entwerfen sie mit ihrem Berliner Architekturbüro Projekte für Organisationen, Unternehmen und private Bauherren. Welche Ansprüche sie dabei an Materialien stellen und welche Entwicklungen sie beobachten, schildern sie im Interview.

Sie setzen sich sowohl wissenschaftlich als auch praktisch mit Materialien auseinander. Welche neuen Materialtrends beobachten Sie?
Anna Tscherch: Neue Materialien sind oft Weiterführungen oder Varianten der Grundmaterialien wie Holz, Stein oder Kunststoff. Oder sie sind Kombinationen, also Verbundmaterialien, die die Eigenschaften verschiedener Materialien zusammenbringen. Deshalb gehen wir in unserem Buch auch stark auf die Grundlagen ein.
Carsten Wiewiorra: Einer der wichtigsten Trends im Materialdesign ist es, neue Materialien durch Oberflächenbearbeitung herzustellen, sei es Perforation oder Prägung. Oder die Materialien und damit ihre Eigenschaften zu kombinieren. Das hat auch mit bauphysikalischen Funktionen zu tun, beispielsweise Akustik, Robustheit oder Wasserbeständigkeit.

Welche Umstände braucht es, damit neue Materialien entwickelt werden?
Carsten Wiewiorra: War dies bisher die Optimierung von Eigenschaften und Kosten, sind aktuell Knappheit und Gesundheit meiner Ansicht nach die treibenden Kräfte. Bei Beton ist es beispielsweise der Sand, der knapp wird. Da müssen Alternativen her.
Anna Tscherch: Dadurch werden nachwachsende Rohstoffe wie Holz interessanter. Ich denke aber auch, dass die gesellschaftliche Individualisierung zu Neuentwicklungen führt. Der Wunsch nach Innovation ist sehr stark, zumal das Thema Wohnen und Gestaltung von Innenräumen insgesamt eine höhere Bedeutung bekommen hat, nicht zuletzt durch die Pandemie.

Die steigende Bedeutung der Innenarchitektur befeuert also die Materialentwicklung?
Carsten Wiewiorra: Wohlbefinden ist insgesamt wichtiger geworden, nicht nur im Privaten. Jede Shoppingmall braucht ein innenarchitektonisches Thema, jedes Geschäft, jedes Restaurant. Das spiegelt sich auch darin wider, dass große Architekturbüros Innenarchitekten in ihren Reihen sitzen haben und der Innenraum nicht mehr von den Architekten „mitgemacht“ wird. Viele neue Materialien können zudem erst im Innenraum ausprobiert werden, wo es trocken und warm ist, bevor sie vielleicht auch an der Fassade eingesetzt werden.

Wie finden Sie die richtigen Materialien für Ihre Projekte?
Carsten Wiewiorra: Augenfällig bei unserer Architektur ist, dass wir eigentlich immer über das Material und seine Farbigkeit arbeiten und damit räumliche Atmosphären erzeugen. Eine grüne Wand ist eher eine grüne Natursteinwand als eine gestrichene Fläche. Sie trifft auch eine konzeptionelle Aussage zu Robustheit, Wärme oder Solidität. Ein Material kommuniziert: Nussbaum sagt etwas ganz anderes als eine glatte und homogene Linoleum-Oberfläche. Wenn diese aber geprägt ist und dreidimensional wird, verändert sich auch das Narrativ.
Anna Tscherch: Es kommt auch auf den Kontext und das Zusammenspiel der Materialien an. Beispielsweise haben wir für das Büro des Bauernverbandes in Berlin Kork wiederentdeckt und zeigen ihn in einem ungewöhnlichen Materialmix mit anderen Naturstoffen.

Ein Comeback für Retro-Materialien?
Carsten Wiewiorra: Ich arbeite gerne mit Materialien, die gerade nicht so im Trend liegen. Zum Beispiel finde ich Teppich toll, weil man ihn nach eigenen Vorstellungen bedrucken kann. Aber auch Tapeten haben wir schon Anfang der 2000er wieder salonfähig gemacht, nachdem sie eigentlich lange out waren. Alte Verlegetechniken wie Rautenparkett bedeuten zwar einen hohen handwerklichen Aufwand, sehen aber in einem modernen Kontext wie im Haus Blumenthal in Berlin fantastisch aus.

Was macht Materialien nachhaltig?
Carsten Wiewiorra: Um das wirklich beurteilen zu können, muss man den gesamten Zyklus betrachten, vom Abbau über den Transport bis hin zur Lebensdauer. Immer wichtiger wird die Frage werden: Was ist recycelbar? Das spricht tendenziell gegen Verbundmaterialien und für eine auch dahingehend umsichtige Verarbeitung – auch auf der Baustelle.
Anna Tscherch: Sehr interessant finde ich das Thema Dämmstoffe aus Naturmaterialien, gerade in Verbindung mit dem Holzbau. Momentan werden sie noch überwiegend von Liebhabern eingesetzt. Die breite Masse schaut eher auf die Kosten. Dadurch, dass viele Unternehmen ein Nachhaltigkeitslabel haben wollen, findet langsam ein Umdenken in der Breite statt. Im öffentlichen Bau gibt es schon länger Vorschriften zu Baugesundheit und Nachhaltigkeit.

Welche Rolle spielen Smart Materials?
Anna Tscherch: Die wichtige Frage bei Smart Materials ist meiner Ansicht nach: Was können Materialien? Ihre antibakteriellen Eigenschaften machen beispielsweise Türklinken aus Edelstahl interessant. Smart Materials müssen nicht unbedingt ihre Farbe wechseln können, sondern eine wichtige, beispielsweise bauphysikalische Eigenschaft mitbringen. Akustik ist ein Riesenthema. Das berücksichtigen wir inzwischen auch im Privaten, weil es einfach eine unheimlich tolle Atmosphäre schafft und wichtig für das Wohlbefinden ist.

Wie gehen Sie dabei vor?
Carsten Wiewiorra: Oft entwickeln wir selbst Lösungen, beispielsweise durch Wandbespannungen oder gefrästes MDF, das mit schallabsorbierenden Platten hinterlegt wird. Vielleicht, weil wir aus der Architektur kommen, ist das Material für uns nicht in erster Linie Dekoration, sondern ein raumbildendes Element.

Haben Sie persönlich ein Lieblingsmaterial?
Anna Tscherch: Das kann man so nicht sagen. Es gibt einfach Materialien, die unheimlich vielseitig einsetzbar und dadurch spannend sind. Was uns wichtig ist, ist die Materialechtheit. Wenn etwas wie Holz aussieht, sollte es auch Holz sein.
Carsten Wiewiorra: Im Moment beschäftigen wir uns viel mit Natursteinen, denn viele Steinoberflächen sehen aus wie Kunstwerke und haben tolle Eigenschaften. Holz ist auch so ein Spaßmaterial. Seine Anmutung kann beispielsweise durch Fräsungen verändert werden, sodass das Holz an Textilien erinnert. Durch einfache Mittel wie Perforation wird die Akustik verbessert. Und das trägt letztendlich auch zu gesunden und atmosphärischen Räumen bei.

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