Menschen

Handwerk als Türöffner

Im Gespräch mit dem Designer Stephen Burks

Stephen Burks bewegt sich zwischen den Welten. 1997 hat der gebürtige Chicagoer sein Designbüro in New York gegründet und sich frühzeitig mit Fragen der Ökologie und Nachhaltigkeit beschäftigt. Seit 2005 engagiert er sich für verschiedene Non-Profit-Organisationen im Designaustausch mit Kunsthandwerkern rund um den Globus. Ein Gespräch über inklusive Gestaltung, seine unverhoffte Rolle als Galerist und darüber, wie Social Media die Arbeit des Designers verändert.

von Norman Kietzmann, 15.01.2021

2020 war ein turbulentes Jahr. Was hat sich in Ihren Augen verändert?
Alle Aspekte haben sich verändert. 2020 wird als das Jahr in Erinnerung bleiben, in dem sich die Menschen selbst in Frage gestellt haben. Die Pandemie, die Black-Lives-Matter-Bewegung, die nicht zu übersehenden Auswüchse des Klimawandels: Sie alle haben dazu geführt, dass wir unsere Ansätze neu durchdenken müssen. Wir müssen aufwachen und uns bewusst werden, dass wir einen Wandel brauchen, um die Welt und die Gesellschaft gerechter und für alle zugänglicher zu machen.

Produkte brauchen eine neue Relevanz?
Relevanz ist ein Maß, dessen Definition sofort polarisiert. Ich denke, dass Produkte eine Vielzahl an Faktoren erfüllen müssen. Und die gehen über die Relevanz für eine bestimmte Gruppe hinaus. Die kulturelle Produktion erfolgt heute global – auch wenn wir derzeit auch eine ganz neue Fokussierung auf das Lokale sehen. Es geht um die Frage, wie Konsumenten aus ganz unterschiedlichen Kulturkreisen an etwas teilhaben können. Was ist wirklich von Interesse für den Konsumenten? Macht es überhaupt Sinn, ein Projekt zu machen?

Wie ist die Stimmung zurzeit in New York?
Die Stadt ist beinahe leer. Einige Teile von Manhattan erinnern mich an die frühen Neunziger, als ich in New York angekommen bin. Da gab es noch nicht den Touristenstrom der letzten Jahre. Covid-19 hat die Zeit zurückgedreht zu einem Moment, als es in New York vor allem New Yorker gab. Die Stadt fühlt sich sehr viel kleiner an. Es gibt Momente, in denen man in New York alleine ist und das als wunderbar empfindet. Und dann gibt es Momente, in denen man alleine ist und es sich leer anfühlt. So geht es mir im Moment. Wo ist die Energie? Wo die Verbindung? Das vermisse ich am meisten. Vor allem in der Öffentlichkeit.

Wo verbringen Sie die meiste Zeit?
Wir leben in Boerum Hill in Brooklyn. Mein Studio ist in Clinton Hill, nicht weit davon entfernt. Und dann haben wir eine Galerie in Dumbo eröffnet. Wir bewegen uns in einem Dreieck in Brooklyn, das sehr klein ist, wenn man die Größe von New York bedenkt. Wir können zwischen all diesen Orten in einer halben Stunde zu Fuß gehen.

Was hat es mit der Galerie auf sich?
Sie heißt Contemporaries und ist halb Studio, halb Ausstellungsraum. Wir sind dort im Februar eingezogen und haben erst einmal nur gestrichen. Dann kam die Pandemie und wir waren bis August nicht einen Tag dort. Nach dem Sommer dachten wir: Okay, wir müssen dort etwas machen. Also haben wir die Türen zu unserer Gemeinschaft geöffnet, auch wenn wir gar nicht die Absicht hatten, eine Galerie zu eröffnen. (lacht) Der Raum war als zweites Studio vorgesehen, um Termine mit Kunden zu machen. Es gibt dort eine große Schaufensterfront. Deswegen können wir dort nicht so messy sein wie in dem anderen Studio in Clinton Hill. Wir zeigen nun jeden Monat ein anderes Projekt, um mehr lokale Kultur und Produktion zu erkunden. Your local is now your global.

Vermissen Sie das Reisen?
Die Welt war der Spielplatz. Es war eine solche Routine, nicht nur mit all den Langstreckenflügen nach Europa. Selbst nach Boston bin ich zweimal die Woche geflogen, wo ich an der Harvard Graduate School of Design unterrichtet habe. Das war sehr extravagant und sicher auch ein wenig verschwenderisch. Die Pandemie hat die Art verändert, wie wir arbeiten. In all den Jahren zuvor bin ich zu den Produktionsstätten von Dedon in die Philippinen gefahren oder zu den Firmen in Italien. Es ist nun unmöglich geworden, die Fabriken zu besuchen und sich Prototypen anzuschauen.

Sind Videokonferenzen ein Fluch oder Segen?
Dass man mit Videokonferenzen ein Fenster zum Rest der Welt öffnet und sie in sein Wohnzimmer einlädt, ist irgendwie auch lustig. Ich bin gerade zu Hause, sitze in meiner Bibliothek. Wer hätte je zuvor gedacht, dass wir das machen würden? (lacht) Aber es gibt etwas, das fehlt. Es raubt einem enorm viel Energie, ständig auf einen Bildschirm zu schauen. Es ist psychologische Energie. Denn man hat das Gefühl, ständig zu performen. Ein anderer Punkt ist: Man würde ja denken, dass wir mehr Zeit haben, weil wir nicht mehr reisen. Doch wir füllen all den Extra-Raum mit weiteren Online-Meetings. (lacht) Umgekehrt: Wenn man einen langen Flug hinter sich hat und vollkommen übermüdet ankommt, muss ein Meeting auch nicht immer ergebnisreich sein.

Was kann die Designwelt aus der Corona-Zeit lernen?
Dass es Marken mit E-Commerce und einer globalen, digitalen Erreichbarkeit geschafft haben, in der Pandemie sogar zu wachsen. Online-Verkäufe sind ja durch die Decke gegangen. In anderen Branchen ist das seit Jahren normal. Aber im Möbeldesign hat niemand damit gerechnet. Die Hersteller sind mit Händlernetzwerken verbunden, die physische Verkaufsräume unterhalten und deshalb in den letzten Monaten stark zu kämpfen hatten. Und wenn sie online verkaufen, dann über andere Händlerseiten. Fast keine große Möbelmarke hat eine eigene Plattform für den Online-Verkauf. Ich denke, dass es wichtig ist, nicht von einer dritten Partei abhängig zu sein, um die eigenen Produkte zu promoten und zu verkaufen. Man muss proaktiv sein, Verbindungen ausbauen und die Reichweite in den sozialen Medien verbessern.

Social Media ist stark von Bildern getrieben. Müssen Produkte heute bestimmte Formen und Farben besitzen, um besonders geklickt werden? Verändert Social Media die Produktentwicklung?
Es gibt mit Sicherheit eine größere Aufmerksamkeit gegenüber dem, was als Blickfang – eye candy – fungiert. Auch verändert sich die Rolle von uns Designern. Früher haben wir Produkte entworfen und uns mit Materialien und Produktionstechniken beschäftigt. Heute müssen wir auch Social-Media-Inhalte produzieren. Weil jeder eine hochauflösende Kamera in der Tasche trägt, gibt es die Vorstellung, dass jeder ein tolles Video und einen tollen Social-Media-Inhalt machen kann. Das ist ein überraschender Zugang. Ich würde viel lieber mit einem Regisseur an professionelleren Videos arbeiten, als alles selber machen zu müssen.

Der Designer muss vor der Kamera überzeugen?
Ja, der performative Aspekt hat enorm zugenommen. Es gibt eine Show hier in den USA. Sie kommt aus Australien und heißt „New York by Design“ und läuft auf CBS, einer der größten Sendestationen. Es gibt einen Designwettbewerb um Nachhaltigkeit, um das beste Produkt für die Zukunft. Und die Zuschauer können abstimmen. Die kompetitive Natur des Designs gibt es sicherlich auch auf einer Möbelmesse, wo man sich einen Stand nach dem anderen anschaut. Aber im Fernsehen zu sein und dort in einer sehr direkten Ansprache an die Konsumenten sein Produkt zu verkaufen, ist etwas vollkommen anderes! Die klare Trennung, dass die Designer entwerfen und die Firmen den Verkauf und das Marketing übernehmen, gibt es nicht mehr. Diese Entwicklung ist mit Sicherheit aus Social Media heraus gewachsen. Und ich muss sagen, sie ist auch ein Stück weit beunruhigend. (lacht)

Handwerk zieht sich als roter Faden durch Ihre Arbeit. Inwieweit hat sich hierbei die Wahrnehmung in den letzten Jahren verändert?
In meinem Studio entwickeln wir Projekte, die das Potenzial haben für die wirtschaftliche Transformation einer Gemeinschaft. Es geht um die Humanisierung aus der Konsumentenperspektive. Produkte fühlen sich besser an, wenn man weiß, dass sie von Hand gemacht wurden und eine bestimmte Gruppe von Menschen dahinter steht. Für die Generation der heutigen Designstudenten ist Handwerk zu einem Türöffner für Nachhaltigkeit geworden. Sie denken nicht so sehr an die Mikroskala im Handwerk, wie etwas gemacht wird. Sie denken eher an die Makroskala: Wenn etwas so oder so gemacht wird, wie beeinflusst es all die Aspekte in der großen Kette. Hier geht es um neue, innovative Materialien und Fertigungstechniken, die sauberer für die Umwelt sind. Insofern ist Handwerk zu einer Plattform für alles Mögliche geworden.

Ihr Studio heißt heute Stephen Burks Man Made und nicht mehr Readymade Projects wie in den Anfangsjahren. Warum?
Der Auslöser für die Umbenennung war meine Ausstellung im Studio Museum in Harlem 2011. In dem Moment habe ich besser verstanden, was ich machen wollte. (lacht) Ich weiß nicht, wie es mit anderen ist. Aber für mich hat es eine Weile gedauert, meine Identität zu verbinden mit meinem Studio. Die Frage: Warum bin ich in diesem Business? Mir hat immer die Idee gefallen, dass Design sehr viel größer ist als das, was aus der europäisch-westlichen Perspektive wahrgenommen wird. Wenn wir jeden in die Geschichte mit einschließen könnten, wie würde Design dann aussehen? Das ist es, was ich mit Stephen Burks Man Made erreichen will: Immer weiter zu lernen und im selben Moment die Türen für andere offen zu halten, die dasselbe tun.

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Links

Stephen Burks Man Made

www.stephenburksmanmade.com

Interview Stephen Burks

www.baunetz-id.de

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