Menschen

Martin Rauch

Ein Gespräch mit dem österreichischen Lehmbau-Experten über die Ästhetik der kalkulierten Erosion.

von Dina Dorothea Dönch, 23.02.2015

Ein sehr ursprüngliches Material erlebt gerade eine weltweite Renaissance: Lehmbau wurde lange Zeit als Arme-Leute-Baustoff missachtet. Spätestens die 1999 gebaute Kapelle der Versöhnung in Berlin dürfte keinen Zweifel daran lassen, dass das Material durchaus ästhetisch und sogar spirituell sein kann. Martin Rauch hat den Baustoff für sich entdeckt und im gleichen Jahr sein Studio Ton Lehm Erde gegründet. Seitdem hat der Österreicher einiges erreicht: Inzwischen realisiert er in Zusammenarbeit mit namhaften Architekten Projekte auf der ganzen Welt.

Als Experte für Lehmbau arbeiten Sie seit Jahrzehnten erfolgreich mit verschiedenen Architekturbüros zusammen. Das Material Lehm wird geschätzt, weil es das Raumklima verbessert. Durch Feuchtigkeitsaufnahme und -abgabe korrespondiert die Oberfläche mit den Nutzungsprozessen. Ist die massive Lehmwand eine klimatechnische Ideallösung?
Sicher die beste, die ohne Strom und Steuerungstechnik auskommt. Natürlich kann eine massive Lehmwand das Raumklima, den Feuchtigkeitsausgleich, viel besser regulieren als ein dünner Putzauftrag. Zudem ist massiver Lehm ein guter Wärmespeicher. Der Lehm gleicht aus, und nicht ohne Grund wird er im Sommer als kühlend und im Winter als wärmend empfunden. Aber auch allein durch die natürliche Farbigkeit und Haptik wirken Stampflehmwände positiv als dritte Haut des Menschen.

Bietet die Anwendung von Lehm im Außenbereich ähnliche Vorteile wie im Innenraum? Korrespondiert die Fassade auf vergleichbare Weise mit Einflüssen von außen?
Das ist mir sehr wichtig. Im Außenbereich gibt es Erosion, die aber technisch wie gestalterisch mit einkalkuliert wird. Alle Materialien sind einer Erosion unterworfen, nur möchten wir das heute nicht mehr akzeptieren. Durch die Wasserlöslichkeit und feuchteaktive Eigenschaft können sich auf der Fassade keine Mikroorganismen halten. Dadurch erhält die Fassade über Jahrzehnte ihre leuchtende Farbigkeit. Die Fassade korrespondiert also mit den äußeren Einflüssen auf eine ganz selbstverständliche und ehrliche Art und Weise.    

Stampflehm hat ein (wortwörtlich) bodenständiges Image. Sie selbst sagen, die Verwendung des Aushubs der Baugrube für die Wände vor Ort sei die ökologisch beste Variante. Wie kamen Sie zu dem Konzept, vorgefertigte Fassadenelemente aus Stampflehm zu entwickeln?
Die Vorfertigung von ganzen Wohnzimmerwänden aus Stampflehm hatte ich erstmals vor mehr als 15 Jahren für Holzbauten entwickelt. Nur durch die termingenaue schnelle Montage gemeinsam mit dem Holzbau waren solche Realisierungen möglich. Der Transport von Lehmwänden ist außerdem kein Widerspruch zur Lokalität. Auch beim Ricola-Projekt kam das Material aus der allernächsten Umgebung. Mit anderen Worten, auch in der Vorfertigung kann man das Material aus der Baugrube verwenden. Der große Vorteil der Vorfertigung ist vielmehr, und das war auch wie eingangs erwähnt der Hintergrund der Entwicklung, dass man sich viel besser in den Bauzeitenplan einpassen kann. Eine „Vor Ort“-Lehmbaustelle hätte bei Ricola um Monate länger gedauert. Das Projekt wäre vermutlich gar nicht zu Stande gekommen. Durch die Vorfertigung konnten wir im Winter produzieren und im Sommer versetzen.   

Warum ist das Material Stampflehm auch für global agierende Büros interessant? Was ist der repräsentative Wert für die Marke Ricola oder für einen öffentlichen Bau in Saudi-Arabien?
Sicherlich spielt der repräsentative Wert, insbesondere der ökologische Gedanke, eine Rolle. Bei den beiden genannten Projekten war es aber zunächst eine architektonische Idee, die sich aus dem Kontext des Projektes und dem Einsatzort des Lehms ergab. Ich glaube, die Architekten schätzen auch die Archaik, die Materialechtheit, das Massive, die Haptik.

Ist das Material Lehm auch als temporäre Fassadenverkleidung geeignet, die ausgetauscht werden kann? Was bedeutet der Einsatz von Lehm für die Fassade eines Gebäudes? Für Architektur im Allgemeinen?
Stampflehm ist zu 100 Prozent recycelbar. Er kann demontiert und ohne Qualitätsverlust für eine neue Wand verwendet oder auch einfach in die Natur zurückgegeben werden. Einen direkten Fassaden-Austausch halte ich nicht für sinnvoll. Man sollte die Lehmfassade so ausführen, dass sie nicht ausgetauscht werden muss. Durch das Zulassen und Tolerieren einer kalkulierten Erosion ist die Lehmfassade äußerst langlebig. Lehm ist ein sehr haptischer, veränderbarer Baustoff  – vor allem wenn er nicht verkleidet wird. Der archaische Ausdruck ist gleichzeitig Ausdruck einer zeitgemäßen und nachhaltigen Architektursprache.

Vielen Dank für das Gespräch

Dieses Interview ist zuerst erschienen in der Baunetzwoche #398, „Die Macht der Fassade“, vom 19.02.2015. Lesen Sie die gesamte Ausgabe im kostenlosen Download.

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