Menschen

Max Lamb

Der Londoner Designer über latexbespannte Räume, isländische Bausteine und wie das Eigelb in den Stein kam.

von Norman Kietzmann, 23.10.2014

Max Lamb setzt auf Ursprünglichkeit. Einen Namen hat sich der Londoner Designer mit limitierten Editionen gemacht, die der Perfektion industriell gefertigter Objekte entgegentreten. Stühle werden von ihm aus massiven Felsbrocken gesägt, Tische aus Zinn in Sanddünen gegossen oder Hocker aus gummibeschichteten Styroporresten geformt. Immer im Fokus: Das Wilde, Natürliche und ein Stück weit Zufällige. Wir trafen Max Lamb in London und sprachen mit ihm über latexbespannte Räume, isländische Bausteine und wie das Eigelb in den Stein kam.

Aus Stein gefertigte Möbel und Objekte sind heute längst zum Massenphänomen geworden. Als Sie 2007 ihre ersten Arbeiten aus reinem Granit gefertigt haben, waren Sie der Zeit damit voraus. Was hat Sie auf die schwergewichtige Fährte geführt?
Ein entscheidender Grund war sicherlich, dass ich in Cornwall aufgewachsen bin. Die gesamte Porzellanerde von Großbritannien stammt aus meiner Heimatstadt St Austell. Wenn es regnet, färbt sich der Fluss ganz weiß, weil das Kaolin aus dem Boden herausgewaschen wird. Kaolin ist zersetzter Granit. Und die Hänge hinter dem Haus meiner Eltern bestehen aus purem Granit. Es ist das Material, mit dem ich groß geworden bin. Ich denke, dass es kein wertvolleres Material als Stein gibt. Seinen Wert bestimmt für mich seine Haltbarkeit, seine Massivität und sein Gewicht. Stein ist wirklich aufregend (lacht).

Ihre mineralischen Entwürfe scheinen für die Ewigkeit gemacht zu sein. Wollen Sie damit den Zeitgeist einfangen oder eher dem Zeitlichen entfliehen?
Ich glaube, es hatte vor allem mit einer Antihaltung zu tun. Als ich begonnen habe, mit Granit zu arbeiten, war es eine Reaktion darauf, wie Stein normalerweise für Möbel oder Innenräumen verwendet wird. Man sieht immer diese extrem auf Hochglanz polierten Oberflächen und eckigen Formen. Ich meine: Stein kommt aus dem Boden! Er ist nicht glänzend oder eckig, sondern rau und unförmig. Er ist wild. Darum habe ich Stein zunächst auf recht brutale und vielleicht auch aggressive Weise verwendet. Ich wollte den ursprünglichen Charakter dieses Materials erhalten. Dennoch ist es wichtig, im gleichen Moment sein Potenzial zu zeigen. 

Was genau meinen Sie?
Es ist wie bei einem gekochten Ei. Man muss es oben aufschlagen und das Eigelb sichtbar machen. Nur so erhält man eine Vorstellung von der tatsächlichen Schönheit, die sich unter der Oberfläche verbirgt. Bei Steinen ist es dasselbe. Wenn man einen Felsbrocken an einer Seite aufschneidet und ihn dort glänzend poliert, dann tritt sein Potenzial zutage. Der Kontrast zwischen einer glatten Innen- und einer rauen Außenseite ist spannend, weil sie sich gegenseitig aufwerten.

Wie finden Sie, dass heute fast jeder Designer mit Marmor arbeitet?
Ich bewege mich einfach weiter (lacht). Nein im Ernst: Auch wenn ich schon länger mit Stein arbeite, habe ich erst 2013 ein Projekt mit Marmor umgesetzt. Die Kritik, die ich gegenüber den meisten Designern, Architekten und Konsumenten habe, ist die Verengung der Perspektive: Marmor scheint DER Stein zu sein. Das bekannteste, luxuriöseste und beste Gestein der Welt, das Nonplusultra. Doch irgendwie kommt es mir immer so vor, als gehe es nur darum, den Wert des Materials auf das Design zu übertragen statt umgekehrt. Ist etwas automatisch wertvoll, nur weil es aus Marmor gefertigt ist? Aus materieller Sicht mag das stimmen. Aus Designsicht keineswegs.

Doch auch Sie werten ihre Steinmöbel durch die Kraft des Materials auf...
Ja, aber der Unterschied ist der, dass Granit ein vergleichsweise bescheidenes Material ist. Er ist das häufigste Gestein der Erde und auf allen Kontinenten zu finden. Darum war es spannend, mit Granit zu arbeiten, gerade weil er nicht so bekannt ist wie Marmor. Hinzu kommt, dass viele Designer den Marmor zu stark transformieren. Sie polieren ihn von allen Seiten und rauben ihm seine Natürlichkeit. Mir ist das zu künstlich. Ich verwende lieber die rauen Stücke, die ein wenig abseits auf den Steinbrüchen liegen und ihre Ursprünglichkeit bewahren.

Für die Ausstellung Austurland: Designs from Nowhere, die während des London Design Festival 2014 gezeigt wurde, hat Sie der Weg nach Island geführt. Auch dort haben Sie mit Steinen gearbeitet. Erzählen Sie uns, was es mit dem Projekt auf sich hat.
Die Idee des Projektes war, dass eine Gruppe von Designern zusammen mit Handwerkern aus dem Osten Islands jeweils ein Projekt umsetzt. Die Gegend ist extrem dünn besiedelt. Weil in den kalten Monaten nichts angebaut werden kann, sind die Farmer zugleich Mechaniker, LKW-Fahrer und Steinmetze in einer Person. Ich bin letzten Oktober für zwei Wochen dorthin gefahren und habe bei einem Handwerker gewohnt, den alle Willy nannten. Sein Haus ist Werkstatt und Galerie in einem. Er stellt hauptsächlich Andenken für Touristen her, für die er Fundstücke wie Fischernetze oder Haifischzähne verwendet. Er hat mir viel über die Region beigebracht und mir gezeigt, wo ich schöne Kristalle oder Steine finden konnte. In diesem Moment entstand die Idee für das Projekt.
Ihr Entwurf ist ein Set aus sieben Bausteinen, die Sie entgegen Ihre Vorliebe für raue Steinflächen ganz streng im rechten Winkel geschnitten haben. Warum?Die Prototypen der Quader habe ich in Willys Werkstatt aus den gefundenen Steinen geschliffen. Später haben wir einen anderen Handwerker gefunden, der sie in Serie produziert hat. Das Ganze ist als ein Spiel gedacht. Die sieben Bausteine erlauben eine Vielzahl an Kompositionen. Es könnten auch 15 oder 20 Bausteine sein. Doch sie sind extrem arbeitsaufwändig, weil alle von Hand geschnitten werden. Sieben war daher eine gute Zahl. An den sechs Oberflächen der Blöcke kann man die Maserungen genau erkennen. Gelb und rot kommen recht häufig vor. Grün dagegen sehr selten. Aufgrund der variierenden Farben konnte die Form sehr ruhig sein, auch wenn sie nicht perfekt ist. Durch das Abschleifen entstehen kleine Risse und Abbrüche, die zugleich den Charme der Bausteine ausmachen. Auch ist die Oberfläche matt und nicht poliert. Die Steine funktionieren wie kleine geologische Muster der Region, von denen kein Exemplar dem anderen gleicht. 

Man könnte also sagen, dass Sie sich den Zufall zum Verbündeten gemacht machen?
Ja, unbedingt. Es ist spannend, wenn Formen, Oberflächen und Details nicht vorhersehbar sind – ganz gleich, ob es sich um einen Stein oder um eine metallene Oberfläche handelt. Für meinen Pewter Desk habe ich keine industriell vorgefertigte Gussform verwendet. Stattdessen habe ich die Struktur der Tischoberfläche in den Sandstrand von Caerhays in Cornwall eingegraben und anschließend mit Hartzinn ausgegossen. Jedes Exemplar wurde auf diese Weise zu einem Unikat. Diese gewollte Imperfektion ist sicher auch zu einem Synonym für meine Arbeit geworden. 

Ihre Vorliebe für schwergewichtige Rohstoffe haben Sie jüngst beiseite gelegt. Für die von Ihnen gestaltete Boutique des Modelabels Opening Ceremony in London haben Sie auf einen besonderen Kunststoff gesetzt: Latex. 
Das Interessante an Latex ist, dass es einerseits industriell gefertigt wird, andererseits aber aus rein natürlichen Zutaten besteht. Das Material besitzt Wärme und zeigt ein extrem transformatives Verhalten. Das genaue Gegenteil von Stein. Wenn man einen ganzen Raum mit Latex umhüllt, entsteht eine angenehme physische wie visuelle Weichheit. Die Atmosphäre verändert sich vollkommen. Leider sind nicht alle Räume, die vom Menschen geschaffen wurden, auch menschlich. Doch mit einem Vorhang aus Latex kann selbst ein strenger, leerer, weißer Raum sehr angenehm und komfortabel werden, weil die Ecken und Winkel plötzlich weich erscheinen. 

Dennoch scheinen Ihnen die vorhanden Materialien nicht auszureichen. Auf der Mailänder Möbelmesse 2014 haben Sie mit Marmoreal einen künstlichen Marmor vorgestellt, der in einer Fabrik bei Verona industriell gefertigt wird. Was verbirgt sich dahinter?
Es ist als ein flächiges Rohmaterial gedacht, das von Designern, Einrichtern oder Architekten für ihre Projekte verwendet werden kann. Es ist stabil genug, um Böden damit auszulegen oder Möbel daraus zu bauen. Für die Präsentation hatte ich mehrere Tische, Hocker, Stühle und Regale angefertigt. Doch die waren eher als Illustration dafür gedacht, was möglich ist. Als Basis dienen Abfälle aus der Marmorindustrie, die mit einem Polyesterharz verbunden wurden. Auch hier spielt der Zufall eine Rolle, wenngleich in kontrollierten Bahnen. Schließlich ist die Rezeptur für diese manipulierte Natürlichkeit genau bestimmt (lacht).

Vielen Dank für das Gespräch.

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