Stories

Die Macher des Designs

von Norman Kietzmann, 14.04.2011


In ihrer vierten Ausstellung setzt das Mailänder Triennale Design Museum ganz auf die Rolle der Unternehmer. Kuratiert von Alberto Alessi und inszeniert vom spanischen Designer Marti Guixé rückt die Schau anlässlich des 50. Bestehens der Mailänder Möbelmesse nun jene Personen in den Mittelpunkt, die sich sonst in ihrer Rolle hinter dem Vorhang sichtlich wohl fühlen. „Traumfabriken“ lautet der Titel der Schau, die nicht nur den Unternehmern ein Gesicht gibt, sondern ebenso ihren Einfluss auf die Entwicklung des Designs auf den Punkt bringt.
 
 
Die Kameras surren, Fotografen umlagern hektisch das Pult, die Rede eines Sponsors aus der Autobranche muss unterbrochen werden. Als die Mailänder Bürgermeisterin Letizia Moratti den Raum der Pressekonferenz betritt, herrscht große Aufregung: Es ist das erste Mal, dass auch von höchster politischer Stelle ein Vertreter gekommen ist und das Wort ergreift. Doch in dem Jahr, in dem die Mailänder Möbelmesse ihr 50-jähriges Jubiläum feiert, spiegelt ihr Auftritt vor allem eines wider: Das Design ist nicht nur von kultureller Dimension, sondern stellt eine entscheidende wirtschaftliche Kraft in der Stadt dar.
 
Jährlicher Wandel
 
Kein statisches Museum solle es sein, wie Triennale-Direktor Davide Rampello betont. Das Konzept, die Räume im Obergeschoss des Palazzo d’Arte inmitten des Parco Sempione nicht mit einer kontinuierlichen, sondern jährlich wechselnden Ausstellung zu bespielen, hat in den letzten Jahren zu einer Reihe bemerkenswerter Ausstellungen geführt, die die Eigenarten des italienischen Designs unter die Lupe nahmen. Auch wenn die Schau „Die Dinge, die wir sind“, die von Alessandro Mendini im März 2010 in Szene gesetzt wurde, von der New York Times zur weltweit besten Designausstellung des vergangenen Jahres gewählt wurde: Die diesjährige Schau wagt sich an ein Sujet, das die Mechanismen und Eigenarten des italienischen Designs umso treffender auf den Punkt bringt.
 
Es sind diesmal nicht die Produkte, die im Mittelpunkt stehen und auch nicht die Designer. Haben die Besucher den Ausstellungsraum betreten und eine stilisierte, menschliche Figur passiert – zusammengesetzt aus Stühlen, Tischen und Leuchten – sehen sie sich den Unternehmern selbst gegenüber. Die Ausstellung nimmt sich der Personen an, die als Eigentümer der bekannten Designschmieden nicht nur eine unternehmerische Kraft, sondern auch Mitautoren des Designs sind: Die Entscheidung, ob ein Produkt produziert wird, welcher Designer involviert und auf welche Weise es verarbeitet wird, obliegt hier nicht einem Aufsichtsrat oder einer vom Marketing zersetzten Produktabteilung, sondern es sind noch immer die Unternehmer selbst, die die Fäden in der Hand halten.
 
Begegnung auf Augenhöhe
 
„Die Hälfte aller erfolgreichen Produkte, die von italienischen Designfirmen produziert werden, sind das Ergebnis eines internen Briefings. Die andere Hälfte entspringt der Phantasie der Designer“, ist gleich am Eingang zu lesen. Es ist eine Begegnung auf Augenhöhe, deren Ergebnis entscheidend davon abhängt, inwieweit beide Seiten aufeinander zugehen können. Bleiben die Unternehmer sonst stets unsichtbar, erhalten sie nun ein Gesicht. Denn portraitiert werden die Firmen in Form beleuchteter Tafeln, auf denen lebensgroß die Portraits ihrer Gründer zu sehen sind. Weiter unten wird in kurzen Passagen die Geschichte des Unternehmens behandelt, während am Boden ein kleines, aber keineswegs unwichtiges Detail aufwartet: Zu Füßen der jeweils dargestellten Unternehmerpersönlichkeit befindet sich ein kleiner Geldsack, den Marti Guixé in der ihm typischen, comicartigen Handschrift gezeichnet hat. Dieser dient keineswegs der Dekoration oder als komisches Detail, sondern macht die finanzielle Größe der einzelnen Firmen vergleichbar. Auch wenn die exakten Zahlen nicht genannt werden, wird dennoch ein Tabu gebrochen. Denn würde sich eine Designmarke wie Luceplan sonst vorführen lassen als ein Winzling im Vergleich zum Polsterer Poliform?
 
Ungewohnte Nebenrolle
 
Produkte gibt es in der Ausstellung natürlich auch zu sehen, doch spielen sie hier nur eine Nebenrolle. Aufgereiht in der Nähe der Leuchttafeln, die über die jeweiligen Unternehmen berichten, dienen sie der Illustration, wozu die „Traumfabriken“ imstande sind. Zu Wort kommen die Designer aber dennoch über Texte, die sich als Handschriften entlang der Wände reihen und über den Prozess der Ideenfindung Auskunft geben. Man erfährt, dass der berühmte Bücherwurm von Ron Arad, der heute von Kartell in Kunststoff produziert wird, ursprünglich aus Metall gefertigt sein sollte oder dass die abgeknickte Lehne des Sessels Maralunga das Ergebnis einer Diskussion zwischen Vico Magistretti und Cesare Cassina im Jahr 1972 war, bei dem der Prototyp schließlich zu Bruch ging. „Hey, das sieht perfekt aus“, sagte Magistretti und Cassina ließ sich darauf ein. Das Ergebnis mündete nicht nur in einem Designklassiker der siebziger Jahre, sondern wurde ebenso eines der best verkauften Produkte des Unternehmens. Es sind Geschichten wie diese, die sich als roter Faden durch die Ausstellung ziehen und Produkte aus ihrem Machen erklären. Dass Design nicht nur Feuilleton, sondern ebenso Wirtschaft ist, ist sicherlich keine neue Erkenntnis. Doch diese im Kontext eines Museums zu inszenieren, dagegen schon.
 
 
 
Le Fabbriche dei sogni – Traumfabriken
Noch bis zum 26.02.2012 im Triennale Design Museum, Mailand
Facebook Twitter Pinterest LinkedIn Mail
Links

Triennale Design Museum

www.triennaledesignmuseum.it

Mehr Stories

Made in Lebanon

Die Beiruter Kreativszene zwei Jahre nach der großen Explosion

Die Beiruter Kreativszene zwei Jahre nach der großen Explosion

Ein Möbel für alle Fälle

Nachhaltige Systemmöbel von Noah Living

Nachhaltige Systemmöbel von Noah Living

Magie und Frieden

Die Neuheiten der Maison & Objet und Déco Off in Paris 2023

Die Neuheiten der Maison & Objet und Déco Off in Paris 2023

Raus aus dem Möbeldepot

Mobile Einrichtungslösung aus alten Abfalleimern setzt auf Upcycling

Mobile Einrichtungslösung aus alten Abfalleimern setzt auf Upcycling

Adaptives Multitalent

Das Gira System 55 wird 25

Das Gira System 55 wird 25

In den Kreislauf gebracht

JUNG erarbeitet sich Cradle to Cradle-Zertifizierung für komplexes Produktsortiment

JUNG erarbeitet sich Cradle to Cradle-Zertifizierung für komplexes Produktsortiment

Blick nach vorn

Neues von der Sammlermesse Design Miami 2022

Neues von der Sammlermesse Design Miami 2022

Wie aus einem Guss

Systemdesign à la Gira

Systemdesign à la Gira

Born in Beirut

Fünf Designpositionen aus dem Libanon

Fünf Designpositionen aus dem Libanon

Best-of Fliesen 2022

Dekorative Neuheiten für Wand und Boden

Dekorative Neuheiten für Wand und Boden

Das einfach intelligente Zuhause

Per Plug-and-play zum Smarthome mit JUNG

Per Plug-and-play zum Smarthome mit JUNG

Farbenfrohe Nachhaltigkeit

Bolon präsentiert seine erweiterten Kollektionen Artisan und Botanic in Berlin

Bolon präsentiert seine erweiterten Kollektionen Artisan und Botanic in Berlin

Technik-Upgrade für den Wohnraum

News und Trends von der Elektronikmesse IFA

News und Trends von der Elektronikmesse IFA

Alles im Fluß

Keramikfieber auf dem London Design Festival 2022

Keramikfieber auf dem London Design Festival 2022

Preisgekrönte Raumkonzepte

Hannes Peer gewinnt den Best of Interior Award 2022

Hannes Peer gewinnt den Best of Interior Award 2022

Unknown Unknowns

Die XXIII. Internationale Ausstellung der Mailänder Triennale ist eröffnet

Die XXIII. Internationale Ausstellung der Mailänder Triennale ist eröffnet

Best-of Pools

Vom Mini-Tauchbecken bis zum grenzenlosen Schwimmerlebnis

Vom Mini-Tauchbecken bis zum grenzenlosen Schwimmerlebnis

Lockruf des Nordens

Die Neuheiten vom Festival 3daysofdesign in Kopenhagen

Die Neuheiten vom Festival 3daysofdesign in Kopenhagen

Meister der Zweitnutzung

Neues Design aus alten Möbeln von Girsberger Remanufacturing

Neues Design aus alten Möbeln von Girsberger Remanufacturing

Kiesel-Hocker & Hörnchen-Sofas

Die Neuheiten der 60. Mailänder Möbelmesse

Die Neuheiten der 60. Mailänder Möbelmesse

Salone del Mobile 2022

Unsere Highlights aus Mailand

Unsere Highlights aus Mailand

Von der Fläche in den Raum

Formholzmöbel feiern ein Comeback bei Thonet

Formholzmöbel feiern ein Comeback bei Thonet

Catwalk & Disco

Ausstellung Memphis Again in der Mailänder Triennale

Ausstellung Memphis Again in der Mailänder Triennale

Die Welt als Bühne

Design-Ausstellung über Aldo Rossi in Mailand 

Design-Ausstellung über Aldo Rossi in Mailand 

Der Sommer kann kommen

Die neuen Outdoor-Möbel von Royal Botania

Die neuen Outdoor-Möbel von Royal Botania

Motion. Autos, Art, Architecture

Norman Foster kuratiert Ausstellung im Guggenheim Bilbao 

Norman Foster kuratiert Ausstellung im Guggenheim Bilbao 

Innovationsfreu(n)de

Brunner und Stefan Diez präsentieren den Schalenstuhl mudra

Brunner und Stefan Diez präsentieren den Schalenstuhl mudra

Planet Plastik

Neue Ausstellung im Vitra Design Museum

Neue Ausstellung im Vitra Design Museum

Best-of Maison & Objet 2022

Die Neuheiten der Pariser Einrichtungsmesse

Die Neuheiten der Pariser Einrichtungsmesse

Alpine Sinnlichkeit

Entdeckungen auf der Sammlermesse Nomad St. Moritz

Entdeckungen auf der Sammlermesse Nomad St. Moritz