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Zeit ist Luxus in Mailand

Wer auf die Uhr schaut, hat keine Zeit, und wahrer Luxus wird bar bezahlt. Über die Mailand-Highlights abseits des Designs.

von Jeanette Kunsmann & Stephan Burkoff, 18.04.2016

Wer auf die Uhr schaut, hat keine Zeit. Und vergehen sonst die Stunden nachts langsamer als am Tag, verstreichen sie zum Salone del Mobile in Mailand noch mal schneller. Über wahren Luxus und Highlights abseits des Designs.

Man kann sich noch so gut organisieren und vorbereiten: Wenn es etwas gibt, das alle Akteure, Besucher und Designer auf dem Salone del Mobile betrifft, ist es die fehlende Zeit. Parallel zur größten Möbelmesse der Welt finden so viele Cocktails, Präsentationen und Ausstellungen statt, dass mancher den Weg auf das Messegelände gar nicht schafft. Und da alle wichtigen Termine gleichzeitig stattfinden, muss man sich immer wieder entscheiden – es gilt die Mailand-Zeit.

Time is Time
Eine interessante Perspektive auf die Zeit bietet in diesem Jahr wieder der japanische Uhrenhersteller Citizen. Basierend auf der Installation Light is Time in den Räumen der Triennale 2014 präsentiert er sich dieses Jahr mit der Ausstellung Time is Time in der Via Tortona. Insgesamt 120.000 präzise aufgehängte Uhrwerke formen diesmal zwei runde Räume, statt aus Gold wie in der Triennale funkelt 2016 alles in Silber. Dem Konzept „Zeit ist Zeit“ liegt die Tatsache zu Grunde, dass diese eben stets relativ bleibt – dafür muss man nicht einmal Einstein bemühen. Für ein Insekt fühlt sich eine Stunde anders an als für den Menschen, ähnliches gilt für Verliebte und Kinder. Zwölf vergleichbare Zusammenhänge hat Citizen Design in Zusammenarbeit mit dem Pariser Studio Dorell.Ghotmeh.Tane Architects in spezielle Uhrwerke übersetzt, die im Kreis angeordnet vor sich hin ticken. Und wer sich nach so vielen Momenten noch einen weiteren Zeitraum nimmt, kann 18 ausgestellte Uhrenmodelle bewundern, darunter Klassiker aus den Fünfziger- bis Neunzigerjahren und neue Armbanduhren. Die aktuelle Kollektion Ambiluna (2016) wurde von dem japanischen Architekten Sou Fujimoto entworfen. Zeit ist immer jetzt.

„Ihr habt die Uhren, wir haben die Zeit“, weiß ein afrikanisches Sprichwort und verrät dabei nicht, dass man Zeit zwar kaufen kann, Luxus aber bar bezahlen muss. Und was macht man, wenn man mehr als ein gutes Dutzend wertvolle Uhren besitzt und seine geliebten Stücke nicht im Safe oder unterm Bett hüten will? Eine der schönsten Antworten auf diese Frage findet sich bei Hermès.

Luxus aus Leder
Handgenähtes Leder kombiniert mit edler Eiche, feinste Mechanik, die geheime Fächer hervorzaubert und eine zentrale Bühne für die besten Stücke. Diese Sonderanfertigung, ein privater Auftrag eines Uhrensammlers, sorgt für große Augen. Zudem kommt neben den edlen Materialien auch Technologie zum Einsatz, denn wie von Zauberhand werden die teuren Chronografen automatisch aufgezogen. Das französische Luxus-Label Hermès, vor 100 Jahren für seine edlen Sattelgarnituren, heute vor allem für Handtaschen, Seidentücher und Parfum bekannt, fertigt seit geraumer Zeit auch Möbel – bereits 2014 präsentierte sich das Pariser Familienunternehmen auf dem Salone del Mobile in Mailand mit seiner exquisiten Home-Collection.

Hermès unterhält sein eigenes Hèrmes Design Studio und arbeitet darüber hinaus mit einer handverlesenen Anzahl ausgewählter Designer und Architekten zusammen. Für die mystische Installation im Teatro Vetra aus Tonziegeln (Lehm aus Mexiko war Hermès doch zu kostenintensiv) zeichnet der mexikanische Architekt Mauricio Rocha verantwortlich. Der spanische Architekt Rafael Moneo hat Tisch und Stuhl entworfen, das Sofa aus Walnuss, Sattelleder und zimtfarben gewebtem Toile Flamée stammt von dem Pariser Innenarchitekten Noé Duchaufour-Lawrance und die Kollektion Équilibre d’Hermès präsentiert eine Sammlung dekorativer Objekte, die Gleichgewicht versprechen. Auch die zwei handgefertigten Sonderstücke – neben der Uhrenkommode für den Herren gibt es auch ein Schmuckkabinett für die Dame – beweisen eine Balance, die vom Wert gehalten wird. Der Preis sei natürlich eine wichtige Frage, sagt Diane du Chaxel, Chef de Produit Junior bei Hermès, mit ruhiger Stimme und nennt eine erstaunliche Summe von 280.000 Euro – Startpreis, dafür bauen sich andere ein Haus. Die ausgeklügelte Spiegelkonstruktion, durch die man das beste Stück in der Schmuckkommode mit einer dimmbaren Hinterglasbeleuchtung erscheinen und verschwinden lassen kann, kostet selbstverständlich extra.

Die Macht der Kristalle
Wenn es um wahren Glamour geht, führt kein Weg an Swarovski vorbei. Das österreichische Unternehmen lotet weiterhin die Möglichkeiten seiner funkelnden Kristalle aus und hat eine Reihe bekannter Designer und Architekten um ihre Ideen jenseits des Schwanes gebeten: nach einigen Jahren Absenz jetzt auch wieder zur Mailänder Möbelwoche. Dabei hat das Atelier Swarovski Home die Kooperation mit dem Jungdesigner Tomás Alonso weiter ausgebaut und konnte außerdem Ron Arad, Daniel Libeskind, Raw Edges, Fredrikson Stallard, Kim Thome, Tord Boontje und Aldo Bakker für anschauliche Objekte aus dem kristallinen Material gewinnen, die mehr an Kunstwerke als an pures Industriedesign erinnern. Dass in diesem Jahr zudem auch ein Entwurf von Zaha Hadid dabei war, den sie eigentlich zum Opening vor Ort präsentieren wollte, machte einen Besuch unabdinglich.

Alonso, der bereits zur Design Miami Basel 2015 mit eigenwilligen und ästhetischen Interpretationen des zerbrechlichen Materials begeistern konnte, hat sich offensichtlich eingearbeitet. Seine Entwürfe sind noch feiner und cleverer geworden, seine Objekte mit den charakteristisch gefärbten Klebenähten bringen zeitgenössisches Design und aktuelle Sehgewohnheiten auf einen Nenner. Die schwierigste Aufgabe hat Ron Arad den Wattener Spezialisten aufgegeben, sein kristallenes Alphabet war nicht nur das aufwendigste Exponat, sondern auch als letztes fertig: Erst am Montagnachmittag kam es mit einer Busladung von Swarovski-Mitarbeitern in Mailand an. Dass Kristall vor allem vom Licht lebt, hat die Installation der Objekte wieder einprägsam bewiesen: eine Punktladung.

Bleibt die Erkenntnis, dass die Zeit immer so schnell vergeht wie man sie empfindet, und der Schluss, dass der Salone del Mobile nach wie vor auch auf seinen Nebenschauplätzen Weltklasse ist. Man kann nicht alles kaufen. Aber diese Zeit sollte man sich nehmen.

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Mehr aus unserem Special zum Salone del Mobile 2016 finden Sie hier...

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Links

Salone del Mobile

www.salonemilano.it

Special: Salone del Mobile 2016

www.designlines.de

Hermès

www.hermes.com

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