Menschen

Autoban

von Franziska Horn, 08.01.2008

Seyhan Özdemir und Sefer Çağlar, kurz Autoban, gelten als Shootingstars der türkischen Designszene. Wallpaper kürte das 2003 gegründete Designerduo zu den „Best Young Designers of the Year 2004“, für das Museums-Restaurant „Müzedechanga“ in Istanbul gewann es den „Wallpaper Best New Restaurant 2006“-Award. Wie der Name sagt, steht Autoban für „Speed“. Mit Tempo, Eigensinn und alltagstauglichen Objekten erobert das Duo ganze Kontinente und die internationale Fachpresse feiert bereits das neue „Ottoman Empire“. Mit Designlines sprach die studierte Architektin Seyhan Özdemir über Vorbilder, Stationen und Karrieresprünge.
Autoban ist ein ungewöhnlicher Name für ein Designlabel. Wie kam es dazu?
Wir haben nach einem Namen gesucht, der international klingt. Autoban steht für Speed, das gefiel uns. Wir schreiben es ohne ,h’, weil es dann dem türkischen Wort ,Otoban’ ähnlicher ist.
Wie fühlt es sich an, in relativ kurzer Zeit so viel erreicht zu haben?
Das kann ich gar nicht beantworten. Wir machen einfach unsere Arbeit und sind sehr beschäftigt. Manchmal kommen Leute und erzählen, in welchen Magazinen sie uns gerade entdeckt haben. Aber ich fühle mich nicht größer oder anders als früher.
Gab es einen bestimmten Moment, den man als den Durchbruch bezeichnen könnte? Oder kann man diesen Punkt an einem bestimmten Objekt oder Projekt festmachen?
Also, der erste oder der eigentliche Durchbruch lag in der Entscheidung, 2003 zusammen mit Sefer Çağlar das Label Autoban zu gründen. Und der zweite entscheidende Moment kam 2004, als wir den „Best Young Design Award“ des englischen Magazins Wallpaper gewannen. Damit gehörten wir mit einem Schlag zu den fünf besten jungen Designern weltweit.
Wie lautete die Begründung der Jury für den Award?
Den gab es für die starke Aussage und Identität sowohl in unseren innenarchitektonischen Projekten als auch für das Produktdesign, und dann natürlich für das Gesamtbild.
Haben die Entwürfe von Autoban eine türkische Identität? Wie drückt sie sich aus?
Unsere Wurzeln sind spürbar, aber eher auf indirekte Art, wenn wir zum Beispiel auf regionale Materialien und traditionelle Handwerkskunst zurückgreifen. Oder indem wir geometrisch inspirierte Formen einsetzen, wie zum Beispiel beim Wandteiler in unserem Museumsrestaurant „Müzedechanga“, oder die Tradition der osmanischen Tulpe als abstrahierte Form in der Lampe „Tulip“ aufleben lassen. Wir sind bereits die zweite Generation türkischer Designer, und ich denke, die vorige fühlt sich eher türkisch und beeinflusst von der Tradition. Ich kann das von mir nicht sagen, ich sage: In erster Linie fühle ich mich als Designer.
Sefer Çağlar ist ausgebildeter Innenarchitekt, Sie haben Architektur studiert. Wann und warum haben Sie sich entschieden, als Designerin zu arbeiten?
Ganz generell mache ich beides, Architektur und Design, nur die Gewichtung wechselt. Wir haben viele Innenraumkonzepte für Cafés und Restaurants geplant. Ich mag beide Disziplinen gern, weil sie sich gegenseitig stützen. Wobei ich mich in meiner Arbeit als Designerin oft ein ganzes Stück freier fühle.
Was hat Sie zum Beispiel zum Tisch „Pebble“ inspiriert, zum Coffeetable „Pumpkin“ oder zum „Box Sofa“?
Der Tisch „Pebble“ verbindet Gegensätze und besitzt viel Schlichtheit. Die Tischplatte nimmt ganz klar die Form der Kieselsteine auf, die man am Strand findet. Für die roten eisernen Tischbeine haben wir uns von einer örtlichen Werft inspirieren lassen, denn wenn man genau hinschaut, ahmen sie die großen Baukräne nach. Das Ergebnis ist ein Tisch – aber auch eine Skulptur, wenn man will. Die Form des Coffeetable „Pumpkin“ haben wir ganz offensichtlich zwischen Turban und Kürbis angesiedelt. Und das „Box Sofa“ vereint die Statur einer Holzkiste mit dem Fifties-Chic.
Wie finden Sie Ihre Inspirationen, auf Reisen?
Ja, Reisen ist ein Muss. Ich persönlich hole mir Anregungen aus den vielen kleinen Szenen, die ich auf der Straße, unterwegs, bei den Leuten, bei anderen Völkern beobachte... das Wichtigste ist, gut hinzuschauen und sie im Kopf zu behalten.
Wie würden Sie Ihre Philosophie beschreiben?
Wir glauben an die gestalterische Kraft, die modernes Design haben kann, wenn eine Spur von Emotionalität hinzu kommt. Jedes einzelne der Produkte von Autoban hat einen bestimmten Charakter oder erzählt eine Geschichte. Der Ausgangspunkt liegt jedoch immer im Material und in seinen Möglichkeiten. Unsere Entwürfe basieren auf Ideen, die aus der Natur oder dem täglichen Leben stammen. Ausdrucksstark, zeitbeständig und angenehm im täglichen Umgang, so könnte man sagen.
Welche Vorbilder haben Sie?
Ich mag moderne Architekten und auch die Ikonen der 1950er Jahre. Unter den heutigen Designern schätze ich Patricia Urquiola, Jurgen Bey, Jasper Morrison und vor allem Ingo Maurer... I love him!
Und wie denken Sie über die Verantwortlichkeiten eines Designers?
Die Bedeutung der Verantwortung kann man unterschiedlich auffassen. Wir lieben es, Design zu entwerfen, das knapp an der Kunst vorbei geht. Wir wollen Objekte, die ästhetisch sind und das Leben erleichtern. Ich denke, wir besitzen diese Art von Verantwortung. Wir kreieren ja keine kurzlebigen Gags, sondern klassisch-moderne Stücke, die man lange um sich haben kann.
Spielen ökologische Aspekte oder Umweltargumente eine Rolle im Designprozess?
Damit beschäftigen wir uns in der jeweiligen Entwurfsphase. Wir sind sicher, dass Beschränkungen die Kreativität herausfordern und stärken. Wir verwenden viele lokale Materialien wie Holz, Glas, Eisen und verarbeiten sie nach den Möglichkeiten örtlicher Handwerkskunst, die man hier überall finden kann. Gerade die traditionellen Materialien haben ihren Wert für uns, weil sie beständiger und nachhaltiger sind. Mit anderen Worten: Wir schaffen neue und moderne Objekte mit bewährtem Hintergrund.
Wie viele Mitarbeiter beschäftigen Sie im Moment?
Aktuell besteht das Team aus 20 Leuten, mit ganz unterschiedlichen Aufgaben natürlich.
Und in welchen Ländern läuft der Verkauf bisher am besten?
Wir haben Anfragen aus der ganzen Welt. Die statistische Auswertung zeigt jedoch, dass die meisten Objekte nach Frankreich, England, Deutschland und in die Vereinigten Staaten gehen.
Was unternehmen Sie eigentlich, um all diese Kunden zu finden?
Um ehrlich zu sein: Es ist genau anders herum, die Kunden finden uns. Seitdem unsere Objekte und auch die Interior-Projekte wie die „House-Café“-Kette oder das Modelabel „Vakko“ in zahlreichen ausländischen Publikationen – und ebenso in den hiesigen – veröffentlicht wurden, kennt man unseren Namen. Und auch die Messen im In- und Ausland, an denen wir teilnehmen, haben ihren Teil dazu getan, mit Geschäftspartnern ins Gespräch zu kommen.
Es gibt bereits sehr viele Veröffentlichungen über Autoban, besonders in der ausländischen Presse. Verfolgen Sie eine bestimmte PR-Strategie?
Wir haben keine bestimmte Strategie und starten auch keine PR-Kampagnen, falls Sie das meinen. Wir kümmern uns vor allem um unsere Arbeit und beantworten nebenher die Anfragen der Journalisten. Das Design selbst sollte stark und aussagekräftig sein, das reicht.
Könnten Sie sich vorstellen, ganz woanders oder außerhalb von Istanbul zu arbeiten?
Ja, vielleicht. Aber ich möchte immer mit Istanbul in Verbindung bleiben. Weil für mich Istanbul die Hauptquelle aller Inspirationen ist. Vielleicht spielt sich unsere Zukunft im Dreieck zwischen London, New York und Istanbul ab.
Sind Sie denn jemals auf einer deutschen Autobahn gefahren? Es gibt ja kein Tempolimit hier. Lieben Sie Geschwindigkeit?
Ja, ich kenne deutsche Autobahnen, bin aber nicht selbst am Steuer gesessen. Und fahre auch nicht besonders gern schnell. Ich finde, das Leben ist doch selbst wie eine Autobahn: Du musst an den richtigen Stellen die richtigen Entscheidungen treffen.
Vielen Dank für das Gespräch.
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Links

Restaurant Müzedechanga

www.changa-istanbul.com

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