Projekte

Schwarz-Weiß Dialog

von Fee Keller, 10.07.2013


Das Versteckspiel hat ein Ende: Das Schwule Museum machte einen riesigen Schritt und zog raus aus dem Hinterhof ran an die Front. Neu ist nicht nur der Standort, sondern auch sein Image. Kontrastreich, modern und professionell gestaltete das Büro Wiewiorra Hopp Schwark Architekten die neuen Räume.



Das Schwule Museum in Berlin wurde 1985 aus der homosexuellen Subkultur heraus gegründet und entwickelte sich schnell zu einer zunehmend gefragten Institution. Pornos, Zeitschriften und persönliche Sammlungen aus Nachlässen und Schenkungen lassen das Archiv kontinuierlich wachsen. Mit der größten und selektierten Sammlung arbeiten heute internationale Wissenschaftler und Museen. Durch die Expansion des Archivs drohte der sanierungsbedürftige Berliner Altbau im Kreuzberger Hinterhof aus allen Nähten zu platzen. Ein neuer Standort musste her. Als neue Unterkunft entschied man sich für die leerstehenden Räume einer ehemaligen Druckerei in der Lützowstraße in Tiergarten-Mitte.

Professionell statt provisorisch


Auf den drei Etagen verteilt finden vier Ausstellungsräume, das Archiv, eine Werkstatt und ein Büro Platz. Neu ist das hauseigene Café, in dem auch Veranstaltungen stattfinden können. Trotz des kleinen Budgets wurde die heruntergekommene Industriefläche nicht provisorisch renoviert sondern professionell saniert. Für das Archiv im Keller wurde sogar eigens eine Klimatisierung installiert. Mit der Planung des Ausbaus der Räume wurde das Architekturbüro Wiewiorra Hopp Schwark Architekten beauftragt. Hierbei schlüpfte Carsten Wiewiorra, in eine Doppelrolle als Architekt und Innenarchitekt. Ehrenamtlich gestaltete er das Innenkonzept, eine Selbstverständlichkeit für das Vorstandsmitglied des Schwulen Museums, denn überzeugt sagt er, „ein konsequentes Haus braucht ein konsequentes Design.“ Mit einfachen Mitteln an das geringe Budget angepasst entwarf er ein kontrastreiches, markantes Interior, das mit dem Besucher einen Dialog eingeht und Eindruck hinterlässt. Ein Besuch ist wie ein lebhaftes Gespräch mit Höhen und Tiefen, Ruhephasen und Spannung.

Konsequente Kontraste


Schwarz-weiß ist das Farbkonzept, das sich bis ins kleinste Detail fortsetzt und von Raum zu Raum mit dem Besucher kommuniziert. Raffinierte Akzente und ein Spiel zwischen Gegensätzen erzeugen Ruhe, Spannung und Balance. Direkt im Eingangsbereich wird man mit dem harten Kontrast konfrontiert: Ein mächtiger schwarzer Tresen mit weißer Ablagefläche fällt einem direkt ins Auge. Ihn umgeben Wände, die im ausgeglichenen Verhältnis schwarz und weiß gestaltet sind. Mit ihrem Industriecharme erinnert die unverputzte Rohbaudecke nostalgisch an die Zeiten in denen die Druckmaschinen in den Räumen ratterten.

Hell, weiß und rein wirken die Ausstellungsräume. In ihnen ist das Hell-Dunkel-Spiel stark reduziert. Nur wer genau hinsieht entdeckt das Schwarz-Weiß-Konzept wieder. Flexible Wände und Vitrinen stehen auf unscheinbar, zurückversetzten, schwarzen Filzsockeln. Sie sind verstellbar und können je nach Bedarf als zusätzliche Ausstellungsfläche aufgebaut werden und den Raum in Teilbereiche trennen.

Wild ist der Kontrast im Flur, der einen aus den Gedanken reißt. Über eine unsichtbare  Schwelle betritt man einen schwarzen Boden. Schräg senkt er sich von beiden Seiten zur Mitte hin. Wie aus einem Traum wachgerüttelt verschwindet die harmonische Atmosphäre schlagartig. Stattdessen schreien einem schwarz-weiße, asymmetrische Formen von der Decke und den Wänden ins Gesicht. Schräge Wände und eine abschüssige Decke verstärken die Unruhe und verlängern den Gang optisch. Das I-Tüpfelchen bilden die Treppengeländer, die im Kontrast zu den Wänden schwarz weiß im Wechsel gestrichen sind. Der zentrale Kreuzungspunkt, in den man beim Rundgang immer wieder zurückkehrt, verbindet alle Räume miteinander. Er wird zum Kunstwerk, das gleichzeitig die unterschiedlichen Ausstellungen nicht nur räumlich sondern auch thematisch und im Kopf trennt. Der rampenartige Boden verstärkt nicht nur die schräge Stimmung, sondern macht das Museum gleichzeitig behindertengerecht.

Fehler kultivieren


Schräg ist auch das Lichtkonzept. Vier diagonal gehängte Neonröhren, bilden jeweils ein Kreuz. Das aus einer Notlösung entstandene Provisorium erwies sich als optimales Konzept. „Lange Zeit war nicht ganz klar, wie die Regale der Bibliothek stehen werden“, erklärt Wiewiorra, „durch die diagonale Anbringung wird jeder Bereich ohne Lichtverlust gleichmäßig ausgeleuchtet“. Praktisch ist das ausgeklügelte System auch in den Ausstellungsräumen, die durch flexible Wände immer wieder anders unterteilt sind. Letztendlich wird die Kunst aber durch Strahler, die an rechteckigen Schienen angebracht sind, ins rechte Licht gerückt.

Schwarz weiß rosa

Die Zeiten, in denen sich Homosexuelle verstecken mussten sind heute in deutschen Großstädten passee. An drei Tagen im Jahr gehört die Straße ihnen. In Köln, Hamburg und Berlin feiern sie in Regenbogenfarben, ausgelassen und vor allem öffentlich den CSD, ein großes Fest, das viele Schaulustige anlockt. Durch die endlich wachsende Toleranz  kann sich das Schwule Museum jetzt auch in der ersten Reihe präsentieren. Für die Adresse in der Lützowstraße entschied man sich nicht  nur  wegen der Räumlichkeiten der Druckerei. Vielmehr nutzt die wachsende, gefragte Institution die Adresse, um einen unbekannten Ort zu beleben und letztendlich Geschichte zu schreiben.

Das Schwule Museum
ist ein konsequentes Haus mit einem gelungenen, konsequenten Interior. Auch das Konzept, stille Orte oder Örtchen zu beleben, führte der Architekt konsequent fort. Ein Blick in die Gender-Unisex-WCs lohnt sich. Welche Farbe wählt man da? Natürlich „rosa“, sagt Wiewiorra scherzhaft, das erfüllt Klischees und jeder ist Willkommen.
Facebook Twitter Pinterest LinkedIn Mail
Links

Projektarchitekten

www.whs-architekten.de

Mehr Projekte

Eine eigene Welt

Großzügiger Umbau eines schmalen, viktorianischen Reihenhauses in Sydney von Studio Carson Kelly

Großzügiger Umbau eines schmalen, viktorianischen Reihenhauses in Sydney von Studio Carson Kelly

Ungleiche Zwillinge

Neubau mit Nähe zur Nachbarschaft von Wadhal in London

Neubau mit Nähe zur Nachbarschaft von Wadhal in London

Glamping in Japan

Naturnahes Tiny House aus heimischem Holz von Pan-Projects

Naturnahes Tiny House aus heimischem Holz von Pan-Projects

Radikale Wunderkammer

Ein Rundgang durch das Apartment MOM von J. Mayer H. in Berlin

Ein Rundgang durch das Apartment MOM von J. Mayer H. in Berlin

Geheilter Bestand

Umbau und Erweiterung eines Fuhrwerkerhauses in Düsseldorf von Nidus

Umbau und Erweiterung eines Fuhrwerkerhauses in Düsseldorf von Nidus

Im Rhythmus des Alltags

Unkonventioneller Umbau in Barcelona von Skye Maunsell und Jordi Veciana

Unkonventioneller Umbau in Barcelona von Skye Maunsell und Jordi Veciana

Neubau mit Seele

Wohnhaus der Innenarchitektin Julie Thiers in Flandern

Wohnhaus der Innenarchitektin Julie Thiers in Flandern

Spuren im Bestand

Umbau einer Villa in Posen von Adam Wierciński

Umbau einer Villa in Posen von Adam Wierciński

Mehr Raum als Quadratmeter

Wohnungsumbau Casa JAM von gon architects in Madrid

Wohnungsumbau Casa JAM von gon architects in Madrid

Salbeigrün in Florenz

Sanierung einer historischen Villa in Florenz von bucci quentin

Sanierung einer historischen Villa in Florenz von bucci quentin

Hierarchie in Blockfarben

Apartment für zwei in Mailand von Marabelli Marongiu Architetti

Apartment für zwei in Mailand von Marabelli Marongiu Architetti

Das Erbe des Freibeuters

Restaurierung eines Stadthauses in Katalonien von Raúl Sánchez

Restaurierung eines Stadthauses in Katalonien von Raúl Sánchez

Klangfarben des Wohnens

Apartment in Minsk für einen Musikliebhaber von Mihail Kurnosov

Apartment in Minsk für einen Musikliebhaber von Mihail Kurnosov

Alles in Butter

Constanze Ladner kleidet eine Wohnung bei Wiesbaden in sanftes Gelb

Constanze Ladner kleidet eine Wohnung bei Wiesbaden in sanftes Gelb

Wohnen im Werden

Tifliser Hausmodernisierung von David und Alexander Brodsky

Tifliser Hausmodernisierung von David und Alexander Brodsky

Sensibel, aber kompromisslos

Ferienhaus von STEINBAUER architektur+design in Waidmannsbach

Ferienhaus von STEINBAUER architektur+design in Waidmannsbach

Hinter die Fassade geschaut

Umbau in Ostflandern: Objekt Architecten im Dialog zwischen Tradition und Moderne

Umbau in Ostflandern: Objekt Architecten im Dialog zwischen Tradition und Moderne

Fort im Forst

Ringbau von Fernanda Canales im mexikanischen Valle de Bravo

Ringbau von Fernanda Canales im mexikanischen Valle de Bravo

Räume ohne Raster

Ein radikal geöffneter Grundriss von RDTH architekti in Prag

Ein radikal geöffneter Grundriss von RDTH architekti in Prag

Wohnen in der Beletage

Umbau einer Altbauwohnung in Charlottenburg von Batek Architekten

Umbau einer Altbauwohnung in Charlottenburg von Batek Architekten

Grauzone mit Aussicht

Puristisches Rooftop-Apartment von unprofessional.studio in Taipeh

Puristisches Rooftop-Apartment von unprofessional.studio in Taipeh

Generationswechsel im Siedlungshaus

atelier brum baut Kölner Reihenhaus in offenen Wohnbau um

atelier brum baut Kölner Reihenhaus in offenen Wohnbau um

Transluzenter Blockbau

Wohnturm aus Glas und Gitter von Studioninedots in Amsterdam

Wohnturm aus Glas und Gitter von Studioninedots in Amsterdam

Skulpturaler Unterschlupf

Nachhaltige Holzhütte in den Pyrenäen

Nachhaltige Holzhütte in den Pyrenäen

Helix aus Stahl

Architettura Tommasi gestaltet Loft in historischem Adelspalast in Padua

Architettura Tommasi gestaltet Loft in historischem Adelspalast in Padua

Glutroter Kokon

Reihenhaus-Modernisierung von Pablo Sanchez Lopez in London

Reihenhaus-Modernisierung von Pablo Sanchez Lopez in London

Beton und Behaglichkeit

BekArch transformiert eine Prager Backstube in ein helles Studio-Apartment

BekArch transformiert eine Prager Backstube in ein helles Studio-Apartment

Urbaner Lückenfüller

Zwei Wohnbauten von Pend in Edinburgh

Zwei Wohnbauten von Pend in Edinburgh

Fifty Shades of Marble

Mistovia verwandelt einen Krakauer Rohbau in ein Zuhause mit Atelier

Mistovia verwandelt einen Krakauer Rohbau in ein Zuhause mit Atelier

Haus der Gegensätze

Architektura baut in der Nähe von Prag ein ungewöhnliches Familiendomizil im Wald

Architektura baut in der Nähe von Prag ein ungewöhnliches Familiendomizil im Wald